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Jan
Administrator

Beiträge: 8872


New PostErstellt: 09.01.08, 17:56     Betreff:  Re: Abstrakte Kunst: Das Blind-Lineal-Spiel

    Zitat: susann
    Ne, neeee, lieber Jan ... da piepst's schon immer!



Hallo Susann,
das freut mich. Als ich nach dem Abitur an die Kunsthochschule kam, gab es ein paar Mitstudenten, die ich ziemlich verrückt fand und genau deswegen beneidet habe, weil ihre Bilder dadurch besonders eigenwillig waren. Und ein eigenwilliger Stil sticht bekanntlich aus der Menge hervor und hat größere Chancen, Beachtung zu finden. Aber nicht nur wegen der Beachtung habe ich sie beneidet, sondern weil ich ihre Bilder wirklich besser fand als meine. (Wobei wir wieder beim alten Thema der Selbstzweifel und des ewigen Zensors gelandet sind.)

... Faszinierend finde ich das "Licht" hinter dem Zentrum ... das leuchtet wirklich.

Das ist sehr einfach zu machen: am Rand möglichst dunkel beginnen und die Farbe zur Mitte hin verdünnen bzw. die Kreide mit dem Wattebausch nach innen verwischen. Am Rand habe ich einfach einen dunklen Kreidebalken übers Papier gezogen, das sieht zuerst sehr grob aus, aber durch den Wattebausch wird es bei genügendem Verreiben immer milder und einheitlicher, und mit der Zeit ist der Bausch so eingefärbt, dass er auch Farbe abgibt, wenn man weiter nach innen wischt. Als dann alles aussah wie einheitlich blaue Soße brauchte ich nur mit dem Knetradierer ein paar Flächen wieder auszutupfen, dadurch strahlt das Bild von innen nach außen.

... Vier Farben nur und trotzdem so nuancenreich.

Das ist der alte Trick: Je weniger Farben du nimmst, desto intensiver kommt jede einzelne Farbe zur Geltung. Eine Farbe braucht Platz, um ihre Schönheit und Leuchtkraft zu entfalten. Vergleiche mal dieses "abstrakte" Bild mit der bunten "Kinderlandschaft" ganz oben: viele Farbstifte, aber nicht farbig, sondern bunt. Kinder haben es meistens gerne bunt, allerdings staunen sie auch, wenn ein Märchenbild durch Farbigkeit eine geheimnisvolle Atmosphäre verbreitet (siehe Anhang: Vollmondnacht).

... Aber ... an der Komposition sieht man, dass Du gespickelt hast.

Unbewusst habe ich sowohl mit geschlossenen wie mit offenen Augen folgende Kompositionsgesetze im Kopf gehabt:

1. Senkrechte und waagrechte Linien wirken statisch und beruhigend, aber wenig dynamisch, darum habe ich das Lineal immer schräg gehalten.

2. Zu viele verschiedene Richtungen wirken chaotisch und verwirrend, jede Richtung braucht zum Auffangen Parallelen im Bild.

3. Rhythmus entsteht durch Variation der Äbstände, der Häufigkeit und der Größe.

4. Zu viele Linien schwächen die Übersichtlichkeit, es langt, ein paar Grenzen für die Farbflächen anzudeuten, der Rest kommt durch die Farbe und die Farbverläufe.

... Ich muss mal probieren, ob man die Graphitstifte auch verwischen kann, müsste ja eigentlich gehen.

Ja natürlich geht das. Du kannst den Wattebausch schon gleich am Anfang mit einplanen, indem du die Flächen, die zart und hell bleiben sollen, nur leicht schraffierst und dann mit Watte kräftig verreibst. Anschließend kannst du die dunkeren Stellen zeichnen, die du nicht verreiben willst. Dadurch vermeidest du, dass durch das Verreiben alles lasch und strukturlos aussieht. Der Reiz der deutlich erkennbaren Schraffur sollte möglichst erhalten bleiben.

... Also, das nasse Bild sieht ziemlich ... nass aus. ... Ein gescheites Papier wäre nicht schlecht gewesen ...

Mein Bild ist ebenfalls mit Aquarellstiften gemalt, allerdings mache ich die Zeichnung nur nass, wenn ich auf Aquarellpapier gemalt habe. Alles andere Papier wellt sich leider beim Trocknen, weil es nicht zum Befeuchten gedacht ist (selbst durch dickere Tuschestriche wellt sich Papier, das dafür nicht geeignet ist).
Aquarellstifte verleiten zum Befeuchten, weil die Farbe nass stärker zum Leuchten kommt. Leider merkt man erst im Nachhinein, dass man das falsche Papier verwendet hat. Für Buntstifte greift man normalerweise zu Zeichenpapier. Ich verwende die Aquarellstifte nur, weil sie einen weichen Farbauftrag geben, nicht glänzen und sanfter aussehen als die harten oder öligen Farbstifte.

... mich stört auch das weiß am Rand. Mal sehen, ob ich noch irgendwas daran verändere

Die Wellen und Flecken vom Befeuchten kannst du durch Dunkelheit übertünchen, am besten mit kräftigen Schraffuren, dadurch kann die Mitte auch farbiger wirken.

... Bin mal gespannt, was sich da noch draus entwickelt.

Ich auch. Vor allem hoffe ich, dass sich auch andere angeregt fühlen, mal zum Lineal zu greifen, die Augen zu schließen und einfach mal den abstrakten Künstler zu spielen.

Viele Menschen haben keinen Zugang zur abstrakten Kunst, nach meiner Meinung aus einem einfachen Grund: Sie haben es noch nicht selber versucht. Für mich persönlich kommt das Verständnis für zeitgenössische Kunst nicht durch betrachten, sondern durch selber zeichnen. Beim Nachvollziehen des Malvorgangs wird mir plötzlich kar, wie einfach und folgerichtig solche Bildwerke im Gestaltungsprozess entstehen. Unser Zeichenprofessor im Mainz sagte immer: Jedes Bild eines Altmeisters enthält die Gesetze der abstrakten Kunst, Komposition, Rhythmus, Wiederholung, Gegensatz, alles, was eine Bildfläche reizvoll macht, hat mit dem Gegenstand der Darstellung überhaupt nichts zu tun.

Bei der Auswahl der Buntstifte bekamen die Linien, die ich anfangs blind und fast unbewusst gezeichnet hatte, plötzlich immer mehr Bedeutung. Die seltsamen Diagonalen, die sich ganz ohne parallele Entsprechung übers Bild ziehen, wurden ganz von selbst zur Hauptsache und mit der intensivsten Farbe betont, gleichzeitig habe ich das Rot nur für möglichst kleine Flächen verwendet, das blau dagegen für den gesamten Hintergrund. (rot springt nach vorn, blau zieht nach hinten wie der Himmel).
Dieses Spiel mit abstrakten Formen ist am besten geeignet, um Komposition, Bildaufteilung, Farblehre und vieles andere in Reinform zu üben.

Genug für heute.

Jan
PS:
Hättest du was dagegen, diesen Beitrag in den Schnupperkurs
zu verschieben, damit er öffentlich für alle sichtbar wird? Ich will
dort eine Ecke für Mal- und Zeichenspiele zum Mitmachen einrichten, die als Wiedereinstieg ins Zeichnen und
Malen geeignet sind.



Aktuelles und Workshop-Galerie auf: http://www.genial-zeichnen-lernen.de

Jan

Lernmethode, Kursbeschreibung, Preise und Anmeldung über: http://www.genial-zeichnen-lernen.de


[editiert: 10.01.08, 18:27 von Jan]


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