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Es muss nicht immer Mais sein. WZ vom 30.04.2013

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Autor Beitrag
Claudia

Beiträge: 4532

BI Teilnehmernummer: 106

New PostErstellt: 02.05.13, 23:27  Betreff: Es muss nicht immer Mais sein. WZ vom 30.04.2013  drucken  weiterempfehlen



Es muss nicht immer Mais sein

Forscher und Landwirte suchen nach neuen Energiepflanzen, um Biogas ökologischer zu produzieren – doch noch sind die Hürden hoch

Niebüll/Rendsburg

Es ist ein Feld-Versuch. Mit einer alten
Kohlpflanzmaschine werden in Sprakebüll (Kreis Nordfriesland) 70 000
Sätzlinge einer Pflanze bestellt, die womöglich eines Tages dem Mais
Konkurrenz machen kann. Diese Hoffnung treibt zumindest die
Biogasbetreiber Finn Johannsen und Christian Andresen beim Anbau der
„Durchwachsenen Silphie“ an. Gut 2,3 Hektar hat Johannsen für die
Pflanze reserviert – eine Fläche, die sich zunächst geradezu winzig
ausnimmt angesichts der 340 Hektar, auf denen er Mais für seine Biogas-Anlagen
wachsen lässt. Allerdings ist der Versuch auch alles andere als
günstig. 5000 bis 6000 Euro müssen für die Bepflanzung eines Hektars mit
Silphie ausgegeben werden, erzählt Johannsen. Zum Vergleich: Gerade
einmal 1000 Euro seien es ihm zufolge für den Hektar Mais. Anders als
der Mais kann die bis zu drei Meter hohe Energiepflanze aber, erst
einmal gepflanzt, 15 Jahre in Folge geerntet werden. Zudem gilt sie als
recht anspruchslos und soll durch eine Durchwurzelung des Bodens der
Erosion entgegenwirken. Und so steht Finn Johannsen dem Silphie-Anbau
dann derzeit auch noch optimistisch gegenüber: „Das ist ja eine gute
Alternative zum Mais, wenn das alles so funktioniert, wie einige sagen.“


Doch eben dies ist die bislang ungelöste Frage hinter dem Versuch in
Sprakebüll: Denn wie ertragreich Silphie und andere Energiepflanzen
wirklich sind, ist unter Experten umstritten. Während die Thüringer
Landesanstalt für Landwirtschaft ab dem zweiten Anbaujahr einen
Trockenmasse-Ertrag von 130 bis 180 Dezitonnen
(dt) pro Hektar und damit das Niveau von Silomais erreicht, fallen die
Zahlen auf einem Testfeld bei Schuby nach Unterlagen des
Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein mit gerade einmal 89,8 dt deutlich hinter den Mais als Vergleichsgröße mit 150 dt zurück.


Ähnlich klaffen die Ergebnisse beim Energiegras Szarvasi auseinander,
das Johannsen ebenfalls seit einem Jahr auf fünf Hektar anbaut. Während
der Trockenmasse-Ertrag mit 58,31 dt auf dem Testfeld in Schuby gerade einmal auf knapp ein Drittel der Mais-Ergebnisse
kommt, sind aus Versuchen im brandenburgischen Triesdorf Mengen von
Trockenmasse bekannt, die diese deutlich übersteigen.


Jens Dauber forscht seit Längerem mit Silphie. Die unterschiedlichen Studienergebnisse führt der Wissenschaftler am Thünen-Institut
für Biodiversität in Braunschweig vor allem darauf zurück, dass faire
Vergleiche bislang noch fehlten. „Meistens ist es so, dass der Landwirt
irgendeine Restfläche nimmt“, beschreibt der Forscher das Dilemma. Auf
dieser Fläche würden dann Energiepflanzen angebaut, während der Mais von
besseren Böden profitiere. Entsprechend fielen später auch die Erträge
aus. Dies müsse aus Daubers Sicht beim Betrachten der Zahlen immer
berücksichtigt werden. „Das Potenzial der Silphie als Energiepflanze ist
relativ gut“, ist sich Dauber sicher. Das Problem sei jetzt für den
Landwirt, dass die Anfangskosten recht hoch seien, zudem fehle die
Erfahrung im Umgang mit der Pflanze. „Da ist auch ein gewisser Vorlauf
gefragt“, so der Forscher. Erschwerend komme hinzu, dass sich die aus
Amerika stammende Pflanze bislang nicht säen lasse.


In Kiel sind die Wissenschaftler weitaus skeptischer. Professor Friedhelm Tauber von der Kieler Christian-Albrechts-Universität
(CAU) betont, dass wohl 15 bis 20 Jahre ins Land gingen, bevor eine
Energiepflanze wie Silphie überhaupt zu einer ertragreichen Pflanze
hochgezüchtet wäre. Der Experte für Grünland und Futterbau verweist in
diesem Zusammenhang darauf, dass Mais bereits seit rund 40 Jahren
weltweit gezielt gezüchtet werde – und Jahr für Jahr bei den Erträgen
zulege. „Das Problem ist halt, dass Mais auf den sandigen Böden der
Geest konkurrenzlos günstig angebaut werden kann“, sagt Taube. Die
Notwendigkeit einer neuen Superpflanze, die diesen Triumphzug des Mais’
und die Vermaisung stoppen könnte, sieht der Wissenschaftler auch nicht
so recht. „Wenn man das Thema Vermaisung seriös diskutieren möchte,
müsste man erst einmal von einer Verweizung ausgehen“, sagt er
stattdessen. Schließlich habe der Weizen im Laufe der vergangenen Jahre
viele andere Getreidearten in Norddeutschland verdrängt. Anders als der
Mais sei das für viele Menschen aber nicht so augenfällig.


Statt auf neue Energiepflanzen zu hoffen, müsse es ihm zufolge
künftig wohl eher darum gehen, bessere Anbausysteme zu entwickeln –
unter anderem indem Zwischenfrüchte gepflanzt werden. Die Kenntnisse
hierfür seien bereits auf dem Tisch. „Womöglich ist da mehr Druck
notwendig, um diese auch stärker umzusetzen.“


Beim Naturschutzbund Schleswig-Holstein (Nabu)
ist man mit Blick auf Energiepflanzen indes insgesamt skeptisch. Die
negativen Effekte des Maisanbaus würden, erklärt Nabu-Sprecher
Ingo Ludwichowski, auch mit anderen Energiepflanzen nicht gemindert.
Zudem sei stets zu befürchten, dass der Ertrag auf der Fläche geringer
sei, es also zu noch mehr Grünlandumbruch und ähnlichem käme. „Wir
halten die Anpflanzung von Energiepflanzen grundsätzlich für verkehrt“,
so Ludwichowski weiter. „Biomasse, ja – aber nur mit Reststoffen.“
Till H. Lorenz




Silphie und Co.: Eine Auswahl von Energiepflanzen
Silphie:

Die Pflanze gehört zur Familie der Korbblütler. Ihre Heimat ist
Nordamerika. Als einer der Hauptvorteile gegenüber dem Mais gilt, dass
sie viele Jahre auf einem Feld stehen und nach einmaligem Anpflanzen
mehrfach abgeerntet werden kann.
Hirse: Unter
Federführung von Niedersachsen wurde hierzu seit 2011 in verschiedenen
Bundesländern geforscht. Ergebnisse der Landwirtschaftskammer
Niedersachsen zufolge liegen die Trockenmasserträge der Hirse zwar
deutlich unter jenen von Mais, allerdings ist die Trockentoleranz sehr
hoch. Versucht wird daher, Hirse durch Zucht zu optimieren.
Sida Hermaphrodita:
Sie stammt ebenfalls ursprünglich aus Nordamerika und ist dort in
trockenen und sonnigen Gebieten verbreitet. Bereits seit Mitte der 50er
Jahre wurde ihre Fähigkeit als Energiepflanze in der ehemaligen DDR
sowie in Polen erforscht und dort inzwischen auch auf 200 Hektar
angebaut.
Szarvasi-1:
In Deutschland wird dieses Gras auch oft als Riesenweizengras oder nur
kurz Szarvasi bezeichnet. Es handelt sich um eine Hybridgras-Sorte, die also aus der Kreuzung verschiedener Grassorten hervorgegangen ist. Die Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein kam auf einem Testfeld zu dem Ergebnis, dass Szarvasi-1 gerade einmal ein Drittel der Trockenmasse von Mais liefert.




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