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Weitere Beispiele (Auszüge) aus dem großartigen historischen Werk von Hellmut Diwald:
Hellmut Diwald: Schild Germaniens, Luther - Triumphzug nach Worms und das erste Verhör, Heinrich der Erste - die Persönlichkeit des Königs
Hellmut Diwald
Geschichte der Deutschen
>>Schild Germaniens<<
In den Dörfern und Städten Habsburgs läuteten abermals die Türkenglocken. Im Juli 1683 stand das Riesenheer der Osmanen vor Wien. Die Szenen der Massenflucht und der grenzenlosen Angst im ganzen Land übertrafen die Schreckenserinnerungen des Dreißigjährigen Krieges. Auch der Hof des Kaisers mit dem Herrscher an der Spitze flüchtete voller Panik; die Regierung wurde nach Passau verlegt. Zurück blieben als Besatzung kaum zweiundzwanzigtausend Mann. Karl von Lothringen hatte lediglich das unbedingt notwendige Minimum an Truppen in den Mauern belassen. Er zog sich mit dem Rest der Armee zurück, um Verstärkung aus dem Reich abzuwarten. Die osmanische Armee war so überraschend schnell herangerückt, daß der Kaiser an die erforderlichen Rüstungen erst denken konnte, als Wien schon eingeschlossen war. Das Reichsheer, zu dem die deutschen Fürsten ihre Kontingente mit einer überraschenden Einmütigkeit, ja fast mit nationaler Entschlossenheit stellten, zog erst heran, als die Osmanen die Kapitale Österreichs - die seit Kaiser Ferdinand II., auch zur Reichshauptstadt avanciert war - schon fast zwei Monate lang mit vollem Einsatz, mit allen Kniffen und Methoden der damaligen Belagerungstechnik berannt hatten. Doch den türkischen Regimentern gelang es trotz des ununterbrochenen Bombardements, trotz ihrer Minen und pausenlosen Sturmangriffe nicht, die Abwehr der Besatzung zu ermüden oder eine Bresche zu schlagen. Durch diesen erbitterten und beispiellosen Widerstand der Soldaten und Bürger, an deren Spitze der Kommandant Ernst Rüdiger Graf Starhemberg stand, bewährte sich Wien als »Schild Germaniens«, wie die Stadt wegen ihrer Standhaftigkeit bald im ganzen Reich gefeiert wurde.
Am 7. September waren sämtliche Ersatzregimenter mit dem kaiserlichen Heer vereinigt. Die Armee zog am rechten Donau-Ufer nach Wien. Am 12. September - die Türken waren bereits bis zur Burg vorgedrungen - entwickelte sich vom Kahlenberg aus der vehemente Angriff gegen die osmanischen Belagerer, unterstützt von einem Ausfall der Besatzung Wiens. Der Sieg war so vollständig, daß die Armee des Sultans in fast regelloser Flucht durch den Balkan zurückströmte. Die Kaiserlichen setzten nach, stießen bis Gran vor und eroberten die Festung. Kara Mustafa erhielt von seinem Herrn in Stambul die Quittung für das Fiasko in Form einer seidenen Schnur zugesandt. Nach dem Verlust eines solchen Unternehmens stand es dem leitenden Feldherrn nicht zu, sein Leben zu behalten. Der Großwesir beging Selbstmord. Sein Kopf wurde abgeschlagen, nach Stambul geschickt und dem Herrscher im Serail auf einem Silbertablett überreicht. Dem 20. Jahrhundert erscheinen solche Zeiten, in denen Begriffe wie Ehre oder Verantwortung durchtränkt sind von der Bereitschaft zu physischer Haftung, als barbarisch. Andererseits wäre einem Armeeführer wie Kara Mustafa die Vorstellung, sein Rücktrittsgesuch einzureichen und fortan seine Pension zu genießen, genauso abwegig erschienen.
Prinz Eugen, dem der Kaiser noch im Dezember 1683 ein Dragonerregiment verlieh, nahm seit diesem Jahr an den meisten Feldzügen auf dem Balkan teil. Autorität bei seinen Reitern gewann er ungewöhnlich rasch, denn dieser kleine, schmächtige und doch so unendlich zähe, tollkühne, willensstarke, grenzenlos selbstbewußte Mann bewies auch dem letzten, wie wenig Format und Genialität, Würde und Größe mit dem Metermaß zu tun hatten. Die Savoyendragoner und ihr Ruhm hielten sich bis in die letzten Stunden des Habsburgerreichs am Ende des Ersten Weltkrieges.
Zwei Jahre später, 1685 fiel Neuhäusel. Kurz darauf wurde bei Gran ein türkisches Heer besiegt. Im September 1685 stießen die Regimenter unter dem Doppeladler bis zur ungarischen Hauptstadt Ofen vor, eroberten sie und warfen die Osmanen aus ihrer Verwaltungs- und Herrschaftszentrale in Ungarn. Habsburg befand sich auf einem Siegeszug, den die fremden Mächte kaum zu fassen vermochten: Schlachten, Belagerungen, Erfolg auf Erfolg bei Fünfkirchen, Szegedin, Mohácz. Siebenbürgen unterwarf sich und erbat den Schutz Habsburgs, nachdem die Türken von den Kaiserlichen gezwungen worden waren, das Gebiet zu räumen. Auch Slawonien ersuchte um die Schutzherrschaft Wiens. Kurfürst Max Emanuel von Bayern erstürmte in einem überraschenden Anlauf Belgrad. Zum ersten Mal seit nahezu dreihundert Jahren revidierte der ungarische Adel seine Selbstherrlichkeit gegenüber Habsburg. Die Stände beugten sich unter die Oberhoheit Wiens. Außerdem entfiel der Insurrektionsartikel, die Bestimmung, die den Ungarn das Recht gab, bei Verstößen gegen die Verfassung sich mit Waffengewalt zu wehren. Das ungarische Königtum behielt zwar seine Selbständigkeit, doch wurde das Erbrecht der Habsburger ausdrücklich akzeptiert. Der Kaiser setzte auch die Krönung seines ältesten Sohnes Joseph I. - er war erst neun Jahre alt - zum König von Ungarn durch. Erneut hatte sich also eine Art des Regierens bewährt, die bei den Habsburgern fast periodisch auftrat: Regieren als unerschütterliche Passivität, als Kunst des Ausharrens - ein Prinzip, das bei Leopold I. zusätzlich von seiner persönlichen Unlust an Entschlüssen getragen wurde.
In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre dieses Jahrhunderts rammte Österreich auf dem Balkan die Pfähle ein, die den Weg zu seiner Großmachtstellung fixierten. Die Rechnung, die Ludwig XIV. mit seiner osmanischen Allianz aufgestellt hatte, war nicht aufgegangen. Aus diesem Grund sah er sich am Rhein erneut zu militärischen Unternehmungen gedrängt. 1688 entschloß sich der König, durch einen neuen Raubzug ins Reichsgebiet seiner Enteignungspolitik, die ihm Straßburg eingebracht hatte, die Sanktion zu erzwingen. Die Ehe Liselottes von der Pfalz mit Herzog Philipp von Orléans, dem Bruder des französischen Königs, wurde für Ludwig XIV. zum Vorwand, um Erbforderungen in der Pfalz zu erheben. Frankreich begann den dritten Raubkrieg, den Pfälzischen Krieg. Im Herbst 1688 brachen Ludwigs Regimenter in die Pfalz ein. Speyer, Mainz und Trier wurden erobert, im Norden wurde Kurköln besetzt, Bonn fiel, rechtsrheinisch auch Mannheim.
Doch Reich und Kaiser reagierten energisch. England und die Generalstaaten kamen zu Hilfe. Die Franzosen wurden nach verhältnismäßig kurzer Zeit aus den eroberten Gebieten zurückgeschlagen und mußten schließlich die Pfalz räumen. Ihrem Rückzug verliehen sie durch die neuartige Praxis willkürlicher und völlig unnötiger Verwüstung, durch methodisches Niederbrennen möglichst vieler Städte und Dörfer, einen gänzlich negativen, aber unvergänglichen Ruf. Von Köln über Bingen brannten die Städte, Oppenheim wurde verwüstet, Heidelberg ging in Flammen auf, die Festung wurde gesprengt, Mannheim schlimmer verheert als durch Orkan und Feuersbrunst, Worms und Speyer folgten, die Kaisergräber wurden geschändet. All das geschah, ohne daß die Plätze umkämpft gewesen wären. Der einzige erkennbare Zweck dieses Verheerens schien darin zu liegen, der Erinnerung eine tiefe Spur des Grauens einzuprägen. Der Vorwand, das geräumte Gebiet in ein Todesglacis zu verwandeln, einen breiten Streifen Niemandsland zu schaffen, der für Frankreich einen zusätzlichen Schutz bildete, war militärisch unsinnig. Trotzdem blieb es bei der offiziell ausgegebenen Devise des französischen Kriegsministers François Michel Louvois: »Verbrennt die Pfalz!«
Das systematische Verwüsten wurde während der folgenden Kriegsjahre von General Ezéchiel de Mélac zu einem letzten Höhepunkt getrieben. Mélac eroberte 1693 erneut Heidelberg, offensichtlich eigens zu dem Zweck, die Reste der Stadt am 2.2. Mai gänzlich niederbrennen zu lassen, einschließlich des schönsten Renaissance-Gebäudes in Deutschland, des Heidelberger Schlosses. Bis heute haben die Ruinen nichts von ihrer eindringlich mahnenden Ausstrahlung eingebüßt. Selbst wenn der Bezug auf die historischen Umstände dem Bewußtsein weitgehend verlorengegangen ist, so sind die Trümmer auch heute noch ein Wahrzeichen für den Stumpfsinn von Zerstörung um der bloßen Vernichtung willen. Insgesamt wurden an die hundert Städte und weit über tausend Dörfer "vom Erdboden rasiert". Erst 1697 konnten alle beteiligten Mächte die jahrelangen Friedensgespräche beenden. Der Pfälzische Krieg wurde durch die in dem niederländischen Schloß Rijswijk unterzeichneten Verträge beschlossen. Frankreich behauptete das Elsaß. Entsprechend dem Vertragsartikel 16 wurde "die Stadt Straßburg für ewige Zeiten Frankreich eingegliedert", ein Grund, um diesen Vereinbarungen für lange Zeit im Volksmund der Deutschen die Bezeichnung 'Friede von Reiß-weg' zu sichern.
Im Südosten waren die Kaiserlichen in denselben Jahren über die Aluta hinaus in die Walachei und nach Bosnien vorgestoßen. Doch die Osmanen wehrten sich hartnäckiger, als erwartet. Großwesir Ahmed Köprülü nahm den Kaiserlichen die Festung Belgrad wieder ab, doch im Osten konnte der Oberbefehlshaber Habsburgs, Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden - im Volksmund der 'Türkenlouis' - die Reste Siebenbürgens erobern. Auf dem Balkan stießen kaiserliche Detachements bis Nisch vor. Am 19. August 1691 kam es zu der überaus blutigen Schlacht bei Slankamen zwischen Peterwardein und Belgrad. Kein Treffen des sieggewohnten Markgrafen war so unerbittlich, keines entschied er so eindrucksvoll für sich wie diese Schlacht. Zwölftausend osmanische Soldaten blieben auf dem Feld, mit ihnen ihr Befehlshaber Köprülü - er lebt noch heute in der türkischen Erinnerung als verehrte Heldengestalt.
Nach der Schlacht bei Slankamen wurde der Türkenlouis vom Kaiser an den Rhein beordert; er übernahm den Oberbefehl im Pfälzischen Krieg gegen die Franzosen. Im Südosten wechselte daraufhin die militärische Führung fast von Jahr zu Jahr, es entwickelte sich ein wahres Revirement der Unfähigkeit. Die Rückschläge der Habsburger Bataillone, die unerwarteten Erfolge der Osmanen, die Vorbereitungen der Hohen Pforte, Siebenbürgen zurückzuerobern, zeigten in aller Deutlichkeit, daß die Herrschaft auf dem Balkan zunächst ein reines Problem der souverän überlegenen Feldherrnkunst war. Dieselbe Erkenntnis, freilich anders akzentuiert, vermittelte 1697 der neue Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee: Prinz Eugen. Von allen, die in Betracht kamen, hatte der Präsident des Hofkriegsrates, dessen Meinung uneingeschränkt vom Türkenlouis unterstützt wurde, keinen Heerführer zu nennen vermocht, "der mehr Verstand, Experienz, Applikation und Eifer an Euer Kaiserlichen Majestät Dienst hätte, ein generoses Gemüt, auch die Liebe und den Respekt bei der Miliz, als der Prinz von Savoyen". Bereits l687 - mit fündundzwanzig Jahren - war er vom Kaiser zum Feldmarschall-Leutnant befördert und mit dem goldenen Vlies ausgezeichnet worden.
Der strahlende Sieg des Fünfunddreißigjährigen am 11. September 1697 über die Osmanen bei Zenta an der Theiß war nicht nur ein sensationelles Präludium seiner eigenen Laufbahn als Feldherr, sondern brachte auch den Durchbruch zu grundsätzlichen Verhandlungen über die Gewichtsverschiebungen, die aufgrund der militärischen Erfolge und der Gebietsveränderungen im Südostraum während der letzten beiden Jahrzehnte eingetreten waren. Diese Situation wurde besiegelt durch den Frieden von Karlowitz vom 29. Januar 1699.
Der Friede von Karlowitz bedeutete eine tiefe Zäsur. Er schloß die erste Phase des Endkampfes um den Balkan zwischen Wien und Konstantinopel ab. Vom Reich wich der jahrhundertealte Druck des osmanischen Expansionsdranges. Europa mußte nun davon Kenntnis nehmen, daß sich Frankreich durch die Kriege und Siege seines Königs auf dem Weg zur Selbstentmachtung befand, während bei Österreich alles darauf hinwies, daß es sein Ziel, Großmacht zu werden, nicht mehr verfehlen konnte. Ausschlaggebend dafür waren nicht allein die Erfolge im Südosten. Seine wiederentdeckten Kräfte konnte Habsburg sich selbst und den anderen Staaten auch im Westen des Reiches bestätigen. Das neuerliche Vorrücken Österreichs hatte zur Voraussetzung gehabt, daß Frankreichs europäische Vorherrschaft in reziproker Gleichzeitigkeit abgebaut wurde. Dieser Prozeß des politischen Kräftewechsels, der die Spannungsverhältnisse des kontinentalen Staatensystems völlig veränderte, bildete nicht nur den Beginn einer neuen Phase, sondern markierte zugleich das Ende einer Rekonvaleszenz, in der sich das Reich und die Deutschen seit dem Westfälischen Frieden im Jahr 1648 befanden.
Quelle: Hellmut Diwald, Geschichte der Deutschen, Frankfurt/M. 1978, Seite 512 - 517
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Hellmut Diwald
Luther, eine Biographie
Triumphzug nach Worms
Der Reichsherold brach mit dem Diener am 15. März von Worms nach Wittenberg auf, erreichte die Stadt am 26. März, dem Dienstag der Karwoche, und überreichte Luther die Vorladung: der erste dramatische Höhepunkt. Würde Luther annehmen oder ablehnen ?
Gegen Ende des vergangenen Jahres hatte er noch kategorisch versichert, er würde einer Ladung nach Worms folgen. Doch wenn sich auch die Stimmung in Deutschland ununterbrochen zu seinen Gunsten steigerte und sich beinahe schon einem Siedepunkt näherte, so hatte andererseits in den letzten Monaten die Entschlossenheit bei der Kurie, des Ketzers mit allen Mitteln endlich Herr zu werden, ebenfalls zugenommen. Das galt auch für die strikt römisch ausgerichteten Teile der Geistlichkeit im Reich und vor allem für den Kaiser selbst. Rom hatte bis zuletzt versucht, die Einladung Luthers nach Worms zu hintertreiben. Jetzt erhoffte es sich wenigstens eine Ablehnung, genauso wie Nuntius Aleander, der bei der Vorstellung, daß "dieses Ungeheuer" vor Kaiser und Reich auftreten könnte, geradezu bebte: »Wir befinden uns diese ganze Zeit über in einer solchen Wirrsal, daß wir in Wahrheit nicht wissen, wo aus noch ein: denn wenn Martin kommt, droht das Schlimmste.«
Dem Kaiser war die Angelegenheit inzwischen mehr als lästig. Er hatte bei den Verhandlungen bald gemerkt, daß die Reichsstände den Mönch als ihre beste Waffe gegen die kaiserliche Politik in Deutschland benützten. Selbst die Räte des sächsischen Kurfürsten waren sich nicht sicher, wie Luther reagieren würde, und deshalb wäre auch Friedrich der Weise keineswegs verblüfft gewesen, wenn er den Reichsherold ohne Luther wieder in Worms hätte einreiten sehen.
Doch Luther nimmt die Einladung an. Äußerlich die Ruhe selbst, bleibt er das Osterfest über noch in Wittenberg, predigt am Gründonnerstag, am Karfreitag und den drei österlichen Feiertagen morgens und nachmittags in seiner Kirche, spielt mit keinem Wort oder nur verschlüsselt auf die Ladung nach Worms an. Der Magistrat stellt ihm einen Wagen, ein »Rollwäglein« samt Bespannung für die Reise. Luther bricht am 2. April auf. Begleitet wird er von einem Ordensfreund, dem Lizentiaten Nikolaus von Amsdorf, einem jungen gelehrten Edelmann aus Pommern, Peter Swaven, sowie von seinem Klosterbruder Johann Pezensteiner. Der Herold des Kaisers reitet voraus, im Wappenrock mit dem Reichsadler und der Fahne.
Die Reise geht nicht überstürzt, aber auch nicht besonders gemächlich vonstatten. Am meisten wird sie durch die Aufenthalte in fast allen Städten und Dörfern behindert. Jeder will Luther sehen, ihm zurufen, zujubeln, oder ihn einfach nur anstarren. Abordnungen reiten ihm entgegen, die Ratsherren empfangen ihn wie einen regierenden Fürsten, Luther wird gefeiert wie ein Held und ein Heiliger zugleich. In Leipzig kredenzt ihm der Rat einen Ehrentrunk, in Naumburg ist Luther Ehrengast des Stadtoberhaupts, in Weimar wird ihm ein Zehrgeld des Herzogs überreicht. Am 6. April, einem Sonnabend, kommt der kleine Zug nach Erfurt. Die Universität, an der Spitze Rektor Crotus Rubeanus, hat beschlossen, Luther einen großen Empfang zu bereiten. Eine gewaltige Delegation, vierzig Professoren und Studenten zu Pferd, angeführt von Crotus Rubeanus, zieht Luther entgegen und holt ihn ein. Die Stadt bietet ihm Asyl an, eine großzügige, wenn auch unnötige, weil durchaus symbolische Geste, wie die Herren wohl wissen.
Crotus Rubeanus hält eine überaus feierliche Begrüßungsrede: Luther ist der Gottgesandte, er ist der Rächer der Lüge in dieser Zeit, die den Menschen den Glauben geraubt und zerstört hat - wohlgesetzte Worte in dem gehobenen Stil, der einem solchen Ereignis angemessen ist und einem der berühmtesten Humanisten des Jahrhunderts zweifellos anstehen. Crotus Rubeanus fühlt sich Luther vor allem menschlich sehr nahe; seine Lehren betrachtet er reserviert. Wenige Jahre später nimmt Rubeanus bei Kardinal Albrecht von Mainz eine Stelle als Rat an, wird Kanonikus an der Stiftskirche in Halle und beschließt sein Leben geruhsam als fester Anti-Lutheriker und Domherr in Halberstadt; Revolutionen sind nicht seine Sache.
Die Antwort, die Luther dem Freund auf seine Begrüßungsworte gibt, ist würdig: Er, Luther, habe eine solche Ehrung nicht verdient, er habe sie nicht erwartet, doch er nehme sie dankbar an als ein Zeichen der Liebe.
Die Straßen in Erfurt sind voller begeisterter Menschen. Sie säumen den ganzen Weg bis zum Augustinerkloster. Für Luther ist es ein wahrer Triumphzug, der gekrönt wird von dem Empfang durch den Prior, seinen alten Freund und Mitstreiter Johannes Lang. Luther wird von allen Seiten gebeten, am nächsten Tag, dem Weißen Sonntag, in der Klosterkirche zu predigen. Die Kirche ist überfüllt, mitten in der Predigt beginnt das Holz der Empore zu ächzen und zu krachen. Jeder glaubt, sie würde einstürzen, der Schrecken schlägt um in Panik, etliche schlagen die Fenster ein, um in den Kirchhof hinauszuspringen - doch Luther hebt die Hand und sagt laut und ruhig: "Fürchtet nichts! Das ist der Teufel, der mich abhalten will, das Evangelium zu predigen. Aber es soll ihm nicht gelingen." Die Empore stürzt nicht ein.
Wiederholt wird Luther auf der Reise gebeten, ja genötigt, zu predigen; so in Gotha und in Eisenach. Unterwegs erfährt er, daß an allen Kirchentüren von Worms ein kaiserliches Sequestrationsmandat, unterzeichnet am 10. März, angeschlagen ist, in dem die Einziehung und Vernichtung seiner Bücher und die Bestrafung derjenigen, die sie verbreiten, befohlen wird. Das Edikt wird in ganz Deutschland verbreitet. Ein schlechteres Omen könnte es kaum geben, und so mischen sich in den Jubel, mit dem Luther überall begrüßt wird, zunehmend warnende Stimmen.
Luther muß immer öfter an das Schicksal von Johannes Hus in Konstanz denken; auch er hatte einen Geleitbrief des Kaisers. Luther erinnerte daran schon am 29. Dezember 1520 in einem Brief an Spalatin. Der Freund hatte sich erkundigt, ob er denn einer Vorladung nach Worms nachkommen würde. Luther antwortet: »Ich werde einer Vorladung, soweit es an mir liegt, folgen; wenn ich nicht gesund sein sollte, lasse ich mich krank hinführen. Denn daran gibt es keinen Zweifel: ein Ruf des Kaisers bedeutet, daß ich von Gott gerufen werde. Da sie aber die Vorladung gewiß nicht deshalb betreiben, um von mir eines Besseren belehrt zu werden, werden sie wahrscheinlich Gewalt anwenden; dann muß ich meine Sache dem Herrn anbefehlen. Denn der Gott, der die drei Jünglinge im Feuerofen des Königs von Babylon beschützt hat, lebt und regiert noch. Will er mich nicht schützen, so ist mein Haupt eine Kleinigkeit im Vergleich mit Christus, der zur höchsten Schmach, zum allgemeinen Ärgernis und zu vieler Verderben zu Tode gemartert wurde. Hier darf es keine Rücksicht auf Gefahr oder Wohl und Wehe geben. Hier gibt es vielmehr nur eine Sorge: daß wir das Evangelium, mit dem wir angetreten sind, nicht dem Spott der Gottlosen preisgeben; daß wir den Feinden keinen Anlaß zum Triumph über uns geben; daß wir uns nicht fürchten, unser Blut für das Evangelium zu vergießen. Vor solcher Feigheit bei uns und solchem Triumph bei ihnen bewahre uns Christus in seiner Barmherzigkeit!«
Luther schließt mit der Hoffnung, daß der Kaiser seine Herrschaft nicht damit beginnen möge, »daß er mein oder eines anderen Blut zum Schutz der Gottlosigkeit vergießt. Soll's aber trotzdem geschehen, daß auch ich wie Johannes Hus nicht nur der Priesterschaft, sondern auch der Welt in die Hände falle, so geschehe des Herrn Wille. Damit habt Ihr meine Meinung und meinen Willen.. Erwartet alles von mir, aber nicht Flucht und Widerruf. Ich will nicht fliehen, noch viel weniger widerrufen.«
Dem Reichsherold sind inzwischen ebenfalls starke Bedenken gekommen, ob die Sicherheit Luthers in Worms garantiert ist. Am 16. April erreichen sie Frankfurt, Luther steigt am Kornmarkt ab, im Gasthof zum Strauß. Der Reichsherold wendet sich an seinen Schützling, der äußerlich beinahe harmlos vergnügt wirkt, sich um keine große Politik zu kümmern und keine Rücksicht auf sich selbst zu kennen scheint und wie ein unbeschwerter junger Mann in der Herberge die Laute spielt: "Herr Doktor, wollt Ihr wirklich weiterziehen?" Luther sieht ihn erstaunt an: »Ja, ungeachtet, daß man mich in den Bann getan und das in allen Städten veröffentlicht hat. Ich will mich an das kaiserliche Geleit halten.« Als er in Oppenheim eintrifft, begrüßt ihn Martin Butzer. Er warnt ihn dringend davor, nach Worms zu gehen, bittet ihn inständig, die Einladung Franz von Sickingens anzunehmen und zu ihm auf die Ebernburg zu kommen, in die »Herberge der Gerechtigkeit«, in der so viele Parteigänger Luthers Zuflucht und Schutz finden. Dort will sich der Beichtvater des Kaisers, Jean Glapion, mit ihm beraten. Luther weist Butzer ab, es gibt für ihn keinen Zweifel, daß auch dieser Plan nur ein letzter Versuch ist, ihn von Worms fernzuhalten: »Ich ziehe weiter; hat des Kaisers Beichtvater etwas mit mir zu reden, so kann er das wohl in Worms tun.«
Noch einmal schreibt er an Spalatin; er ist sich der dramatischen Konstellation des Auftritts, der ihm in Worms bevorsteht, völlig bewußt. Der Brief ist vom Sonntag Misericordias Domini, dem 14. April: »Hus ist verbrannt worden, aber nicht die Wahrheit mit ihm«, und dann spielt er auf zwei Stellen des Neuen Testaments an: »Christus lebt, und wir wollen nach Worms, auch wenn alle Pforten der Hölle und die Gewaltigen der Luft sich widersetzen!« Spalatin hat das später in eine Fassung gebracht, die berühmt geworden ist. Luther habe mit aller Macht nach Worms hineingewollt, »selbst wenn so viele Teufel drinnen wären als Ziegel auf den Dächern«.
Gegen Ende seiner Reise hat Luther wahrscheinlich sein wohl gewaltigstes und bewegendstes Lied gedichtet und komponiert: "Eine feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen". Gedruckt erscheint es erstmals im Jahre 1529. Der Text läßt sich tatsächlich als Kommentar zu der Reise nach Worms lesen, so etwa der Beginn der dritten Strophe: »Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.« Vor allem der Schluß, in seiner dichten Form fast ein Hauptstück der Theologie Luthers, seines Glaubens, seiner unerschütterlich tapferen Haltung, die auf nichts anderem ruht, als auf dem Fels des Evangeliums - so findet Luther auf der Reise nach Worms auch den neuen Namen für seine Sache, die »evangelische« Sache: „Das Wort sie sollen lassen stahn und kein' Dank dazu haben; er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: Laß fahren dahin, sie habens kein Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben“.
Das erste Verhör
Wenig später, am 16. April, trifft Luther in Worms ein, am Vormittag. Hundert Reisige, die wahrscheinlich Franz von Sickingen geschickt hat, geben ihm bis zum Stadttor das Geleit. Viele Herren aus der Umgebung des sächsischen Kurfürsten reiten Luther entgegen. Er sitzt mit seinen Freunden in dem offenen Wagen, die Mönchskappe auf dem Kopf. Als der Türmer des Doms den Zug in der Ferne erkennt, meldet er die Ankunft durch Trompetenstöße. Im Nu sind die Straßen überfüllt. Acht Berittene halten sich in der Stadt um Luthers Wagen. Der Zug kommt nur langsam voran. In einem Bericht heißt es: »Gegen zweitausend Menschen haben ihn umgeben bis zu seiner Herberge. Viele stiegen auf die Dächer und Häuser, um Doktor Martinus zu sehen.«
Auch Nuntius Aleander schildert, wie er »aus dem hastigen Rennen des Volkes entnahm, daß der große Ketzermeister seinen Einzug hielt«. Vorher empört er sich noch darüber, »daß der schurkische Herold, der ihn geleitet, in seiner heftigen Feindschaft gegen uns sich rein toll benimmt, denn er macht aus der Reise Martins einen Triumphzug«. Aleander ist zu klug, als daß er nicht wüßte, wie wenig sich Luthers spektakuläre Reise und sein Empfang in Worms mit solchen Bemerkungen erklären läßt. Der Nuntius hebt auf seine Weise nur etwas tatsächlich höchst Erstaunliches ins Bewußtsein: Dieses deutsche Reich ist nach wie vor bis in den letzten Winkel katholisch. Die Kirche bestimmt unverändert den Ablauf des täglichen Lebens, niemand denkt daran, sich von dieser Kirche abzuwenden oder sie gar vollständig zu vernichten - mit Ausnahme dieses einen Augustinermönchs. Eben diesem Mann schlägt aus dem ganzen Reich eine ungeheure Woge des Staunens, der Sympathie und Bewunderung entgegen, demselben Mann, den das Oberhaupt der regierenden und alles beherrschenden Kirche soeben erst zu einem satanischen Ketzer erklärt, ihn verdammt und geächtet hat.
Aleander berichtet weiter, und nun bekommt bare Verständnislosigkeit die Gewalt über ihn, durchsetzt mit trüben Befürchtungen: »Beim Verlassen des Wagens schloß ihn ein Priester in seine Arme, rührte dreimal sein Gewand an und berühmte sich im Weggehen, als hätte er eine Reliquie des größten Heiligen in Händen gehabt; ich vermute, es wird bald von ihm heißen, er tue Wunder. Dieser Luther, als er vom Wagen stieg, blickte mit seinen dämonischen Augen im Kreise umher und sagte: 'Gott wird mit mir sein!'«
Luther ist im Johanniterhof in der Kämmerergasse untergebracht. Er wohnt in der Nähe des Quartiers, das Friedrich den Weisen und seine engsten Vertrauten beherbergt; der Name dieser Unterkunft ist nicht bekannt, sie kann nicht weit vom Dominikanerkloster entfernt gewesen sein, in dem der Kurfürst seinen Bruder Johann mit dessen Gefolge untergebracht hat. Spalatin wohnt in der Herberge des Kurfürsten.
Das erste Verhör Luthers vor dem Kaiser und den Reichsständen findet schon am darauffolgenden Tag in der Residenz des Bischofs statt. Luther wird vom Reichserbmarschall Utz von Pappenheim und dem Herold Kaspar Sturm abgeholt. Die Straßen sind von Neugierigen blockiert, die Menschen drängen sich, lüstern und strahlend, besorgt und im prickelnden Vorgefühl einer Erwartung, die binnen kurzem Erfüllung finden muß. Luther kann nur auf Seitenwegen das bischöfliche Palais erreichen. Er ist guter Stimmung. Im Vorsaal gibt es einen kurzen Aufenthalt, viele Freunde begrüßen ihn. Als er sich durch die dicht an dicht stehenden Menschen drängt, soll ihm angeblich der »Vater der Landsknechte« Georg von Frundsberg freundlich und respektvoll zugeredet haben: »Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang, einen Stand zu tun, dergleichen ich und mancher Oberst auch in unseren allerernstesten Schlachtordnungen nicht getan haben. Bist du aufrechter Meinung und deiner Sache gewiß, so fahre in Gottes Namen fort und sei nur getrost. Gott wird dich nicht verlassen!« Die Episode ist nicht sicher belegt, aber Frundsberg ist mit Luther in Worms zusammengekommen; die Szene reflektiert jedenfalls die Sachlage.
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Teil II, siehe unterhalb.