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"Segen und Fluch der Kohle", Schwäbisches Tagblatt - 04.03.2010

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Arne

Beiträge: 539

BI Teilnehmernummer: 98

New PostErstellt: 04.03.10, 13:59  Betreff: "Segen und Fluch der Kohle", Schwäbisches Tagblatt - 04.03.2010  drucken  weiterempfehlen

Segen und Fluch der Kohle

Brunsbüttel-Projekt: Palmer will Windpark-Anteil verdoppeln

Mario Beisswenger

Wirtschaftlich gut, ökologisch vertretbar: OB Boris Palmer und die Südweststrom-Chefin Bettina Morlok verteidigten das geplante Kohlekraftwerk an der Elbmündung gegen die Einwände zweier Energie-Experten und die massive Kritik der BI Brunsbüttel.

Tübingen. „Ein bisschen grau wird dabei sein müssen.“ So umriss Boris Palmer seine Haltung zur Beteiligung der Tübinger Stadtwerke beim Bau eines Kohlekraftwerks an der Elbe. Auf Einladung des studentischen Arbeitskreises Klima diskutierte der Rathaus-Chef am Dienstagabend vor 150 Gästen im Audimax der Universität mit Kritikern des Projekts.


Bei einer Abstimmung wäre das von TAGBLATT-Redakteur Sepp Wais (dritter von rechts) moderierte Podium drei zu zwei gegen das Kohlekraftwerk in Brunsbüttel ausgegangen. Während das Großprojekt von Südweststrom-Chefin Bettina Morlok und OB Boris Palmer (beide rechts im Bild) entschieden verteidigt wurde, lehnten es (von links) Arne Firjahn von der BI Brunsbüttel sowie die beiden Energiewirtschaftler Uwe Leprich und Joachim Nitsch aus ökonomischen und ökologischen Gründen rundweg ab. Bild: Metz

Die große Überraschung und endlich etwas Balsam für die grüne Seele seiner Kritiker sparte sich Palmer bis zuletzt auf: Er will sich dafür einsetzen, dass die Stadtwerke ihren Anteil an dem ebenfalls von der Südweststrom geplanten Windpark in der Nordsee von vier auf acht Megawatt verdoppeln. Denn: „Das ist mein Überzeugungstäter-Projekt.“

In der Podiumsrunde wurde Palmer nur von Bettina Morlok unterstützt. Die Chefin von Südweststrom (siehe Infobox) vermittelte den Eindruck, dass man bei der Milliarden-Investition an der Unterelbe alles im Griff habe. Obwohl schon der eine oder andere Investor abgesprungen sind, reiche die Beteiligung für zumindest einen Kraftwerksblock. Auch bei vorsichtiger Kalkulation sei das Projekt wirtschaftlich. Und: „Wir sind noch im Zeitplan“.

In allen diesen Punkten gab es Widerspruch von den übrigen Mitstreitern des von TAGBLATT-Redakteur Sepp Wais moderierten Podiums. Laut Arne Firjahn von der Bürgerinitiative in Brunsbüttel müssen die Investoren mit „erheblichen Problemen bei den Genehmigungsverfahren“ rechnen. Deshalb werde der Kohle-Meiler – wenn überhaupt – „nicht vor 2015 fertig“ sein. Zudem sei er „das mit Abstand teuerste Kohlekraftwerk“, das derzeit in Planung sei. Erst kürzlich sei in Stade, nahe bei Brunsbüttel, ein ähnliches Projekt aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben worden. Der Südweststrom werde es mit ihrer teureren Anlage nicht besser ergehen.

Auch Joachim Nitsch, der alljährlich fürs Bundesumweltministerium die wahrscheinliche Entwicklung des Kraftwerkparks prognostiziert, zweifelte an der Wirtschaftlichkeit: „Darüber kann heute niemand eine Auskunft geben.“ Nach seiner Abschätzung sind „im Moment schon zu viele Kohlekraftwerke in Bau“, für die Stromversorgung würden zusätzliche erst recht nicht gebraucht.

Uwe Leprich, Professor für Volks- und Energiewirtschaft in Saarbrücken, fand „so große Klötze“, wie in Brunsbüttel geplant, völlig fehl am Platz. Daraus könne schnell ein „wirtschaftlicher Totalausfall“ werden, weil ein Kohlekraftwerk nicht zur künftig notwendigen flexiblen Stromerzeugung tauge. Seine Warnung an Morlok und Palmer: „Das ist die Lehmann-Aktie in ihrem Portfolio.“ Als Ausweg empfahlen beide Experten den Bau eines Gaskraftwerks.

Die Abwärme würde für ganz Berlin reichen

Palmer schätzte den Energiemarkt anders ein: „Unser Kohlekraftwerk wird wirtschaftlich sein – ich bedaure das, aber wegen der falschen Energiepolitik des Bundes wird es mindestens 20 Jahre am Netz bleiben.“ Danach habe es seine Kosten eingespielt. Das sei bei Kohlekraftwerken unter bisherigen Bedingungen nach etwa 17 Jahren der Fall, ergänzte Morlok. Das könnte knapp werden, wenn nach dem Szenario von Nitsch ab 2030 keine Kohlekraftwerke mehr am Netz sind, weil die Luftverschmutzungsrechte (CO2-Zertifikate) bis dahin zu teuer werden.

Mehr als um die Rentabilität sorgte sich Arne Firjahn um die ökologischen Folgen des Großprojekts, in dem stündlich 500 Tonnen Steinkohle verheizt werden sollen. Gut die Hälfte der eingesetzten Energie werde als Abwärme, mit der man ganz Berlin beheizen könne, nutzlos in die Elbe abgeleitet. Damit und mit dem Ansaugen gewaltiger Kühlwassermengen mache man unzähligen Fischen in der Elbe den Garaus. Und vor allem blase der Meiler jährlich über zehn Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre – und dazu noch jede Menge giftiger Schwermetalle. Unter anderem würden so Jahr für Jahr an die 500 Kilogramm Quecksilber übers Land verteilt.

Laut Palmer bleiben all diese Emissionen aber „unterhalb der Wirkungsschwelle“. Das Risiko, daran zu erkranken sei ungleich geringer als etwa das Risiko, sich im Autoverkehr zu verletzen. Wie seine Kritiker auf dem Podium schafften es hinterher auch die grünen Mahner aus dem Publikum nicht, den Oberbürgermeister vom Kohlekurs abzubringen. Eines seiner wichtigsten Argumente: Ein Nein aus Tübingen hätte den Südweststrom-Verbund der Stadtwerke gefährdet. Doch dieser Zusammenschluss sei „so wichtig, dass ich das Kohlekraftwerk nicht über die Klinge springen lassen wollte“.

Das Kraftwerksprojekt in Brunsbüttel

Der Südweststrom-Verbund, ein von Tübingen aus organisierter Zusammenschluss kommunaler Versorgungsbetriebe, plant in Brunsbüttel ein Kohlekraftwerk mit einer Leistung von zweimal 900 Megawatt. Die Tübinger Stadtwerke sind mit einem Anteil von 0,4 Prozent an dem Projekt beteiligt. Die Gesamtkosten werden derzeit auf 3,2 Milliarden Euro beziffert. Der mit Abstand größte Teil davon soll mit Bankdarlehen finanziert werden. Im Juli 2008 hat der Gemeinderat die Stadtwerke ermächtigt, „mindestens 1,4 Millionen Euro“ in das Gemeinschaftsprojekt einzubringen. Erklärtes Ziel dabei ist es, billigen Strom zu produzieren, um damit den vier Großkonzernen auf dem Energiemarkt Paroli bieten zu können.

Quelle: http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/tuebingen_artikel,-Brunsbuettel-Projekt-Palmer-will-Windpark-Anteil-verdoppeln-_arid,94001.html





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