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Bürger-Netzleitung erweist sich als Flop. WZ vom 30.09.2013

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Autor Beitrag
Claudia

Beiträge: 4532

BI Teilnehmernummer: 106

New PostErstellt: 30.09.13, 23:07  Betreff: Bürger-Netzleitung erweist sich als Flop. WZ vom 30.09.2013  drucken  weiterempfehlen

Bürger-Netzleitung erweist sich als Flop

Anwohner haben kaum Interesse an Anteilen / Suche nach neuen Konzepten

Heide/Kiel /ky

Heute ist Schluss. Dann können die Menschen in Dithmarschen und
Nordfriesland keine Anteile an der Bürgernetzleitung von Brunsbüttel
nach Niebüll mehr erwerben. Das Problem ist aber: Kaum einer will
überhaupt Teil-Eigner des Stromnetzes werden.
Netzbetreiber Tennet sagt offiziell nicht, ob zu den 250 Kunden, die bis
August Anteile gezeichnet haben, noch welche hinzugekommen sind. Intern
ist Netzbetreibern und Politikern aber längst klar, dass die
Bürgerleitung ein Flop ist. „Die Leitung sollte die Akzeptanz der
Energiewende in der Region steigern – das ist gescheitert“, sagt der
Vorsitzende der Bürgerinitiative Westküste trassenfrei, André Tesch, in
Heide. Die Anteilseigner täten ihm jetzt schon leid, weil sie keine
Garantie hätten, dass ihr Kapital von mindestens 1000 Euro wirklich zum
zugesagten Satz von drei und nach dem Bau der Leitung von fünf Prozent
verzinst werde. Anlageberater und Verbraucherzentralen hatten gewarnt,
ins Bürgernetz zu investieren, weil die Risiken eines Verlustes – etwa
bei einer Krise bei Tennet – zu groß seien. Intern gilt genau das als
Problem, bei dem, wie Tesch sagt, „viel zu schnell gestrickten Konzept“.


Die Bürgerleitung sollte ein Pilotprojekt sein für die Finanzierung
weiterer Stromtrassen, die im Zuge der Energiewende entstehen. Mit
großer Inszenierung hatten im Juni Bundesumweltminister Peter Altmaier
(CDU) und Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) für die Bürgerleitung
geworben. „Schleswig-Holstein schreibt Geschichte“, hatte Altmaier über das Modell gesagt, das er als seine Erfindung bezeichnet.


Jetzt hört sich das anders an. Altmaier setzt zwar nach wie vor auf
Bürgerbeteiligung auch bei teureren Stromautobahnen, aber es sei Aufgabe
der Netzbetreiber, Modelle zu schaffen: „Wenn die Angebote attraktiv
sind, wird der Bürger sie kaufen“, so Altmaier.


Auch Albig ist vorsichtig geworden. „Das Pilotprojekt war ein erster
wichtiger Schritt, aber im Details nicht ganz ausgereift.
Bürgerbeteiligungsmodelle sind aber nach wie vor der richtige Weg.“ Nur
wie der Weg gebaut werden soll, das weiß derzeit offenbar keiner.


Bauprobleme gibt es für die Trasse an der Westküste jedenfalls nicht.
„Die Finanzierung steht – auch ohne Bürgerbeteiligung“, sagt Tennet-Sprecherin
Ulrike Hörchens. Die 15 Prozent der Investitionssumme von
schätzungsweise 210 Millionen Euro habe der Konzern anderweitig
finanziert. Nun will Tennet intern analysieren, was man an dem Konzept
Bürgernetz ändern kann. Immerhin sei die Kampagne kommunikativ ein
Erfolg gewesen, heißt es. 160 000 Haushalte hat Tennet an der Küste
angeschrieben, die seien jetzt informiert, was beim Netzausbau passiere.
Davon profitiert auch die Bürgerinitiative um André Tesch: „Wir
gewinnen stetig Mitglieder hinzu.“



Kommentar von Seite 2:



Bürgerbeteiligung als Irrweg

Kaum jemand interessiert sich für die Anleihe des Netzbetreibers Tennet

Till H. Lorenz

Es ist eine krachende Niederlage. Mit seiner Bürgeranleihe wollte
Tennet die Akzeptanz der betroffenen Bürger für eine Stromtrasse an
Schleswig-Holsteins Westküste erhöhen. Doch kaum
ein Anwohner war offenbar bereit, Geld in die Anleihe zu stecken, die
von Finanzexperten landauf, landab als hochriskant eingestuft wurde. Mit
seiner Bruchlandung beweist der Netzbetreiber dabei, was Studien unter
anderem vom bundeseigenen Thünen-Institut schon
prophezeit haben: dass Bürgerbeteiligungen beim Netzausbau ein Irrweg
sind, da sich Menschen den freien Blick auf den Horizont nicht abkaufen
lassen. Tennet steht jetzt da wie ein begossener Pudel, derweil
Politiker quer durch die Parteienlandschaft hinweg die Bürgerbeteiligung
auch weiterhin gut heißen – wenn das Modell ein anderes wäre.


Das Problem ist nur: Wie es in Zukunft besser gehen soll, kann
derzeit niemand sagen. Vielleicht auch, weil der Idee einer
Bürgerbeteiligung von Grund auf ein eklatanter Fehler inne wohnt –
jenseits des Falls der Westküste-Trasse.
Netzbetreiber wie Tennet refinanzieren ihre Investitionen über die
Netznutzungsentgelte, die rund ein Viertel des Strompreises ausmachen
und ein wesentlicher Grund für die steigenden Strompreise sind. Während
aber alle Bürger die Netznutzungsentgelte zahlen müssen, können es sich
längst nicht alle leisten, ihr Geld in eine Bürgerbeteiligung zu
stecken. Das heißt vereinfacht: Die Stromrechnung der Geringverdiener
garantiert im Extremfall die Rendite der vermögenden Nachbarn. Das ist
eine Umverteilung von unten nach oben unter dem Deckmantel der
Energiewende.


Wer tatsächlich mehr Akzeptanz für die Energiewende und den
Netzausbau möchte, wird um zweierlei nicht herumkommen: Zum einen wird
er die Kosten der Energiewende klar benennen müssen. Zum anderen muss
der Masse der Bürger klar gemacht werden, wann und wie sie endlich von
der Energiewende profitieren werden. Doch weder das eine noch das andere
ist gegenwärtig der Fall. Daran ändert auch eine Bürgerleitung nichts.







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