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Arne

Beiträge: 539

New PostErstellt: 02.12.08, 18:25     Betreff: "Es geht auch ohne Kohle – aber wie?", Kieler Nachrichten - 2.12.2008

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Kiel - 2.12.2008

Wilfried Voigt über neue Wege in Kiels energiepolitische Zukunft

Es geht auch ohne Kohle – aber wie?

Das Votum der neuen Ratsmehrheit ist eindeutig: Keine Kohle mehr, wenn es um den Ersatz des veralteten Gemeinschaftskraftwerkes auf dem Ostufer geht. Keine Kohle – doch was dann? Viel Konkretes über Kiels künftige Energieversorgung unter den neuen – von Stadtwerke-Vorstand, Rats-Opposition und auch der IHK scharf kritisierten – Vorzeichen war bisher aus den Reihen der Politik nicht zu erfahren.

Unsere Zeitung hat Wilfried Voigt (59), Kieler Urgestein der Grünen, neun Jahre Energie-Staatssekretär in der rot-grünen Landesregierung und von der rot-grünen Ratsmehrheit frisch berufenes Aufsichtsratsmitglied der Stadtwerke Kiel, um klare Worte zum Thema „Es geht auch ohne Kohle“ und die Darstellung möglichst konkreter Umsetzungsideen gebeten. Nachfolgend sein Beitrag – Voigt hat ihn ausdrücklich als Privatmann mit Blick auf die Interessenlage der Stadt verfasst.

Die Frage einer Nachfolgeanlage für das Gemeinschaftskraftwerk (GKK) auf dem Kieler Ostufer erregt zu Recht die Gemüter: Durch das geplante 800 MW-Kohlekraftwerk wird für Jahrzehnte eine massive Erhöhung von Feinstaub,- Schwermetall- und CO2-Emissionen verursacht. Hinzu kommen: die Erhöhung der Wassertemperaturen und die für die Kohleanlandung erforderlichen Ausbaggerungen in der Kieler Förde bis hin zum Neubau einer 380 KV-Freileitung von Kiel nach Rendsburg. Diese Fakten belegen, dass ein solches Großprojekt weder umwelt- noch klimaverträglich ist.

Es gibt aber auch erhebliche wirtschaftliche Risiken. Sie waren im Februar 2008 Grundlage für die Empfehlung der Stadtwerke-Gutachter, die Entscheidung um drei Jahre (die Gutachter hatten sogar „besser fünf Jahre“ vorgeschlagen) zu verschieben. Neben großen Unsicherheiten bei der langfristigen Primärenergiepreisentwicklung, der CO2-Abscheidetechnik und der Entwicklung des CO2-Emissionshandels war folgendes Argument entscheidend:

Die Gutachter haben ausführlich dargelegt, dass der gesetzlich festgeschriebene Einspeisevorrang der erneuerbaren Energien und mangelnde Netzkapazitäten dazu führen könnten, dass der große Kohleblock nicht die weit über 7000 sogenannten Jahresnutzungsstunden erreichen kann, die für die „Dividenden -und Fernwärmepreisvorteile“ entscheidend sind. Hinzu kommt der Mechanismus der Preisbildung an der Leipziger Strombörse: Die Kraftwerke, die zur „Lastabdeckung“ eingesetzt werden, erhalten den „Zuschlag“ nach der Höhe ihrer sogenannten variablen Kosten. Der weitaus wichtigste Teil davon sind die Brennstoffkosten. Da der Wind „umsonst“ weht, wird der produzierte Windstrom auch rein ökonomisch vorrangig abgenommen.

Mit dem von allen gewollten Ausbau der Windenergie wird es für Kohlekraftwerke also immer enger. Nach Presseberichten ist vor wenigen Wochen der spanische Energiekonzern Iberdrola als Partner bei einem der in Brunsbüttel geplanten Kohlekraftwerke ausgestiegen. Zugespitzt ist daher durchaus die These vertretbar, dass der Verzicht auf ein 800 MW-Kohlekraftwerk letztlich auch die Landeshauptstadt Kiel davor bewahrt, möglicherweise auf einer „Investitionsruine“ sitzen zu bleiben. Vor diesem Hintergrund ist nicht nachvollziehbar, wenn in der öffentlichen Debatte allerlei haltlose Versprechungen über hohe Dividenden und niedrige Fernwärmepreise gemacht werden. Umgekehrt muss gründlich untersucht werden, wie es denn „ohne Kohle gehen kann“.

Dazu hat die Ratsversammlung zwei wichtige Beschlüsse gefasst: Im Mai 2008 hat noch die „alte“ Ratsversammlung einstimmig (!) ein erstes Energie- und Klimaschutzkonzept mit dem Ziel verabschiedet, die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 und bis 2050 um 80 Prozent zu senken. Im Oktober 2008 hat der Rat mehrheitlich auf Initiative der neuen Kooperation die Erarbeitung eines umfassenden Energie- und Klimaschutzkonzeptes auf den Weg gebracht.

Im Zentrum steht die Untersuchung aller Möglichkeiten, die einen Beitrag zur Erreichung der im Mai beschlossenen Klimaschutzziele leisten können, so etwa:

  • Erhebung der Energieeinsparpotenziale bei Strom und Wärme und Vorschläge zu deren Umsetzung
  • Vorschläge für eine Ausschöpfung der Potenziale der dezentralen Kraft-Wärme-Kopplung wie der erneuerbaren Energien.

In diese Untersuchung gehen u.a. die Daten des „GKK-Vergleichsgutachtens“ der Stadtwerke ein wie auch die des Mai-Ratsbeschlusses. So finden sich dort z.B. Aufstellungen über alle Anlagen der Stadtwerke im Zusammenhang mit der Stromerzeugung und dem Fernwärme-Verbundsystem. Bei der heutigen Verbrauchsspitze von gut 350 MW stehen im Fernwärmesystem derzeit Anlagen mit einer Gesamtwärmeleistung von über 800 MW.

Selbst bei einem Ausbau der Fernwärme wäre ein 800 MW-Kraftwerk hoffnungslos überdimensioniert, denn:

  • die Müllverbrennungsanlage muss ganzjährig im System bleiben
  • das Heizkraftwerk Humboldtstraße wird auch zukünftig wichtige Beiträge liefern

Aus Sicht der Klimaschutzstadt Kiel ist also die Interessenlage eine andere als die von Großkraftwerksbetreibern: So wird die regionale Entwicklung der Arbeitsplätze eine große Rolle spielen. Ging es im Stadtwerke-Gutachten um Zahlen im reinen Kraftwerksbetrieb und -vergleich zwischen 70 und 180, so geht es hier um den Aufbau von Tausenden neuer Arbeitsplätze in vielen Handwerksbereichen, bei Dienstleistungen, bei privaten Strom- und Wärmeerzeugern und auch bei den Stadtwerken.

Untersucht werden zudem die daraus resultierenden positiven Folgen für die erheblich intensivere regionale Wertschöpfung und Wirtschaftskraft – und nicht zuletzt auch die Dividenden- wie Verbrauchspreisentwicklung.

Der renommierte ehemalige Chefökonom der Weltbank, Sir Nicholas Stern, hat nachgewiesen, dass am besten fährt, wer heute konsequent in Klimaschutz investiert. Gerade angesichts der Finanzkrise ist das Motto „Global denken – lokal handeln“ für die Klimaschutzstadt Kiel sachlich gut begründet und politisch konsequent – auch im langfristigen Interesse der Energieverbraucher/innen wegen der damit einhergehenden Verringerung vielfältiger internationaler Abhängigkeiten.

Bis die Ergebnisse vorliegen, kann in diese Richtung gearbeitet werden, z.B.:

  • bei der Stadt durch die Umsetzung der Erfahrungen mit der Innovativen Bauausstellung und den Solartagen 2008
  • bei den Stadtwerken durch die Umsetzung des angekündigten Ausbaus von 20 MW dezentraler Kraft-Wärme-Kopplung.

Das ist allemal besser als die unseriöse Angstmache mit „70 Blockheizkraftwerken von der Größe der Lessinghalle“, die nie jemand vorgeschlagen hat.

URL: http://www.kn-online.de/lokales/kiel/?em_cnt=64456&em_loc=3





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