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Zur immerwährenden Erinnerung an den bedeutendsten Historiker unserer Nachkriegsrepublik: Univ.-Prof. Dr. Hellmut Diwald
Weil die Geschichte letztlich das Auge der Wahrheit ist, sollten wir uns immer wieder an den bislang bedeutendsten Historiker der Nachkriegsrepublik, Univ.-Prof. Dr. Hellmut Diwald, erinnern.
Hierzu primär zwei Hinweise:
Die Weltnetzseite zu Helmut Diwald, von seinem Sohn Hans Diwald präsentiert und betreut, findet man unter:
http://www.hellmutdiwald.de/
Hinweise zu dem großen Gedächtnisband für Hellmut Diwald findet man im Weltnetz unter:
http://www.hellmutdiwald.de/html/beitrage_uber_hd.html
Hier vielleicht zwei weniger bekannte Beiträge von Hellmut Diwald und seiner überragenden Kraft der historischen Darstellung:
Hellmut Diwald
Geleitwort zum Lexikon und zur Chronologie Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert
"Die kritische Geschichtswissenschaft, die vor knapp zweihundert Jahren durch Barthold Georg Niebuhr und Leopold von Ranke ihr Gepräge erhielt, wird von drei Säulen getragen: den Quellen, ihrer Interpretation und der sachgerechten Darstellung. Das Quellenmaterial ist nicht nur eine unerläßliche Bedingung für die Urteilsbildung, sondern auch für die Zuverlässigkeit und Unabhängigkeit dieses Urteils. In den Quellen, insbesondere in den schriftlichen Zeugnissen, die uns erhalten sind, manifestiert sich die Geschichte. Geschichtsforschung läuft deshalb im Grunde auf nichts anderes hinaus, als daß wir das Quellenmaterial zum Sprechen bringen. Eine Geschichtsschreibung, die sich in der Darstellung nicht auf Quellen stützen kann, unterscheidet sich nur äußerlich von historischen Romanen, liest sich aber in der Regel nicht so gut.
Heute gilt es als Grundregel der Geschichtswissenschaft, von einer möglichst breiten Quellenbasis auszugehen. Obwohl im Zweifelsfall auch eine scheinbar belanglose Notiz beträchtlichen Zeugniswert besitzen kann, braucht einer grundsätzlichen Gleichwertigkeit des historischen Materials nicht das Wort geredet zu werden. Ob ein Dokument wichtig oder unwichtig ist, entscheidet sich immer anhand der Fragestellung des Geschichtsforschers. Die Fragestellungen ergeben sich aus seinem Arbeitsvorhaben. Aber selbst diese Eingrenzung geht niemals so weit, daß dadurch die Möglichkeit einer rangmäßigen Einstufung des Geschichtsmaterials völlig über den Haufen geworfen wird. Die "12 Artikel der Bauernschaft" aus dem Jahr 1525 sind und bleiben ein gewaltiges Zeugnis der Geschichte. Eine Notiz über den Kubikzentimeter-Inhalt des Tintenfasses eines mecklenburgischen Konsistorialrates im 19. Jahrhundert muß demgegenüber nicht unbedingt nur als amüsante Belanglosigkeit bezeichnet werden, aber zweifellos besitzt das erste Dokument einen höheren Stellenwert.
Diese Hierarchie flacht sich beträchtlich ab, sobald es um Fragen der Zeitgeschichtsforschung geht. Der Hintergrund des Problems, wie historisches Material einzustufen und zu bewerten ist, wird von der Frage nach dem Wichtigen und Unwichtigen, Wesentlichen und Unwesentlichen geprägt. Die Entscheidung darüber wird in der Zeitgeschichtsforschung und ebenso bei den meisten Geschichtsdarstellungen des 20. Jahrhunderts nur selten ohne politische Rücksichten gefällt. Für den Geschichtsunterricht in West- und Mitteldeutschland wurde nach 1945 das Programm der Umerziehung verbindlich, das von den vier Siegermächten bereits während des Zweiten Weltkrieges beschlossen und vorbereitet worden war.
Derselben Auflage hatte auch die Zeitgeschichtsforschung in der Bundesrepublik nachzukommen, die in der Nachkriegszeit entstand. Ihre Richtung war von vornherein festgelegt. Sie schlug sich in der Bezeichnung ihres 1950 in München gegründeten Zentrums nieder: "Deutsches Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit". Die Aufgabe war unmißverständlich, sie stand im Dienst der sogenannten Vergangenheitsbewältigung. Um diese Hypothek nach außen hin zu verbergen, wurde 1952 der Name neutralisiert und geändert in "Institut für Zeitgeschichte".
Der politische Auftrag der Vergangenheitsbewältigung im Sinne der Umerziehung machte es der zeitgeschichtlichen Forschung nach 1945 von Anfang an unmöglich, dem Anspruch wissenschaftlicher Objektivität gerecht zu werden. Besonders gravierend war der Umstand, daß das Münchener Institut und mit ihm die gleichgelagerte Zeitgeschichtsforschung aufgrund der politischen Fixierung dazu genötigt war, bei der Auswahl der Quellen bewußt selektiv zu verfahren. Überdies wurden ganze Fragenkomplexe wegen ihrer politischen Brisanz ausgespart; sie waren tabuisiert. Dazu kam schließlich noch der Umstand, daß nur ein streng begrenzter Zugang zu den Quellen möglich war. Zeitgeschichtsforschung, das hieß damals: wenig Material, versetzt mit viel Meinung.
Diese Einschränkung gilt noch immer. Die Siegermächte hatten im Frühjahr 1945 das gesamte Quellenmaterial zur deutschen Geschichte seit 1918, das ihnen noch bei der Besetzung Deutschlands in die Hände fiel, umgehend beschlagnahmt und abtransportiert. Die USA und Großbritannien gaben nach 1960 wesentliche Bestände zurück. Frankreich und die Sowjetunion halten die Dokumente bis heute unter Verschluß. Nur in wenigen Ausnahmefällen gelingt die Einsicht in gewisse Komplexe.
Am unzugänglichsten sind auch im Ausland jene Dokumente, für die naturgemäß das deutsche Interesse besonders groß ist. Daß sich die englische Regierung dazu entschloß, die Unterlagen über die Mission von Rudolf Heß bis zum Jahre 2017 zu sperren, spricht für sich. Dasselbe gilt für die rund 2000 Telegramme, die Winston Churchill und Präsident Roosevelt vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg gewechselt hatten und in denen sich, wie Churchill selbst bekundete, die wirklich wichtigen Tatsachen für den Eintritt Amerikas in den Krieg finden. In den USA verbietet ein Gesetz ausdrücklich ihre Veröffentlichung.
Wer diesen Rahmen bedenkt, innerhalb dessen sich die deutsche Zeitgeschichtsforschung zu bewegen hat, wird jede Bemühung begrüßen und unterstützen, die der Sicherung und Erweiterung des Dokumentenstandes dient. Die Vereinigung "Kultur und Zeitgeschichte - Archiv der Zeit" wurde zu diesem Zweck gegründet und sieht darin ihre Hauptaufgabe. Mit den beiden Bänden "Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert" legt sie eine Chronologie der wichtigsten Ereignisse seit 1900 und ein Lexikon von Stichworten vor, die zumeist in der einschlägigen Literatur nur schwer oder entstellt zu finden sind. Die Bedeutung einer solchen Publikation braucht kaum unterstrichen zu werden. Hier wird ein Material vorgelegt, das weit verstreut und auch demjenigen nur schwer zugänglich ist, dem die Probleme unserer jüngeren Geschichte etwas besser vertraut sind. Da sich während der letzten Jahrzehnte in Deutschland ein bestimmt umrissenes Geschichtsbild durchgesetzt hat, bieten die beiden Bände die Möglichkeit, in vieler Hinsicht Korrekturen anzubringen. Korrekturen, die vor allem an den Tatsachen selbst durchzuführen sind.
So widersinnig es auch klingen mag: Unsere Epoche ist geradezu besessen von einem schrankenlosen Bedürfnis nach zuverlässiger Information, und doch wird nichts so häufig entstellt, verdreht, in politische Richtungen gebogen, manipuliert wie die Tatsachen. Wie aber kann ein zutreffendes Geschichtsbild entstehen, wenn es sich auf vermeintliche Tatsachen gründet und nicht auf die wirklichen Tatsachen? Die Zeitgeschichtsforschung im Ausland, vor allem in den Vereinigten Staaten, hat sich inzwischen schon seit Jahren zu einer Geschichtsschreibung der Vorurteilslosigkeit und Unbefangenheit durchgerungen. Die Sowjetunion vollzieht zur Zeit dieselbe Revision. Es sei nur an Katyn und die Ermordung von Abertausend polnischen Offizieren durch die Sowjets während des Zweiten Weltkrieges erinnert oder an jüngste Veröffentlichungen über die Vorbereitungen Stalins zum militärischen Angriff auf Deutschland, anhand derer die Frage neu aufgerollt werden muß, ob Hitler 1941 nicht zu einem Präventivschlag gezwungen war.
Wahrheitsfindung ist kein antiquiertes Unternehmen. Wahrheitsfindung in der Historiographie bedeutet Objektivität. Und dies wiederum heißt nichts anderes, als den Dingen, Ereignissen, Entwicklungen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen - gleichgültig dagegen, ob die Ergebnisse für irgendeine Politik begrüßenswert sind oder nicht. Auf Gerechtigkeit hat die Geschichte genauso Anspruch wie jeder einzelne Mensch. Wer Tatsachen zurechtrückt, dient dem immer noch gültigen Grundsatz, den der größte deutsche Historiker, Leopold von Ranke, der modernen Geschichtsschreibung als Imperativ mit auf den Weg gegeben hat: Nicht mehr und nicht weniger zu tun, als "darzustellen, wie es eigentlich gewesen".
Hellmut Diwald in: Waldemar Schütz (Hrsg.), Lexikon und Chronologie, Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, Kultur und Zeitgeschichte – Archiv der Zeit, Rosenheim 1990, S. 5-7
Hellmut Diwald:
Wallensteins Tod
"Am 22. Februar bricht Wallenstein nach Eger auf, bei ihm sind Ilow, Trcka, Kinsky, sie haben ihre Frauen bei sich, zehn Kompanien begleiten den Zug. Wallenstein hat die Nachricht vom Abfall des Heeres in starrer Ruhe entgegengenommen. Die kleine Truppe kommt nur langsam voran, jeder Stoß der Sänfte, in der Wallenstein liegt, bereitet ihm die schlimmsten Schmerzen. Die erste Etappe endet in Mies, knapp 50 Kilometer westlich von Pilsen. Das Schloß gehört zum Besitz Ilows, hier wird das Nachtquartier aufgeschlagen. In Mies stößt der Zug auf das Dragonerregiment Walter Butlers. Wallenstein hatte ihm den Befehl gegeben, hier zu warten und ihn nach Eger zu begleiten. Butler gehorcht. Er ist in einer Zwangslage. Von Gallas hat er schon die Anweisung, keinem Befehl Wallensteins zu gehorchen, andererseits ist er nicht so mutig, sich mit den Streitkräften des Herzogs anzulegen.
Die nächste Station ist das Städtchen Plan mit seinem Schloß, südlich von Marienbad. Hier stößt Walter Leslie zu dem Zug. Wallenstein hatte Johann Gordon, dem Stadtkommandanten von Eger, befohlen, ihm den Obristwachtmeister des Regiments nach Plan entgegenzuschicken. Wallenstein erklärt ihm die Lage, er versucht, Leslie auf seine Seite zu ziehen. Leslie äußert sich nicht. Erst am Spätnachmittag des 24. Februar sind die starken Mauern von Eger zu sehen.
Zum fünften Mal in seiner Laufbahn zieht Wallenstein in diese Grenzfeste ein, aus Eger ist er 1625 ins Reich, in die Szene der großen Geschichte aufgebrochen. Der schottische Oberstleutnant Gordon liegt hier mit einem Infanterieregiment Trckas in Garnison. Wallenstein nimmt Quartier im Stadthaus am unteren Marktplatz, bis jetzt hat Gordon dort seine Wohnung gehabt. Das große, schöne Gebäude hatte der Familie Pachelbel gehört, zwei von ihnen waren Bürgermeister von Eger gewesen, sie exilierten wegen ihres Glaubens. Wallenstein hat schon 1625 und 1650 im Pachelbel-Haus gewohnt. Ilow, Trcka und Kinsky beziehen in Häusern auf dem gleichen Platz Quartier.
In der Nacht zum 25. Februar trifft die Meldung von der Absetzung Wallensteins in Eger ein. Der Herzog hält sie geheim, weder Butler noch Gordon oder Walter Leslie erfahren den Inhalt des Dekrets. Angeblich soll Wallenstein die ganze Nacht mit seinem Astrologen Johann Baptist Zenno verbracht, konferiert, Gestirnspositionen berechnet haben. Eine billige Legende; Wallenstein hatte in diesem Moment die Warnungen stellarischer Natur nicht mehr nötig, es gab wichtigere Dinge, die Briefe, die er in den ersten Stunden nach seiner Ankunft in Eger diktierte, die Pläne, die er skizzierte, die Besprechungen, die er abhielt - das alles zeigt, wie intensiv sein Blick auf das Nächstliegende und nicht zum Himmel gerichtet war. In dieser Situation kam. es nicht darauf an, das Schicksal auszudeuten oder überhaupt nur zu verstehen, sondern bloß darauf, damit fertig zu werden, selbst wenn es unverständlich gewesen wäre. Soviel ist sicher: Wallenstein hatte volles Bewußtsein von dieser Phase des Umbruchs, und da waren Schicksal, Vergehen, Sünde nichts weiter als Momente der allgemein-irdischen Unbeständigkeit.
Noch einmal versucht der Herzog, den Schotten Leslie für seine Pläne gegen den Kaiser, die jetzt nichts anderes sind als seine eigenen Rettungspläne, zu gewinnen. Leslie informiert Gordon und Butler. Die drei Offiziere entschließen sich, Wallenstein samt seinen Anhängern in Eger außer Gefecht zu setzen, gefangenzunehmen.
Am nächsten Morgen versammelt der lange Baron Ilow die Stabsoffiziere in seinem Quartier. Erregt schildert ihnen der Marschall, daß der Herzog völlig zu Unrecht die kaiserliche Gnade verloren habe, und verlangt von ihnen einen neuen Treueid. Sicher, auch dieses Gelöbnis entsteht unter Druck, trotzdem ist es charakteristisch, daß Gordon, Butler und Leslie noch einmal feierlich ihre Treue zu Wallenstein beschwören.
Kurz darauf ändern die drei ihren Plan, sie wollen den Herzog und seine Generale umbringen. Es gibt keine bündigen Zeugnisse dafür, daß ihnen die kaiserliche Alternative »lebendig oder tot« bekannt gewesen ist; viele Gründe sprechen dafür und ebenso gute Argumente dagegen. Tatsache bleibt, daß sie eigenmächtig handeln.
Sie entschließen sich zur Tötung, es ist ungefährlicher und bequemer; der Überraschungsmord kommt ihrer natürlichen Feigheit entgegen. Außerdem rechtfertigen sie durch eine solche Tat ihre angeschlagene Kaisertreue besonders eindrucksvoll, denn schließlich hat Gordon entgegen dem strikten Befehl von Gallas die Festung Eger, den »Schlüssel zu Böhmen«, an Wallenstein ausgeliefert. Ihr Gedankengang ist richtig: Gelingt es Wallenstein, zur Grenze durchzukommen oder sich in Eger mit sächsischen oder schwedischen Truppen zu verbinden, ist ihr eigenes Ende besiegelt, wenn sie nicht auf seiten des entmachteten Feldherrn bleiben wollen. Mit großen Geldgeschenken werden Offiziere und Dragoner für die Morde angeworben, es sind kaum Deutsche dabei, Schotten, Iren, Italiener, Spanier erscheinen zuverlässiger.
Ilow, Trcka, Kinsky und der Sekretär, Rittmeister Neumann, werden für den Abend des 25. Februar 1654 von Gordon zu einem Bankett auf die Kaiserburg geladen. Der neue Treueid auf den Generalissimus soll gefeiert und begossen werden. Am Spätnachmittag hält Wallenstein mit ihnen noch eine lange Konferenz ab. Ilow und Trcka haben einen Armeebefehl entworfen, den Wallenstein erlassen soll. Es ist ein letzter Versuch, diejenigen Kommandeure samt ihren Regimentern nach Eger zu bringen, die noch nicht von Gallas und Piccolomini erreicht worden waren. Es kommt zu einer fürchterlichen Szene, Wallenstein weigert sich, den Text zu unterschreiben, er sei durch und durch erlogen und spiegle dem Heer etwas vor, was den Tatsachen widerspreche. Vor allem macht ihn die Stelle rasend, in der Ilow die Obristen an den Respekt erinnert, zu dem sie der Kaiser ihrem Feldherrn gegenüber verpflichtet hat. Wallenstein schreit in kochender Erregung: »Die Obristen sind nicht dem Kaiser, sondern mir die Pflicht schuldig!« Mit einem Fluch wirft er seinen Kanzleidirektor Wesselius, der ihm den Armeebefehl vorgelesen hat, hinaus.
Abends machen sich die Offiziere auf den Weg zur Kaiserburg. Es ist der letzte Sonnabend des Faschings. Das Bankett verläuft angeregt, vergnügt, alle trinken ausgiebig. Nach einer Stunde ist das Essen vorbei, Konfekt wird als Dessert gereicht. Es ist gegen acht Uhr. Ein Diener kommt herein, flüstert Leslie ins Ohr, daß alle Ausgänge blockiert sind, die Zugbrücke hochgezogen ist. Leslie nickt. Das ist das vereinbarte Zeichen, die Türen schlagen auf, schwerbewaffnete Dragoner Butlers stürzen in den Festsaal: »Wer ist gut kaiserisch?« Gordon, Butler und Leslie springen auf: »Vivat Ferdinandus, vivat Ferdinandus!« Hauptmann Deveroux brüllt von der anderen Seite des Saals: »Und das ganze Haus Österreich.«
Die Gäste sind ohne Waffen, Graf Kinsky wird noch am Tisch sitzend erstochen; ein Dragoner stößt ihm den Degen durch den Hals. Ilow kann mit einem Satz seine Waffe, die er an die Wand gehängt hat, erreichen. Er verteidigt sich wütend und geschickt, verwundet Leslie an der Hand, dann wird er überwältigt, zu Boden geworfen und liegend zu Tode gestochen. Während des Kampfes stürzt der Tisch um, die Kerzen verlöschen, Fensterscheiben gehn zu Bruch, Gordon und Butler versuchen mit Fackeln den Rest der widerlichen Szene zu erhellen. Trcka, ein junger Riese, kämpft in rasender Wut, durch sein festes Elenkoller dringt kein Hieb, kein Stich, die Mörder halten ihn für "verzaubert und gefroren", er verwundet zwei Dragoner, zertrümmert den Degen von Deveroux. Dann haut er sich durch bis hinaus zum Portal des Vorhauses, verlangt dort Pardon, »Quartier«. Die Musketiere schlagen ihn mit den Gewehrkolben nieder, der Butlersche Hauptmann Macdaniel hebt Trckas Koller seitlich hoch und spießt ihm den Degen durch die Brust, mit drei Dolchstichen verstümmeln sie dem Sterbenden das Gesicht. Rittmeister Neumann schleppt sich schwerverwundet in die Herrschaftsküche, wird hier eingeholt und bekommt den Rest.
Kurz darauf beginnt ein fürchterlicher Schneesturm, er rast über die Stadt. Noch einmal findet eine Beratung statt. Man hätte schon die nichtsahnenden, unbewaffneten Gäste in der Burg ohne weiteres verhaften können, noch erheblich leichter wäre es bei dem kranken Wallenstein, der sich nur schwer und langsam bewegen kann. Trotzdem entschließen sich die Offiziere für die Ermordung. Deveroux - er hat sich mit etlichen Glas Wein Mut angetrunken - macht sich mit einer Schar Dragoner auf den Weg zu Wallensteins Unterkunft.
Es ist nach zehn. In das Pfeifen des Windes auf dem dunklen Marktplatz mischt sich das laute Weinen der Frauen Trckas und Kinskys, die inzwischen von den Morden verständigt worden sind. Deveroux stürmt mit sechs Dragonern die Treppe des Pachelbel-Hauses hinauf, sie brüllen »Rebellen! Rebellen!« Ein Diener, der dem Herzog etwas zu trinken gebracht hat, wird durch einen Hieb am Arm verwundet, ein Page stellt sich den Eindringlingen entgegen, er wird zu Boden gestochen. Die Soldaten sprengen die Tür zu Wallensteins Zimmer.
Der Herzog steht am Fenster, er dreht sich um, macht ein paar Schritte zum Tisch. Deveroux, die Partisane in der Hand, schreit ihn an: »Du schlimmer, meineidiger, alter, rebellischer Schelm!« Er holt aus, Wallenstein, völlig überrascht, reagiert mit dem Wort aller wehrlosen Soldaten: "Ah, Quartier!", und schon rennt ihm Deveroux die Partisane mitten durch die Brust. Die Spitze tritt zwischen den Schulterblättern heraus. Wallenstein ist sofort tot, er fällt um, sein Blut spritzt an die Wand zwischen den beiden Fenstern des Zimmers.
Ein Dragoner will den Leichnam zum Fenster hinauswerfen. Deveroux wehrt ab, der Tote wird in einen roten Fußteppich gewickelt, an den Füßen zur Tür und über die Treppe hinuntergeschleift, sein Kopf schlägt polternd auf jede Stufe. Auf der Straße wird er in Leslies Wagen gewuchtet und zum Kastell gebracht. Hier liegen die anderen vier Leichen. Dragoner haben sie ausgeplündert, anschließend sind sie nackt aufs Stroh geworfen worden. Am nächsten Tag werden alle zur Doppelkapelle der Burg gekarrt. Als Piccolomini wenig später nach Eger hastet, sind die Leichen gefroren. Man wirft sie in einfache Brettersärge, Wallensteins Körper ist zu groß, ein Furier zerschlägt mit einer Keule die Beine des toten Feldherrn. Piccolomini will die Ermordeten nach Prag schaffen und öffentlich ausstellen. Gallas verbietet diese Niedertracht. Am Aschermittwoch verläßt der Leichenzug Eger. Piccolomini treibt zur Eile an, man weiß nicht, ob Herzog Bernhard von Weimar im Anmarsch ist. In Mies hält Gallas den Trupp auf. Neumann wird unter einem Galgen verscharrt, die andern erhalten ein ehrliches Begräbnis im Franziskanerkloster. Zwei Jahre später gestattet der Kaiser Wallensteins Überführung in die Kartause Walditz. Hier wird er an der Seite seiner ersten Frau Lukrezia beigesetzt.
Die letzte Ruhestätte ist die Kapuzinerkapelle in Münchengrätz an der Iser, auf friedländischem Gebiet zwischen Turnau und Jungbunzlau. 1785 wird Wallenstein dorthin überführt. Dreihundert Jahre nach der Mordnacht, 1934, errichtet man ein Grabmal aus schwarzem Marmor.
Hellmut Diwald:
Wallensteins Vermächtnis
"Wallenstein ein politischer Phantast, ein Träumer? Er ist gebannt vom Konzept, Plan, Entwurf, dem gedanklichen Vorgriff, er ist sowohl auf den Geist angewiesen als auch auf die unerschütterliche Vergänglichkeit. Hinter beides setzt sein schmutziges Ende den Schlußpunkt. Es geht nicht darum, Wallenstein Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, falsche Einschätzungen zu revidieren. Erkenntnissuche lohnt immer, aber man muß nicht glauben, die Gestalten der Vergangenheit wären für die Urteile der Nachwelt so dankbar, als handelte es sich um Schönheitsoperationen.
Das Problem Wallenstein ist kein Problem fehlender Dokumente. Es handelt sich nicht um die spekulierende Ausdeutung einer Sphinx, die ihr letztes Wissen mit ins Grab genommen hat. Wir kennen sämtliche Alternativen, zwischen denen Wallenstein hätte wählen können. Man hat sie alle durchgespielt, und es hat sich gezeigt, daß die Fragen, die damit zusammenhängen, deshalb so kompliziert sind, weil sie sich so leicht beantworten lassen. Das Magische an Wallensteins Figur kann man nicht darauf reduzieren, daß wir nichts von seinen eigenen Zielen wissen. Wir wissen genug davon. Die Kunst des Historikers besteht nicht darin, der Vergangenheit nur ihre schlechten Bilder abzuerkennen, sie besteht auch nicht in der Entdeckung und Ausbeutung unbekannter Quellen, sondern sie besteht in etwas weit Einfacherem, nämlich in der Interpretation und Ausbeutung desjenigen Materials, das offen und hell zutage liegt.
Was also macht bei Wallenstein das Faszinosum aus? Es findet sich in dem, was wir von ihm wissen und genauso in dem, was wir nicht von ihm wissen. Die referierbare Geschichte ist so handfest, daß sie Vermutungen, Träume, Projekte und Hirngespinste unterschiedslos miteinander identifiziert. Sie kann sich auf die kräftigsten Elemente des Daseins stützen, die Tatsachen. Sie behalten immer recht. Der historische Zuschauer darf kopfnickend sagen, daß die Wahrheit dieser Fakten immer siegreich ist, denn das Siegreiche bestimmt die Wahrheit der Fakten. Unter diesen Bedingungen ist Wallensteins Ende das gerechte Pendant seiner Schuld, da ihm die Kraft fehlte, sich gegen den Kaiser um des Kaisers willen durchzusetzen. Was wäre geschehen, wenn er diese Kraft gehabt hätte? Dem Historiker sind solche hypothetischen Fragen nur als Denkspiele erlaubt. Er wird ihrem Reiz um so stärker erliegen, je verführerischer sie sind. Eine Figur wie Wallenstein läßt da kaum etwas zu wünschen übrig. Zunächst jedenfalls wäre all das nicht geschehen, was nach seiner Ermordung geschah. Am tiefgreifendsten waren die Folgen für das kaiserliche Heer. Mit Wallensteins Ermordung zerfiel die Armee als politische Macht, war es aber auch mit dem Ruhm der kaiserlichen Fahnen unwiderruflich vorbei; jetzt zeigte sich, daß für diesen Ruhm die Identität von kaiserlicher und friedländischer Armee die Voraussetzung gewesen war.
Ab 1634 wurde das Heer folgerichtig nur noch »Reichsarmee« genannt, eine blasse Bezeichnung für einen Truppenverband, dessen militärische Kraft sich in einzelne Kontingente zersplitterte. Mit der einheitlichen, geschlossenen Heeresformation war es endgültig vorbei, und es dauerte nicht lang, da wurden die Ausdrücke »Reichsheer«, »Reichsarmee« zu reinen Hohn- und Spottworten. Der Sohn des Kaisers, Ferdinand III., erhielt endlich das Oberkommando, das er so stark begehrt hatte und das er so schwach führte. Während der Schlachten beschränkte er sich in seinem Feldherrnzelt auf Gebete vor dem Bild Marias und überließ es seinem Favoriten Gallas, die kaiserlichen Regimenter von einer Katastrophe in die andere zu führen.
Die schlimmste dieser Katastrophen war der großartige Sieg der vereinigten katholischen Heere bei Nördlingen am 6. September 1634. Nach Lützen befand sich Wallenstein militärisch erheblich im Vorteil, er demonstrierte das im Frühjahr 1633 durch sein regeneriertes Heer. Angenommen, er hätte im Sommer die kombinierte schwedisch-deutschprotestantische Militärmacht so gebrochen, wie Tilly den Krieg verstanden hatte und Ferdinand ihn zu verstehen glaubte. Was wäre die Folge gewesen? Exakt das, was nach seiner Ermordung, nach der so triumphal-siegreichen Schlacht von Nördlingen die Folge war. Und deshalb hatte Wallenstein ein ganzes Jahr alles getan, um eine solche Schlacht, einen solchen Sieg zu verhindern; die Weitsicht des Herzogs brach sich nicht an den Spitzen der eroberten Standarten. Die Schlacht von Nördlingen machte mit der schwedischen Herrschaft in Süd- und Mitteldeutschland Schluß, zersprengte den Heilbronner Bund und zwang die Sachsen zum Prager Frieden - seine Bedingungen waren so, daß Johann Georg in der Ära Wallensteins die Achseln gezuckt hätte.
Diesen Triumph von Nördlingen büßt Habsburg vierzehn Jahre lang, bis zum Ende des ganzen Ringens. Denn nach Nördlingen wird das Reich endgültig und unwiderruflich zum Schlachtfeld, zur Beute aller europäischen Mächte: Für Frankreich endet der »verdeckte Krieg«, Richelieu entschließt sich zum offenen Kampf, seine Heeresstärken gehen weit über die 100 000er Grenze hinaus.
Mit Wallenstein verschwindet der einzige Staatsmann Habsburgs und des Reiches, der im Dreißigjährigen Krieg etwas zu sagen gehabt hat. Nach ihm gibt es nur noch Soldaten, Generale, und was die zu sagen haben, ist fast zu allen Zeiten dasselbe und meist so unerheblich, daß sie es zu Recht durch andere Geräuschentwicklung, durch Säbelrasseln und Gewehrfeuer übertönen. Im. Jahre 1634 treten die Geschützführer an die Stelle der Staatsführer, seit der Mordnacht in Eger zeigt der Dreißigjährige Krieg sein widerliches Wolfsgesicht, entsteht die entsetzliche Welt des »Simplizissimus« und der »Landstörtzerin Courage«, beginnen Grausamkeit, Vernichtung, Qualen, und sie dauern so lange, bis Mitteleuropa nicht mehr atmen, nur noch röcheln kann.
Dann erst kommt es zum Frieden der Erschöpfung. Diesen Moment hat Wallenstein gefürchtet, er hat ihn gehaßt, hat bis zuletzt versucht, ihn zu verhindern. Über den Sitzungssälen in Münster und Osnabrück stand 1648 unsichtbar die beklemmende Prophezeiung des Herzogs: »Wenn die meisten Lande werden in Asche liegen, wird man Fried machen müssen.« Man schloß diesen Frieden in einer Form, die dem Reich als Joch bis zu seinem Zusammenbruch auf dem Nacken lag. Wenn man die Opfer und Leiden bedenkt, so fällt es schwer, die politischen Ergebnisse aufzurechnen. »Gewinne« hatten nur fremde Mächte und Maximilian von Bayern - auch dies wäre von Wallenstein verhindert worden.
Frieden wollten sie alle, diese Könige, Fürsten, Diplomaten, sie wollten Frieden, kaum daß die ersten Schüsse 1618 gefallen waren. Aber für niemanden ist schon dieser Wunsch allein ein Alibi, denn in keinem Krieg der Weltgeschichte bemißt sich die Kraft der Friedenssehnsucht nach den eigenen Vorteilen und dem Willen zum Sieg. Die Pax Germanica war das oberste Ziel Wallensteins. Aber es ging ihm dabei um keinen Frieden der Macht und um keinen der Ohnmacht. Gerade das schreckte ihn am meisten, was er nicht verhindern konnte, was nach ihm Wirklichkeit wurde: daß der Krieg schließlich nur durch einen Frieden der Leere, der völligen Erschöpfung in sich zusammenfallen könnte.
Wallenstein hat im Prinzip alles Grauen vorausgesehen, von dem das Reich nach 1634 geschüttelt wurde, und nicht zuletzt war er zutiefst davon durchdrungen, daß der Weg, auf dem Katholiken und Protestanten zu lernen hatten, miteinander zu leben, auf keinen Fall darin bestand, sich erst viele Jahre lang gegenseitig zu töten.
Wenn Wallenstein sich durchgesetzt hätte, dann wäre zweifellos der Grundzug seiner großen Idee realisiert worden, daß die Einheit des Reiches über den Einzelfürsten zu stehen hatte, daß ohne innere Konsolidierung keine äußere Stabilität zu erreichen war. In der jahrhundertealten Fehde um die Hoheitsrechte des Staates hatten die ständischen Gewalten gegenüber dem Kaisertum immer mehr an Boden gewonnen. Wallenstein war der einzige, er war der erste und der letzte, der die kaiserliche Macht über die Reichsfürsten erhob, der einzige, mit dem der Kaiser fähig gewesen wäre, diesen Kampf endgültig zu seinen Gunsten zu entscheiden und eine intakte, kräftige Staatlichkeit des Reiches zu verwirklichen. Der Reichszusammenhang wäre nicht auf dem Altar der deutschen Vielstaatenautonomie geopfert worden. An diesem Reich - von Fürstenindividualität und -eigennutz nicht paralysiert - wäre Richelieus Politik steckengeblieben, Frankreichs Vormachtstellung in Europa hätte nicht begründet werden können. Mit einem Wort: In Wallensteins politischem Konzept wäre dem Deutschen Reich sein langsamer Selbstmord bis 1806 erspart geblieben, und damit alle Nebenfolgen, die dem unglückseligen Gegeneinander Preußen-Deutschlands und Habsburgs entsprangen. Nicht zuletzt diese angelegten Eventualitäten garantieren dafür, daß Wallenstein in der Wirklichkeit und im Widerstreit die unerschöpflichste Gestalt eines der düstersten Abschnitte unserer Geschichte bleibt, die nicht gerade arm an düsteren Epochen ist. Sein Leben war so effektvoll, daß sein Sterben mystisches Schaudern hervorrief, und sein Tod war effektvoll genug, um seinem ganzen Leben, seinem politischen Wollen falsche Lichter aufzusetzen. Von dem politisch-dramatischen Sprengstoff der letzten vier Jahre wird auch sein früheres Leben vollständig durchlöchert. Dabei ist es gerade umgekehrt. Der Wallenstein bis 1625 ist konsequenter Diener Habsburgs. Der Wallenstein von 1625 bis 1630 ist Verkörperung der kaiserlichen Reichspolitik. Erst das Scheitern dieser Politik häuft das militärische, politische, persönliche Dynamit der nächsten Jahre an.
Wallenstein akzeptiert nicht den Auseinanderfall seiner Politik und derjenigen des Kaisers. Er akzeptiert nicht, daß die Wirklichkeit Habsburgs seine Pläne desavouiert. Der Mensch hat ein Recht, nicht aufzugeben. Ein Wunsch gewinnt besonderen Rang, wenn seine Realisierung einen Irrtum berichtigt. Wallenstein hat 1633 den Irrtum von 1630 nicht berichtigen können, auch wenn er ihn nicht verschuldet hat. Das ist die Anklage der faktischen Geschichte gegen ihn, aber es ist auch seine Rechtfertigung durch eine weniger faktenhörige Instanz; vor der die Niederlagen der Historie genausoviel zählen wie die erfolgreichen Versehen der Geschichte.
Der Herzog von Friedland war ein klarer Träumer, ein rationaler Geist. In seinen Plänen drückte sich politische Weitsicht von großen Proportionen aus; sie überstiegen alles Normale, weil ihm seine Vernunft sagte, daß das Normale nicht einmal für normale Zeiten genügt. Keiner neben ihm erkannte so scharf wie er die innere Widersprüchlichkeit der Zeit. Und das intellektuelle Pro und Kontra, samt den begleitenden Schatten des Abwartens, ja der Ratlosigkeit - es sind sichere Indizien für die überlegene Klugheit eines Menschen. Wenn an Wallenstein überhaupt etwas rätselhaft und unerklärlich war, dann ist es hier zu finden.
Wenige Tage vor seinem Tod - der Kaiser hatte ihn schon öffentlich geächtet - schäumte einer seiner Feinde: "Dieses mährische Scheusal! Die meisten fürchten, er könne die Gewalt haben, Himmel und Erde zu mischen." Auch solche Emotionen gehören ein für allemal zum Gedächtnis des toten Herzogs. Heute aber sind wir mehr denn je der Einsicht offen, daß sich in dem, was man dem Mitmenschen zur Last legt, immer auch das allgemeine Verhängnis ausdrückt und ebenso ein Stück privater, ganz persönlicher Unzulänglichkeit. Das freilich ist nicht aufzurechnen.
Es bleibt ein Rest. Ein Rest muß bleiben. Man spürt ihn, wenn man in Prag durch das Portal des Wallensteinpalais geht, durch die majestätisch hohen Räume, wenn man an eins der Fenster tritt und hinab in den verlassenen Garten blickt. An den Wänden die üblichen Adelsgemälde, Wallensteins Tochter Maria Elisabeth, seine Frau Isabella, daneben er selbst, der Herzog von Friedland.
Auch die museale Isoliertheit kann die Beklemmung nicht verdecken. Dazu ist es kaum nötig, daß der Besucher auf den Satz aufmerksam gemacht wird, der auf der Rückseite des Gemäldes, der grauen, brüchigen Leinwand steht. Man weiß nicht, wer ihn geschrieben hat, man weiß nicht, wann es war: »Egrae obiit aegre - Zu Eger starb er bitterlich.« Hier reflektiert sich das Schicksal nicht schlechter als das Symbol, die drei Worte sind Sentenz und Widerschein menschlicher Größe und irdischer Hinfälligkeit."
Hellmut Diwald, Wallenstein, München 1969, S. 527 - 531, S. 540 - 544
Mein Nachruf zu Hellmut Diwald aus dem Jahre 1993 lautete:
Wurzeln, Wille und Ziel des deutschen Patriotismus
Hellmut Diwalds Vermächtnis verpflichtet zum Handeln
"Ohne Geschichtsbewußtsein
gibt es weder eine soziokulturelle
noch eine politische Selbstbehauptung."
Hellmut Diwald
Am 26. Mai 1993 starb in Würzburg Prof. Dr. Hellmut Diwald, Ordinarius an der Universität Erlangen für Mittlere und Neuere Geschichte. Deutschland verlor mit ihm einen Historiker, der sich durch seine Forschungen und Publikationen unermeßliche Verdienste um die historische Selbstbewahrung und Selbstbehauptung, und das historische Selbstverständnis der Deutschen, um ihre geschichtliche Identität und ihr politisches Selbstbewußtsein erworben hat. Mit einer einzigartigen Unbestechlichkeit im Dienst an der historischen Wahrheit, Klarheit, Gerechtigkeit, Objektivität und Faktentreue, den Lebens- und Überlebensrechten auch des deutschen Volkes, führte dieser weit hervorragende Wissenschaftler einen Kampf gegen Umerziehung, Vergangenheitsbewältigung und Zeitgeist, der ihn heute schon als einen ganz großen Bekenner und großen deutschen Historiker in diesem Jahrhundert auszeichnet. Durch die Kraft seiner Darstellung und Sprache war er ein ebenso brillanter Geschichtsschreiber wie begnadeter Redner. Hellmut Diwald war ein Künder und Deuter einer tragfähigeren und humaneren sowie einer folglich auch freiheitlich-demokratisch stabileren, weil nicht auf der Haltlosigkeit der Lüge, sondern auf den ewig tragenden Säulen alles geschichtlich Entstandenen basierenden Gemeinschaftsgestaltung. Zudem war dieser vielfache Erfolgsautor Millionen von Fernsehzuschauern, etwa durch die Fernsehserie Dokumente Deutschen Daseins, von Wolfgang Venohr in Zusammenhang mit Sebastian Haffner, in Deutschland und Österreich bekannt.
Daß Diwald umstritten war, kann dieses Urteil nur um so mehr bekräftigen. Zumal er in seinem unbeirrten Glauben und in seiner Liebe zu Deutschland durch den Triumpf der Wiedervereinigung von West- und Mitteldeutschland, jedoch einer Wiedervereinigung von Restdeutschland, ohne Ostdeutschland und das Sudetenland, in seinen Auffassungen von den unabdingbaren nationalen Notwendigkeiten, dem Selbstbestimmungsrecht und der Freiheit aller Völker und Volksgruppen, ohne die eine wirklich tragfähige und dauerhafte Friedensordnung in Europa unmöglich ist, nachdrücklichst und zutiefst bestätigt wurde.
Die historischen Ereignisse und Notwendigkeiten gaben ihm Recht und Genugtuung für seine Beharrlichkeit, Standfestigkeit und Unbeugsamkeit im Dienst an Volk und Vaterland und bestätigten zugleich den minderen Rang eines großen Teils der deutschen Historikerschaft, die sich in ihren Forschungen und Publikationen durch pseudowissenschaftliche Vergangenheitsbewältigung, vielfach im Dienst bestimmter politischer Interessen und ideologischer Systeme, der Umerziehung und des Zeitgeistes, mitunter bis zur Lächerlichkeit kleingeistig prostituierten.
1. Historiker der kompromißlosen Unbestechlichkeit
Es ist Hellmut Diwald, der sich als Historiker der kompromißlosen Unbestechlichkeit, in der unermütlichen Forschung nach dem, wie es denn eigentlich wirklich gewesen ist, in der nachfolgenden Präsentation dann des Eigentlichen, nämlich "warum es so gewesen" (Hellmut Diwald), für das deutsche Volk und Vaterland aus Not und nationalem Elend heraus nicht nur zu einem Bekenner, sondern auch als einem Retter aus der Gefahr heraus und einen überragenden Schicksalsüberwinder offenbarte. Wie bei Hölderlin gilt für ihn: Was bleibt aber ist der Toten Tatenruhm!
Diwald stiftete und kündete historische Klarheit und historische Wahrheit, wo große Teile der deutschen Historikerschaft bis auf den heutigen Tag die Rosse ihres völlig verfahrenen pseudowissenschaftlichen Umerziehungskarrens am nationalen Elend des eigenen Volkes permanent halten lassen. Ein nationales Elend, das durch eine beispiellose Geschichtslosigkeit und Geschichtsaversion die Heilungskräfte des Seins aus der Tradition und Überlieferung heraus verlor. Hieraus resultierte eine Werte-, Normen- und Traditionszerstörung, in erschreckend weiten Teilen auch ein Abfall vom Glauben an einen Gott - und ohne Gott zerstört sich der Mensch, er gerät in die Brutalität materialistischer, egoistisch-liberalistischer und hedonistischer, eine die Zukunft und das Glück der Menschen mehr und mehr zersetzende Lebensweise. Die vielfältigsten Mißstände in unserer Zeit, etwa die ethisch-sittliche Verwahrlosung durch den Verlust der Ehrfurcht vor der Geschichte, der gerechten und wahrhaften und somit sinnstiftenden und erkenntnisbringenden Würdigung des Daseins der vielen Generationen, die vor uns schufen, lebten und litten, ihrer zu einer höheren Seinsweise des Menschen schon gemachten Erfahrungen und auch Irrtümer, stehen in einem ursächlichen und unzerstückelbaren Zusammenhang.
Weil wir nicht mehr in Wahrheit und Gerechtigkeit, in Demut und Ehrfurcht, in historischer Klarheit das "Woher" erfassen können, wissen wir um so weniger um das "Wohin" und "Wozu". Wir wissen vielfach nur um die Freiheit "Wovon", aber nicht mehr um die Freiheit "Wozu".
Dieses Verhängnis der Geschichtslosigkeit erkannte Hellmut Diwald wie kein zweiter deutscher Historiker in diesem Jahrhundert. Zumindest ist dies die notwendige und logische Konsequenz aus allen seinen Darlegungen. Wer die Ehrfurcht vor der Geschichte kennt, verliert sich nicht in kontraproduktiv-humanitären sozialistisch-internationalistischen, durch den Untergang des marxistisch-kommunistischen Totalitarismus endgültig widerlegten Heils- und Irrlehren oder in sogenannten "progressivem", allein ideologischem Sinnvermittlertum unter Mißachtung der Würde und Humanität auch des Andersdenkenden. Er erkennt die ewig gültigen Werte und will sie bewahren und erhalten. Er weiß um den freiheitsstiftenden Wert der Tugenden wie Treue, Ehre, Pflicht, Dienst, Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit, Wahrheit und Objektivität, ohne die das Leben im Grunde nicht lebenswert wäre. Der vielleicht größte Anschlag der Werte-, Norm- und Traditionszerstörung durch die Jugend- und Studentenrebellion gegen Ende der sechziger Jahre, wurde aus der Geschichtslosigkeit heraus getragen. Ihr Motto lautete: "Die Vergangenheit war dumm und schlecht, die Zukunft wird gescheit und gut und endgültig richtig sein." Wer fähig ist, aus der Geschichte zu lernen, kann die Vergangenheit nicht verachten. Die linke und linksradikale Utopie behauptet zwar, aus der Geschichte Lehren zu ziehen, in Wirklichkeit verweigerte sie sich aber diesem Anspruch. Ihr verachtenswertes ideologisches und utopisches Dogma lautet: Wir werden es zum ersten Mal viel besser machen als alle unsere Vorfahren! Wir können es uns leisten, die Vergangenheit als schlecht zu verachten!" Nur aus einem Patriotismus und Wertkonservatismus heraus, getragen von den Erkenntnissen und Lehren der Geschichte, schöpfen wir die größtmögliche Kraft, einem neuen Totalitarismus, neuen irrealen Ideologien und Utopien zu widerstehen. Hierzu kann uns nur ein tragendes Geschichtsbewußtsein befähigen. Ein Geschichtsbewußtsein der historischen Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit, nicht zuletzt auch für das eigene Volk und Vaterland.
2. Gegen nationale Würde- und Ehrlosigkeit
Hellmut Diwald suchte und fand auch den Quell der Freiheit und Gerechtigkeit für das deutsche Volk und Vaterland, um es vor der "geschichtlichen Selbstentäußerung" zu bewahren, wo große Teile der deutschen Historikerzunft sich zur Magd der durch Siegerwillkür verordneten Umerziehnung und Willfährigkeit machten. Hier der Wille zur Freiheit und Würde und dort die Unterwerfung zur nationalen Würde- und Ehrlosigkeit nahezu eines ganzen Volkes. Hier der Name Hellmut Diwald in seiner wissenschaftlichen Objektiviät und Faktentreue, dort Vergangenheitsbewältigung im Dienst bestimmter antideutscher, links und linksradikal versessen-verschwommener politischer Interessen und ideologischer Systeme, unbeschreiblich fanatischen und bewußt "volkspädagogisch" motivierten und verteidigten Geschichtsmanipulationen, ritualisierten Bewältigungsstrategien und einer pathologischen Sucht zur permanenten nationalmasochistischen Selbstanklage und Selbstbezichtigung. Hier der Name Diwald im Dienst an einer unbestechlichen Wissenschaftlichkeit, dort die Manipulation und Deutung aus ideologischer Verblendung, aus einer Pseudofreiheit heraus, wo die Entartung des Pluralismus ohne Grundkonsens als praktische Anarchie die Geschichte unseres Volkes als "Inseratenwiese" darbietet, auf der jede verkommene Umerziehungsmeinung und Fixierung nach Tarif annoncieren kann. Gespeist durch dogmatische Vorgaben, inquisitorische Praktiken und konformistischem Meinungsdruck, "volkspädagogischer" Intentionen und moralisierenden Gesinnungsstatements, manichäistischen Schwarz-Weiß-Bildern, Tabuisierungen, Legendenbildungen und hemmungslosen Einseitigkeiten, kleinkariert-versessenen Dämonisierungen, moralischer Empörung in aller Manipulationsabsicht statt wissenschaftlicher Durchdringung der Materie "Geschichte", entstand ein Verlust an Wahrheit, Klarheit, Gerechtigkeit und Freiheit.
So findet man in Deutschland kaum einen lehrenden Geschichtsprofessor, der die Kraft hätte, das Münchener Abkommen aus dem Jahre 1938, der historischen Wahrheit entsprechend darzustellen: Als das Durchführungsabkommen einer bereits vorher zurecht erfolgten Abtretung, somit als die "Revision eines Unrechts" (Hellmut Diwald). Statt dessen wird unter dem in die Irre führenden Begriff der "Appeasementpolitik" die historische Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit völlig verzerrt. Dies wiederum führte und führt zu verhängnisvollen politischen Verirrungen in unserer Zeit, deren Tragweite heute noch nicht abzuschätzen ist. Jede Politik, die auf Geschichtsklitterungen größten Ausmaßes basiert, kann auf Dauer nur auf Sand gebaut sein.
Hellmut Diwald hat Hunderte und Aberhunderte von Vergangenheits- und Umerziehungslügen, von Geschichtsklitterungen aufgedeckt. Jedoch selbst er hat nur einen Teil von dem aufdecken können, was heute möglich ist. Noch immer, so der Zeitgeschichtler Dr. Alfred Schickel, sieht sich die Zeitgeschichtsforschung bei der Offenlegung der historischen Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit folgenden Hauptproblemen gegenüber: "Geheimhaltung wichtiger Dokumente, einseitige Öffnung der Archive und einseitige Veröffentlichung von Akten der Verlierer-Staaten, Beschlagnahme wichtiger Akten durch die Sieger, teilweise Unerreichbarkeit bedeutsamer Unterlagen, Fälschung von Dokumenten."
3. Demokratiestabilisierung durch Geschichtsbewußtsein
Der Kampf gegen die Zerstörung der deutschen Geschichte auf breiter Front muß erst noch geführt werden. Diesbezüglich die Fehlerhaftigkeit einer Demokratie zu erkennen heißt, sie durch einen Erneuerungsprozeß neu abzusichern. Erst durch die Schaffung einer nationalen Identität auch für unser Volk wird die Demokratie langfristig überdauern können, und erst dann wird es zu ihr keine Alternative geben. Wenn die historische Selbstfindung, die nationale Identität unseres Volkes verhindert werden soll, wird dies kontraproduktiv und zwangsläufig die Existenzfrage unserer Demokratie stellen. Eine die nationale Lebens- und Überlebensrechte mißachtende, weil die nationale Identität, die historische Selbstbewahrung und Selbstbehauptung verhindernde Demokratie ist in Wirklichkeit eine Scheindemokratie. Sie wird sich letztendlich selbst verhindern. Bonn könnte hier bereits auf dem Weg von Weimar sein. Ohne geschichtliche Identität, ohne Kenntnis und Verankerung im Historischen, ist keine tragfähige politische Orientierung und Urteilsbildung möglich. Geschichtslosigkeit zerstört nicht nur die äußere, sondern auch die innere Ordnung des Menschen und seines Gemeinwesens.
4. Feststellen "Warum es so gewesen ist"
Die größten Geschichtsklitterungen sind an deutschen Universitäten heute immer noch gang und gäbe. Wo wäre denn ein lehrender deutscher Geschichtsprofessor, der die Kraft besäße, das Versailler Pseudo-Friedens-Diktat als das Grundübel unseres Jahrhunderts darzustellen? Ganz im Gegensatz dazu Hellmut Diwald, der, in der Größe eines Leopold von Ranke, zunächst darlegte, wie es denn eigentlich und wirklich gewesen ist und dann mit Können, Verstand und Brillanz durch Fakten stets untermauerte, einwandfreie, widerspruchslose Ergebnisse und unabdingbare Schlußfolgerungen darbot. Dabei blieb er stets unbestechlich in der Erkenntnis und Offenlegung der historischen Wahrheit, ob sie von Größe oder von erbärmlicher Niedertracht zeugte. Diwald sah jedoch nicht, um es zu wiederholen, in der Darlegung "wie es eigentlich gewesen sei" (Ranke) die alleinige Hauptaufgabe. Die viel wichtigere, die zentrale Aufgabe des Historikers sah er in der Frage "Warum es so gewesen ist. Motive, Gründe, Voraussetzungen des Menschen in der Geschichte, - das zu klären und erklären ist wichtig." So Diwald in einem Beitrag aus dem Jahre 1971.
5. "Volkspädagogisch unwillkommen"
Die real existierende und praktizierte "Volkspädagogik" geht entlarvend aus einem Brief Golo Manns hervor, den dieser am 2O. September 1961 an den Reichstagsbrandforscher Fritz Tobias schrieb. Schlagartig wird die verdeckt aber überwiegend vorhandene Methode erhellt: Die Alleintäterschaft des Holländers van der Lubbe sei ihm, Golo Mann, "sozusagen volkspädagogisch unwillkommen". Und ist man mit Dutzenden von schwerwiegendsten Belastungen - und nicht nur zu jüngsten Zeitgeschichte - nicht analog verfahren, etwa mit dem Verbrechen von Katyn?
Der Zeitgeschichtler Dr. Alfred Schickel (Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt), den Hellmut Diwald noch wenige Monate vor seinem Tode als "einer unserer namhaftesten Zeithistoriker, dessen Rang sich sowohl aus seiner Sachkenntnis, als auch aus seiner kompromißlosen Unbestechlichkeit ableitet", ebenso treffend wie zutreffend hervorhob, schrieb 1989: In den Aussagen der Kriegsgegner Deutschlands auf den Konferenzen von Jalta im Februar 1945 und von Potsdam im Juli/August desselben Jahres wurde "einwandfrei festgestellt, was der 8. Mai 1945 für die Deutschen bedeuten sollte, nämlich der Beginn der Selbsterkenntnis und der Selbstbezichtigung sowie der Ergebung in den Willen der Sieger. Diese Erwartung der Sieger von 1945 bemühten sich die Deutschen nach Kräften zu erfüllen und sind nach den Zeugnissen der letzten Zeit auch nach vierzig Jahren immer noch dabei, diese flagellantistischen Anstrengungen fortzusetzen."
6. Wissenschaft als Magd der Politik
Dem "Zivilisationsbruch" des größten Teils der deutschen Nachkriegshistorikerschaft, Wissenschaft als Magd der Politik, als Fortsetzung der Umerziehungspolitik mit anderen Mitteln zu handhaben, hat sich der große und überragende Gelehrte, der Mediävist (Erforscher und Kenner des Mittelalters) und Neuhistoriker Hellmut Diwald von Anfang an widersetzt. Was für eine Ehre, deswegen denunziert und diffamiert zu werden! Und dies bis in die Nachrufe hinein, die an Leichenschändung grenzen und mitunter reine Infamie sind. So manch einer hatte ihm noch "ins offene Grab gespuckt".
Ohne Geschichtsbewußtsein und historische Identität, man kann es nicht oft genug wiederholen, ist unsere Demokratie nicht überlebensfähig. So schreibt Hellmut Diwald noch kurz vor seinem Tode: "Es geht beileibe nicht darum, ob sich ein Volk in seiner Geschichte überhaupt als betrüblich empfindet. Es geht darum, ob es die Geschichte überhaupt zur Kenntnis nimmt. Geschichte hat außerordentlich viele Bedeutungen und Effekte. In und für die Demokratie ist sie die Basis der politischen
Zentralbegriffe ... Da die Geschichte die Grundlage auch unserer Demokratie ist, kommt alles darauf an, daß die Geschichte stimmt, daß sie vor allem von bewußt verfälschenden Interpretationen freigehalten wird."
Woran krankt und leidet das deutsche Volk? Es krankt zutiefst am Verlust der Fähigkeit zur notwendigen Selbstbewahrung und Selbstbehauptung. Und zwar wirkt sich dies gleichermaßen auf die Innenpolitik und Außenpolitik, auf unsere persönliche und gemeinschaftliche Befindlichkeit aus. Man kann auch sagen: Die Grenze zum geistigen Bürgerkrieg ist längst überschritten.
Ein Volk, das seine Geschichte verliert, sich rauben läßt oder sie sich kriminalisieren läßt, ist dem Verfall, dem Untergang preisgegeben. Die wahre, die zutreffende Kenntnis der eigenen Geschichte ist wesentlicher Ausgangspunkt zu allem, was tragend, würdig, wert und zu schützen ist. Für viele Menschen ist sie auch der Ausgangspunkt einer sie tragenden menschlichen Sinnfindung.
7. Opfer der Geschichte
Politik prägt unser aller Schicksal. Sozialverantwortbare Politik kann nur aus der historischen Kenntnis und Verantwortung heraus gefunden werden. Wer nicht weiß woher, kann auch nicht wissen wohin. Und so schreibt Diwald in seiner Darlegung "Welchen Sinn hat Geschichte": "Geschichte aber ist viel näher an der Praxis, denn sie läßt sich überhaupt nicht trennen von politischer Orientierung und Urteilsbildung. Sie liefert geradezu die Grundlage." Aus der Geschichtslosigkeit kann nur Chaos und Untergang, Demokratiegefährdung und Demokratiezerstörung kommen. Nie zuvor in der europäischen Geschichte hat ein Volk so tief seine Geschichte, seine nationale Würde und Ehre, seine nationale Identität verloren als unser Volk in der Gegenwart. Wir Deutschen stehen ungerechtfertigter Weise am Pranger der Weltgeschichte. Wir wurden zum Opfer der Geschichte, vor allem in diesem Jahrhundert. Das ist eine Tatsache, wie es kaum eine andere Tatsache geben kann. Dieses unerträgliche Stigma abzustreifen, ist für das deutsche Volk von existentieller Notwendigkeit. Es war Hellmut Diwald, der dies vor allem erkannte. Eine Demokratie ist ohne Patriotismus, ohne patriotische Verankerung, so auch Ignatz Bubis in jüngster Zeit, nicht unbegrenzt überlebensfähig. Die fehlende nationale Identität und Selbstachtung der Deutschen wird kontraproduktiv in allem letztendlich zu Buche schlagen. Dies zu verhindern war vor allem auch das Anliegen von Hellmut Diwald. Otto von Habsburg mahnt heute nicht von ungefähr unermüdlich und nachdrücklich die Rückkehr zum "aufrechten Gang" der Deutschen an. Hellmut Diwald hat dies alles viel früher als andere erkannt, und er wagte es auszusprechen zu einer Zeit, als es noch höchst verpönt war. Er war von Anfang an ein Bekenner der Freiheit seines Volkes.
Er belehrte uns im großen Zusammenhang schon 1971 wie folgt: "Der kürzeste Weg zur Gegenwart führt durch die Vergangenheit. Der schnellste Weg in die Vergangenheit beginnt bei der Gegenwart. Deshalb sehe ich im Geschichtsstudium die exponierteste Art, sich mit der Gegenwart zu beschäftigen. Mit ihren Spannungen, Widersprüchen, Zumutungen, Errungenschaften und Unverträglichkeiten".
Geschichte und Kenntnis der Geschichte, so Hellmut Diwald, ist "das, was die Wirklichkeit bestimmt". Weil "die elementar historischen Bedürfnisse zu den Lebensnotwendigkeiten des einzelnen genau so wie zu der Großgruppe eines Volkes" unabdingbar gehören. "Unsere Existenz, unsere persönlichen und sozialen Bedingungen tragen den Stempel derjenigen historischen Etappen, die dahin geführt haben". Klar ist, "daß es ohne Geschichtsbewußtsein weder eine sozikulturelle noch politische Selbstbehauptung gibt. So wie es ohne Einblick in die Geschichte keine begründbaren Standpunktbezogenheiten gibt, so gibt es ohne diese keine kritische Prüfung unserer Werte und Verbindlichkeiten." Und an anderer Stelle: "Jeder, ob er will oder nicht, steht in einem direkten Kontakt mit der Vergangenheit, er erlebt und erleidet ihre Wirkungen".
In den dunkelsten Stunden nationaler Niederlagen befanden sich im Deutschen Volk immer wieder Männer von überragender Gestalt und Größe, die unermüdlich das nationale Elend anprangerten und somit dem Volk zu Schicksalsüberwindern wurden. Die im tiefsten nationalen Elend aufrechterhielten, was sonst alles verdorben, verkommen und vollkommen in den Abgrund gerissen worden wäre. Hieran mußte einer unserer größten Sprachgenies und Vaterlandsdichter, Friedrich Hölderlin, gedacht haben als er davon sprach: "Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch!" Hellmut Diwald hat sich diesem Auftrag würdig erwiesen. Er war ein großer und bedeutender Anwalt für die gerechten Anliegen unseres Volkes, um ihm den "aufrechten Gang zu seiner Geschichte" wieder zu ermöglichen. Er gab Hoffnung und Zuversicht besonders all jenen, die seine Kraft und Stärke weitertragen werden. Er wurde zur geistigen Hauptstütze einer neuen patriotischen Elite in ihrem Kampf um die Erneuerung von Volk und Vaterland, Ethik und politischer Kultur, und im Ringen um die unabdingbar notwendige Erneuerung unserer Demokratie.
Treffend schrieb Richard W. Eichler: "Als die geistige Entwurzelung im vom Materialismus überwältigten Westdeutschland ihren Höhepunkt zu erreichen schien, leuchtete unter den Persönlichkeiten, die sich der Verflachung widersetzten, der Name des ebenso kenntnisreichen wie charaktervollen Gelehrten Hellmut Diwald auf."
8. Um Volk und Vaterland verdient gemacht
Indem Hellmut Diwald aus einer beispiellosen Unbestechlichkeit und Gradlinigkeit heraus unserem Volk seine wahre und unverfälschte Geschichte darlegte, hat er sich an der Pflicht im Dienst an Volk und Vaterland, unbeirrbar an Deutschland glaubend, ein unermeßliches und gleichzeitig unsterbliches Verdienst erworben. Um es zu wiederholen, weil man es nicht oft genug wiederholen kann: Hellmut Diwald hat sich durch seine historischen Darlegungen der Wahrheit und Klarheit, der wissenschaftlichen Unbestechlichkeit, dem Nationalmasochismus und der Geschichtsklitterung sowie den volkspädagogisch inszenierten Geschichtslügen trotzend, um das deutsche Volk und Vaterland in hohen Maße verdient gemacht. Er hat uns durch die Jahrzehnte der schlimmsten nationalen Verirrung und Verrottung hinweg unsterbliche Wege zur nationalen Selbstbehauptung und Selbstbewahrung, zur Wiederherstellung unseres historischen Selbstverständnisses und politischen Selbstbewußtseins gewiesen. Er hat uns in der Stunde der größten Not nicht verzweifeln lassen. Wo ständen wir ohne diese Substanz, die er uns stiftete und kündete, nicht zuletzt auch zum Sieg der historisch geläuterten patriotischen Befreiung und zum Durchbruch der Erneuerung von morgen, zu einer generellen moralisch-sittlichen Erneuerung, der christlich-abendländischen Tradition und ihren Werten verpflichtet, zu deren Herbeiführung nur der Patriotismus und der Wertkonservatismus fähig und in der Lage ist.
Hellmut Diwald bleibt ein unsterbliches Fanal des Aufbruchs zu einer historischen Selbstfindung und Selbstbewahrung im Sinne seiner Vorstellungen und seines Vermächtnisses. Und hierzu gehört unabdingbar nicht nur die historische Größe der Deutschen, sondern auch die Darlegungen ihrer historischen Fehler und auch der begangenen Niedertracht. Nur im Bewußtsein auch der eigenen Schuld und Fehler und des eigenen Versagens, sowie auch der unleugbar begangenen Verbrechen, kann eine positive Zukunft entstehen. Um es unmißverständlich und klar darzulegen, was ich schon vielfach bei anderer Gelegenheit veröffentlicht habe: Das uns permanent zermalmende Stigma und Kainszeichen heißt Auschwitz. Doch soll dieses, möge die Schuld tatsächlich noch so groß sein, unsere Selbstzerstörung herbeiführen für alle Zeiten? Ich hätte mein Leben hingegeben, hätte ich auch nur einen Judeozid verhindern können! Andererseits gibt es auch eine "Weltapokalypse" aller Arten von Menschheitsverbrechen.
9. Helmut Schmidt und Franz Josef Strauß
Zwei der überaus zahlreichen Arbeiten Diwalds tragen die Überschrift: Mut zur Wahrheit und Mut zur Geschichte. Nachdem unsere Nation 1945 besiegt und keinesfalls befreit wurde - denn befreit kann nur der einzelne sich fühlen! - verordneten die Sieger den Deutschen ein Geschichtsbild, welches in der Zerstörung, Verlogenheit und Kriminalisierung keinen Stein mehr auf dem anderen ließ. Eine der drei letzten Arbeiten Diwalds aus dem Jahre 1992 lautet dann auch konsequent: >>Die gestohlene Geschichte<<. Noch in den 60er Jahren hatte sich der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt im Verteidigungsausschuß des Bonner Bundestages diesbezüglich klar geäußert und unübertreffbar festgestellt: "Es ist mit Erfolg gelungen, aus der ganzen deutschen Geschichte ein Verbrecheralbum zu machen." Dem ist nichts hinzuzufügen!
Der verstorbene bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß stellte in seiner Rede vom 28. April 1985 im Herkulessaal der Residenz in München klar und eindeutig fest: "Kein Volk kann auf Dauer mit einer kriminalisierten Geschichte leben." In seiner Rede zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges (Thema: 1914-1945. Größe und Niedergang Europas. Krieg - Verfolgung - Vertreibung. Die Zukunft gehört der Freiheit, dem Recht und dem Frieden) heißt es im Zusammenhang: "Der Bruch im deutschen Geschichtsbewußtsein, der (...) verstärkt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Deutschen im Unfrieden mit ihrer eigenen Geschichte leben läßt, droht das Selbstverständnis und das Selbstbewußtsein auch ganz Europas zu lähmen. Kein Volk kann auf Dauer mit einer kriminalisierten Geschichte leben. Gemeinsam kann mit den anderen europäischen Völkern nur die Nation die Zukunft unseres Kontinents mitgestalten, die selbst innerlich stark und ihrer selbst gewiß ist. Deshalb darf unsere Scham über die Verbrechen, die eine Unrechtsherrschaft in deutschem Namen verübt hat, deshalb darf unser Blick zurück auf unsere Trauer, auf unser Versagen, unsere Schuld, unsere Leiden nicht zu einem alles hemmenden Zweifel und einer moralischen Selbstlähmung führen."
10. Ministerpräsident Stoiber: Frage nach der deutschen Identität
Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber stellte in einem ebenso bedeutenden und zentralen wie Aufsehen erregenden Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" vom 2. November 1993 die unabdingbar notwendige Frage nach der historischen, nach der deutschen Identität: "Mit der deutschen Wiedervereinigung haben wir nun eine andere Situation - und wir müssen uns bewußt werden, was die deutsche Identität eigentlich ist." Klar erkennt Ministerpräsident Stoiber die Notwendigkeit, Deutschland endlich eine nationale Identität zurückzugeben. Dies war Hellmut Diwalds Lebensaufgabe. Die Frage nach der Nation und der nationalen Identität, die immer auch die Frage nach der historischen Wahrheit, Klarheit und Gerechtigkeit, nach dem Geschichtsbewußtsein der Deutschen, unabdingbar in sich einschließen muß, führt eben nicht zu einem die Nation und das Nationale zersetzenden EG-Zentralismus-Vielvölkergulaschkonzept, wie Herr Kohl (Historiker aus Oggersheim und Super-Bismarck in Bonn) mit seinem Europafimmel und Eurowahn es unserem Volk aufzwingen zu müssen glaubt, sondern zu einem Europa der nationalen Souveränitäten, der historisch gewachsenen Identitäten. Stoiber: "Wir streben keinen europäischen Bundesstaat mehr an. (...) Europa ist mehr als die EG. Ich will einen bloßen Staatenbund. Das bedeutet: Die Nationalstaaten haben die Dominanz in den inneren Angelegenheiten. Die Gemeinsamkeit beschränkt sich auf wesentliche Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. ... Wir haben zentralistische Regelungen bis ins Detail hinein, die immer stärker uns im Land Ärgernisse verursacht haben, ohne daß die wirklichen Verantwortlichen für den Bürger transparent werden. Und wenn Sie dies künftig verhindern wollen, dann müssen Sie im Grunde genommen auch eine europäische zentralistische Staatlichkeit bekämpfen. (...) Bundesstaat würde bedeuten, daß die Staatlichkeit Deutschlands oder Frankreichs überwölbt und ausgehöhlt würde durch eine europäische Staatlichkeit. Das ist der Weg, den die Deutschen in den fünfziger, auch noch in den sechziger Jahren gehen wollten. Eine Rolle spielten dabei unsere geschichtlichen Belastungen: Wir hofften, die Nation, die damals geteilte deutsche Nation, würde aufgehen in einer europäischen Nation, und wir würden uns damit auch entlasten von den geschichtlichen Verantwortlichkeiten. Mit der deutschen Wiedervereinigung haben wir nun eine andere Situation - und wir müssen uns bewußt sein, was die deutsche Identität eigentlich ist. (...) Der junge Helmut Kohl war in einer Zeit aufgewachsen unter dem Eindruck eines verheerenden Weltkriegs, der zugleich europäischer Bürgerkrieg war, in einer Zeit also, wo Deutscher zu sein insgesamt oft als belastend empfunden wurde. Deshalb haben viele Deutsche damals eine neue Identität gesucht und glaubten, sie in Europa zu finden. (...) Es gab einmal eine europäische Bewegung in Deutschland, die unter anderem auch glaubte, in der europäischen Identität belastete deutsche Identität auffangen zu können. Das ist vorbei."
In der Hinführung zu einer nationalen Identität auch für das deutsche Volk und Vaterland, in den hier über Franz Josef Strauß nun weit hinausgehenden Visionen und Freiheitsvorstellungen und Unabdingbarkeiten, zweifelt Ministerpräsident Stoiber natürlich in keinem Augenblick die eherne Notwendigkeit der Einheit Europas durch eine "Europäischen Politischen Union" (EPZ), und eben kein aus einer "Kopfgeburt" resultierender Europäischer "Überstaat" (E. Stoiber), an. Stoiber: "Diese Eigenständigkeit (etwa die der bundesrepublikanischen und bayerischen Staatlichkeit; Anm. d. Verf.) wollen wir nicht für Europa auflösen. Schon deswegen darf es keinen Bundesstaat Europa, sondern nur einen Staatenbund geben. Staatenbund bedeutet, daß jede Kompetenz einzeln und immer wieder neu übertragen werden kann. (...) Im Extremfall schließt der Staatenbund auch diese Möglichkeit (die Möglichkeit des jederzeitigen Austritts) ein."
Klar erkennt Stoiber zudem die Frage nach der nationalen Identität, nach der Nationalstaatlichkeit, die nationale Identität voraussetzt, als eine Systemfrage, als eine Frage der Demokratie, zu der es keine Alternative gibt. So haben die Richter im Karlsruher Maastricht-Urteil "knallhart betont, daß sich die europäische Demokratie vorerst in der Nation aufbaut." Stoiber weiter: "Die Verantwortung des Europa-Parlaments ist danach nachrangig, erst kommt die Demokratie im Nationalstaat."
Glasklar ist, daß Herr Stoiber weder die Richtlinien der Bundespolitik bestimmt, noch je willens und in der Lage ist, diese zutreffenden Erkenntnisse in die politische Tat umzusetzen. So stimmte er auch, im Gegensatz zu Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, im Bundesrat für den Eurowahn und nicht dagegen. Die CSU unterstützt den Europafimmel des Herrn Kohl, dies sind die Fakten und Tatsachen. Es zählt eben nicht nur verbaler "Schall und Rauch" zwecks Stimmviehmißbrauch und fortgesetzt anhaltender Wählertäuschung! Die von Herrn Stoiber als richtig erkannte Politik kann eben nur von einer freiheitlichen oder demokratischen deutschen Rechten glaubhaft angestrebt und durchgesetzt werden.
Verbunden ist dieser existentielle gesamte Komplex unabdingbar mit der Wiedererringung der nationalen oder historischen Identität der Deutschen. Nehmen wir die Warnung und Mahnung des Historikers Michael Stürmer ernst, der darauf hinweist, "daß in geschichtslosem Land (derjenige) die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet." (FAZ vom 25. 4. 1986: "Geschichte in geschichtslosem Land")
11. "Unsere gestohlene Geschichte"
Klar erkannte Hellmut Diwald in seinen Forschungen die Kriminalisierung der deutschen Geschichte durch eine skrupellose und brutale Umerziehung und eine ebenso verlogene Vergangenheitsbewältigung nach 1945. Einige Sätze nur vermögen seine Erstrangigkeit weiter zu verdeutlichen. In der Einführung zu seinem Werk: >Geschichte der Deutschen< spricht er unübertreffbar von "der jahrelangen Umerziehung, der inneren Umpolung des deutschen Volkes durch die Sieger des Zweiten Weltkrieges. Alle Ideen und Überzeugungen, die ihrer Meinung nach zu der politischen, moralischen, charakterlichen Korrumpierung der Deutschen geführt hatten, sollten ein für allemal ausgerottet werden. Im Bereich der Geschichte wurde dies durch einen n