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Strom für immer mehr Bürger unbezahlbar. WZ vom 12.11.2012

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Autor Beitrag
Claudia

Beiträge: 4532

BI Teilnehmernummer: 106

New PostErstellt: 12.11.12, 23:48  Betreff: Strom für immer mehr Bürger unbezahlbar. WZ vom 12.11.2012  drucken  weiterempfehlen

Seite 1:

Strom für immer mehr Bürger unbezahlbar

Versorger im Land schalten säumigen Kunden Energie ab / Dramatischer Trend

Kiel /kim

Tausende Schleswig-Holsteiner drücken
vergeblich auf den Lichtschalter. Es wird nicht hell, weil ihr
Energieversorger den Strom abgedreht hat. Wer seine Rechnung nicht
bezahlt, bekommt weder Gas noch Strom. Sozialverbände sprechen bereits
von „Energiearmut“ – und die aktuelle Entwicklung scheint ihnen Recht zu
geben: Die Stadtwerke Elmshorn beispielsweise drohen aktuell 900
Haushalten mit dem Abschalten von Strom und Gas. 1,4 Millionen Euro
schulden sie dem Unternehmen. In Kiel sitzen derzeit 986 Haushalte im
Dunkeln. „Im Schnitt sperren wir im Monat 170 Zähler“, berichtet
Stadtwerkesprecher Wolfgang Podolske. Die Kunden stehen mit zwölf
Millionen Euro in der Kreide. In Eckernförde gibt es sogar Bürger, die
schon seit zwei Jahren „stromlos“ sind.


Energie wird zum Luxus: In den letzten beiden Jahren ist der
Strompreis um 15 Prozent gestiegen, seit 2000 gar um 75 Prozent.
Zappenduster wird es für viele Menschen, wenn ab Januar die Kosten für
Kühlschrank, TV & Co wegen der Erhöhung der EEG-Umlage
weiter steigen – zweistellig! „Die Situation wird sich dadurch weiter
verschärfen. Die Zahl der säumigen Kunden könnte dann dramatisch
steigen“, so die Prognose in Kiel. Davon gehen auch die Stadtwerke in
Eckernförde, Husum und Itzehoe aus. Helge Spehr von den Stadtwerken
Rendsburg mit derzeit 50 Zählersperrungen pro Monat drückt es so aus:
„Wir gehen durch die gesetzlich vorgegebenen Zusatzkosten der
Energiewende von einer zusätzlichen Arbeitsbelastung durch zunehmend
unbezahlte Rechnungen aus.“


Bereits im letzten Jahr wurde 600 000 Haushalten in Deutschland der
Strom abgestellt. „Die Bundesregierung muss dieser Entwicklung Einhalt
gebieten“, fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband. Denn ein Leben
ohne Strom oder Gas ist hart: Keine warme Dusche, kein warmer
Heizkörper, kein Licht in der Wohnung.


Der Elmshorner Stadtrat Volker Hatje spricht von einer „prekären
Situation“ und von „sozialem Sprengstoff“ für die Stadt. „Früher war
Energiearmut ein Randphänomen, mittlerweile ist es ein Alltagsproblem.“


Größter Preistreiber beim Strompreis ist nach Ansicht des
Eigentümerverbandes „Haus und Grund“ der Staat. „Der Steuer- und
Abgabenanteil am Strompreis hat sich seit 1998 um 20 Prozentpunkte auf
heute 45 Prozent erhöht“ , beklagt Verbandschef Michael Mönig. Kein
Wunder, dass Stadtwerkesprecher Podolske gelegentlich den Eindruck hat,
„wir sind eine Außenstelle des Finanzamtes Kiel“.

Seite 4:

Kommt die neue Armut aus der Steckdose?


Kiel /sh:z

Die grüne Fraktionschefin in der Flensburger Ratsversammlung, Ellen Kittel-Wegner,
kennt den Übeltäter: „Die Bundesregierung ist maßgeblich dafür
verantwortlich, dass die Stadtwerke Flensburg die Strompreise zum
nächsten Jahr erhöhen“. Immer mehr müssten private Haushalte für „Mc
Donald’s, Allianz oder Aldi“ mitbezahlen, die sich von den Netzentgelten
und dem Ausbau der Erneuerbaren Energien haben befreien lassen, wettert
die Grüne.


So wie in Flensburg müssen zahlreiche Stadtwerke ihren Kunden im
neuen Jahr saftige Erhöhungen zumuten – häufig im zweistelligen Bereich.
Allein die Umlage für Ökostrom steigt um 47 Prozent auf 5,3 Cent pro
Kilowattstunde. Ein Drei-Personen-Haushalt
muss mit Mehrkosten von etwa fünf Euro pro Monat rechnen. Dabei können
viele Menschen schon jetzt nicht mehr zahlen und werden deshalb von der
Energieversorgung ausgeschlossen. Die Kerzen, die sie anzünden, haben
wenig mit Romantik zu tun – und viel mit einer neuen Energiearmut.
Derzeit erhalten zum Beispiel rund 880 Kunden der Stadtwerke Husum
regelmäßig Mahnungen. Die Zahl der Privat-Insolvenzen
habe „gefühlt zugenommen“, heißt es in der Stormstadt. Die
Preiserhöhung im Januar werde die Zahl der Säumigen wohl weiter in die
Höhe treiben, vermutet Bezirksleiter Sven Dirkg.


Ähnlich fällt die Einschätzung im gesamten Land aus. Einzig die E.ON
Hanse als überregionaler Versorger gibt sich gelassen. Die Zahl der
Sperrungen bewege sich auf konstant niedrigem Niveau. „Etwa ein halbes
Prozent unser Kunden sind betroffen“, erklärt Sprecher Roland Schilab.
Das sei auf die geringere Arbeitslosigkeit und intensive Zusammenarbeit
mit sozialen Einrichtungen zurückzuführen. „Es werden Ratenpläne
vereinbart und eine effiziente Beratung durchführt“. Zudem beliefere E.ON
das flache Land. Dort seien Zahlungsfähigkeit und Zahlungsmoral besser
als in den Städten“, so Schilab.


Davon können selbst wohlhabende Kleinstädte wie Eckernförde nur träumen. „Wir haben seit Jahren 40 Kunden, die gesperrt sind“.


Jochen Kiersch, Chef des schleswig-holsteinischen
Mieterbundes, sprach kürzlich von zum Teil „ruppigen“ Praktiken der
Energieversorger. Versuche, mit den Betroffenen vor der Abschaltung eine
Einigung anzustreben, würden gar nicht erst unternommen. Doch den
Vorwurf will die Branche nicht auf sich sitzen lassen.


„Eine Sperrung des Kunden ist immer der letzte Ausweg“, heißt es
in Rendsburg und anderen Städten. Dass man schon bei 100 Euro Schulden
und nicht erst bei 1000 Euro mahnt, liege daran, dass man aus Fehlern
gelernt hat. Viele Stadtwerke sind bemüht, den Schuldenberg erst gar
nicht so hoch werden zu lassen. Frühzeitig werde mit Hilfe von Sozialamt
oder der Schuldnerberatung versucht, gegenzusteuern. Die Stadtwerke
Kiel finanzieren dafür sogar eigens eine Stelle bei der
Schuldnerberatung.


Das allein wird allerdings nicht helfen, sind sich die Fachleute
einig. Die Politik sei gefordert, das Problem anzugehen, meint
Mieterchef Kiersch – etwa durch Sozialtarife für durchschnittlich pro
Person benötigten Strommengen. Der Paritätische schlägt vor, bei Hartz
IV-Beziehern nicht nur die Heiz-, sondern auch
die Stromkosten zu übernehmen und das Wohngeld anzuheben. Das sei
durchaus bezahlbar, denn der Staat nehme durch die Erhöhung der Umlage
nach dem erneuerbare Energien-Gesetz (EEG)
zusätzliche Milliarden ein. „Haushalte ohne Strom machen Angst“, sagt
Kiersch und berichtete von Mietern, die mit mobilen Gaskochern ihre
Wohnung heizten oder ihr Essen zubereiteten. Verlängerungskabel quer
durch Treppenhäuser seien keine Seltenheit. Umweltschützer setzen
hingegen auf Aufklärung und Stromspartipps. Denn am billigsten ist die
Energie, die man gar nicht erst verbraucht.




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