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J.Lohbeck
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New PostErstellt: 26.09.13, 01:43     Betreff: Re: Scheinfabrik Rottberg

Sehr geehrte Frau Reuter, sehr geehrte Dilldorfer Nachbarn,

hier wie versprochen nun die „Basisinfo“ zur ehemaligen Kruppschen Nachtscheinanlage auf dem Rottberg.

Ich stelle mich kurz vor: Mein Name ist Jürgen Lohbeck, ich bin 50 Jahre alt, Velbert-Langenberger Bürger und in meiner Freizeit seit vielen Jahren geschichtlich/heimatgeschichtlich tätig. Seit 2012 bin ich zudem ehrenamtlicher Mitarbeiter im Landschaftsverband Rheinland - Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, und Buchautor.

Am „Tag des offenen „Denkmals 2013“ war der ehemalige Leitbunker der Anlage erstmals für die Öffentlichkeit zugänglich, vielleicht hatte ja der eine oder andere von Ihnen Gelegenheit für einen Besuch? Unser anschließender Vortrag „Das vergessene Scheindorf in Velbert“ konnten dann nur noch wenige Interessenten verfolgen, weil das Platzangebot dem unterwartet großen Andrang nicht gerecht werden konnte – hierfür möchten wir uns nochmals entschuldigen, wobei den Gastwirt der „Wilhelmshöhe“ keine Schuld traf, er wurde genauso „überrollt“ wie wir. Wir werden den Vortrag zu gegebener Zeit nochmals wiederholen und dazu rechtzeitig informieren.

Seit Anfang 2012 sind wir als Team ehrenamtlicher Mitarbeiter des LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland mit Erforschung und Dokumentation der Anlage beschäftigt, der eine oder andere von uns auch schon länger – ich wusste vieles von der Anlage aus den Erzählungen meines Vaters, der am Nieding aufgewachsen ist.

Ende 2011 sind meine heutigen Kollegen Helmut Grau und Sven Polkläser im Krupp-Archiv auf Dokumente zum Scheindorf gestoßen, bereits seit 2008 besaß ich historische Kriegsluftbilder, und auch Josef Niedworok hatte Informationen – so ließ sich 2012 alles zu einem Gesamtbild zusammenfügen, und letztendlich ist auch unsere Arbeitsgruppe so zusammengekommen, die sich mit vielfältigen Themen befasst, von der der Scheinanlage nur eines ist.

Heute verfügen wir über einen über vielfältige Quellen gesicherten Informationsstamm. Wichtige Quellen sind die alliierten Aufklärungsluftbilder des Rottberges und der Region ebenso wie die bereits erwähnten Dokumente aus dem Krupp-Archiv. Auch haben wir etliche Zeitzeugenaussagen aufnehmen können, mit denen nahezu alle Informationen gegenseitig bestätigt werden und die ein eindrucksvolles, aber sicherlich auch beklemmendes Bild der damaligen Situation liefern.

Doch sind unsere Forschungen noch nicht am Ende, was uns zum Beispiel immer noch fehlt, sind zuverlässige Aussagen der ehemaligen „Betreiber“, also der Soldaten, die in der Scheinanlage Dienst taten. Es wird schwer sein, diese noch zu erfahren. So liegen uns auch keine verbindlichen Erkenntnisse vor, wie die Technik zur Steuerung der Anlagen im ehemaligen Leitbunker genau aufgebaut war. Auch gibt es bisher nur ein einziges uns bekanntes Foto der Scheinanlage aus der „Normalperspektive“, also nicht als Luftaufnahme. Ob irgendwo noch mehr „schlummern“?

Wer über die im nachstehenden Text zu findenden Informationen noch weitere hat, wer historische Fotos der Anlage besitzt, oder wer tatsächlich noch Zeitzeuge ist, wird gerne um Kontaktaufnahme gebeten: Telefon 02052-928440.

Nun aber zum Kernthema: Die ehemalige Kruppsche Nachtscheinanlage auf dem Rottberg – Das vergessene „Scheindorf“. Auf einzelne Quellenangaben verzichte ich hier, bei Bedarf können Quellen in meinen Büchern eingesehen oder gerne bei mir erfragt werden.

Viele Grüße

Jürgen Lohbeck

Wolfgang Erley, Dr. Helmut Grau, Josef Johannes Niedworok, Sven Polkläser

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Kurzgeschichte
Die Kruppsche Nachtscheinanlage wurde im Jahr 1941 ca. 3km nordöstlich der Stadt Velbert auf dem Velberter Rottberg errichtet. Einzelne Anlagenteile dehnten sich bis in das Asbachtal und in angrenzendes Essener Gebiet aus (Ludscheidt, Rodberger Straße).

Die Anlage war eine mit einfachsten Mitteln errichtete Attrappe der Kruppschen Gußstahlfabrik in Essen, hierzu weiter unten mehr. Sie sollte Bombenangriffe auf das ca. 10km entfernt liegende Gussstahlwerk in Essen abhalten, was von 1941-1943 auch weitestgehend gelang.

Funktionskonzept und Bauweise der Nachtscheinanlage
Auf den Feldern hatte man ab 1941 verschiedene Attrappenbauten errichtet, die eines gemeinsam hatten: Sie sollten den nur nachts angreifenden alliierten Flieger suggerieren, dass sich hier die schlecht abgedunkelte und in Betrieb befindliche Gußstahlfabrik befindet. Hierzu wurden diese Attrappenbauten mit verschiedenen technischen, meist elektrischen Effekten beleuchtet und "befeuert". Das „echte“ Werk und die umliegenden Städte hingegen waren verdunkelt.

Dabei ging man von der Voraussetzung aus, dass die nachts einfliegenden Flugzeuge nur in Grobanpeilung die Ziele anflogen, während die genaue Zielanpeilung visuell erfolgte. Dieses war weitgehend vom Wetter und den herrschenden örtlichen und meteorologischen Verhältnissen abhängig, sowie bei Industriezielen auch von guter Verdunkelung der Licht- und Feuererscheinungen. Wenn das eigentliche Ziel also gut verdunkelt war, das Scheinziel jedoch entsprechende Lichterscheinungen zeigte, konnte durchaus mit Erfolgen gerechnet werden.

Es gab auf dem Rottberg viele Anlagen, die auch in einer echten Fabrik vorhanden waren, nur dass alles eben aus Holz, Spanplatte, Segeltuch und anderen Leichtbaumaterialien gebaut war. Zudem war alles etwas kleiner als das Original.

Die Hauptanlage stand auf dem Rottberg selbst. Hier gab es einen 36m hohen Schornstein mit künstlichen Dampfschwaden, verschiedene andere Anlagennachbauten mit künstlichen Lichteffekten, die Gießereifeuer und Schweißarbeiten nachbilden sollten, und sogar eine 2-gleisige kleine Eisenbahn mit zwei Zügen, die im Kreis fuhren. Auch diese war nachts „dezent“ beleuchtet, auf den Anhängern wurden Lichteffekte erzeugt, die glühende Schlacke vortäuschen sollten. Die Lokomotiven waren umgebaute Feldbahnloks mit Dieselantrieb, die während der Angriffe unbemannt fuhren.

Im Gelände gab es viele Scheddach-Attrappen, die teils auch weiter weg gelegen waren, sie sollten Fabrikhallen nachbilden, diese Dächer waren aber ungefähr nur mannshoch. Auch sie waren beleuchtet. Ebenfalls etwas abgesetzt gab es noch einen kleinen Gasometer. Die Anlagen waren abgesehen von ihrer nächtlichen Beleuchtung und „Befeuerung“ abgetarnt und eher unauffällig, so dass sie tagsüber aus der Luft schlecht erkennbar waren.

Die technischen Bestandteile der Scheinanlage, offiziell nannte man sie „Täuschungsgeräte“, waren nach „Regelbauplänen“ gebaut, hierzu gab es eine eigene Dienstvorschrift, die „Bau- und Betriebsgrundsätze für Scheinanlagen“. Darin sind insgesamt 21 verschiedene Täuschungsgeräte definiert und mit Bauplänen, Materiallisten etc. dokumentiert.

Die durch die Scheinanlage in Anspruch genommene Fläche betrug etwa 2,5 x 1,5km. Dabei waren die Anlagen aber nur „partiell“ aufgebaut, und nicht etwa flächendeckend wie ein echtes Werk. Die nächtlichen Effekte genügten hier aber wohl, um das echte Werk vorzutäuschen.

Etwas abgelegen vom Rottberg wurde ein schwerer Leitbunker gebaut, auch dieser lag inmitten von Attrappenanlagen. Von ihm aus wurden die elektrischen Schaltungen vorgenommen, und hier fand das Führungspersonal auch Schutz bei den unvermeidlichen Angriffen. Der im Beton ausgeführte Leitbunker maß außen ca. 9,10m x 6,60m, hatte eine Wandstärke von 1,10m, eine Deckenstärke von 1,40m und enthielt einen ca. 6,90 m X 4,40m großen Schutzraum. Damit konnte er als „bombensicher“ gelten. Der Eingang war durch ein Splitterschutzlabyrint geschützt. An der anderen Seite des Bunkers gab es einen Notausstieg. In jeder Wand des Bunkers war eine treppenförmige, mit Stahlschartenschiebern verschließbare Beobachtungsscharte angebracht. Vom Leitbunker aus konnten wegen dessen überhöhter Lage nahezu alle Bestandteile der Scheinanlage eingesehen werden, was für Betrieb und Führung der Anlage wichtig war.

An verschieden Stellen innerhalb der Scheinanlage wurden im weiteren Kriegsverlauf so genannte Scheinsignalraketen positioniert. Diese wurden bei sich annähernden Flugzeugen auf ca. 2.000n Höhe hochgeschossen und waren so beschaffen, dass sie den von den britischen Pfadfinder-Flugzeugen abgeworfenen „Christbäumen“ (Zielmarkierung) glichen und die Bomber gezielt zur Anlage lenken sollten.

Die Anlage war militärischer Sicherheitsbereich. Zudem war sie „streng geheim“. Sie wurde vermutlich von der „Organisation Todt“ errichtet (damalige Bautruppe), dann aber von der Luftwaffe betrieben.

Die Anwohner
Die Bauern mussten für die Errichtung der Scheinanlage ihr Land abgeben, notfalls wurden sie auch enteignet. Obwohl wie erwähnt „streng geheim“, durften sich die direkten Anwohner aber relativ frei bewegen, auch durften die Felder weiter so weit wie möglich bestellt werden.

Für die Anwohner des Rottberges und der umliegenden Höfe bedeutete die Anlage natürlich eine konkrete Bedrohung und ein drastischer Einschnitt in das „normale“ Leben, denn sie stellte für die angreifenden Flugzeuge im wahrsten Sinne des Wortes eine überdimensionale nächtliche Zielscheibe dar, auf der die Menschen lebten!

Die behördlichen Vorgaben zur Errichtung solcher Scheinanlagen sahen eigentlich vor, dass zu geschlossenen Ortschaften eine Entfernung von 2km einzuhalten war, zu einzelnen Häusern 1km. Wenn dieses räumlich nicht eingehalten werden konnte, war ein Verfahren zur Evakuierung der Bevölkerung einzurichten, das allerdings nur auf „Notfälle“ zu beschränken war.

Am Rottberg allerdings war dieses „Standard“, denn die Höfe und Häuser lagen teils inmitten der Anlage! So wurde bis ca. Ende 1942 regelmäßig von abends gegen 22 Uhr bis morgens gegen 06 Uhr der Rottberg evakuiert! Dieses ging nach Zeitzeugenaussagen wohlorganisiert, teils sogar mit Bussen. Die Menschen wurden in entfernter liegende Gasthöfe wie die „Wilhelmshöhe“ gebracht, meist aber in Privatquartiere nach Velbert, Langenberg und Kupferdreh.

Ganz offenbar gab es hier Anordnungen von „hoher Stelle“, welche das Schutzobjekt, in diesem Fall die Kruppsche Gußstahlfabrik, über die Bauern und Anwohner auf dem Rottberg stellte.

Nach Zeitzeugenaussagen sind direkt innerhalb der Scheinanlage, anders als „außen herum“, keine Menschen körperlich zu Schaden gekommen, wohl aber teils erhebliche Sachschäden entstanden.

Die Wirksamkeit
Die Anlage erfüllte 1941 / 1942 ihren Zweck und wurde häufiger angegriffen, allerdings niemals mit einem flächendeckenden großen Angriff. Eher dürfte sie zur „Verwirrung“ geführt haben. Auf die Anlage wurden dennoch viele Bomben abgeworfen, sowohl Sprengbomben als auch über 5.000 Stabbrandbomben. Es fielen zudem etliche schwere Bomben und auch Luftminen in die angrenzende Region, wo dann teils auch Opfer zu beklagen waren – Nieding, Asbachtal, Langenberg …. auch diese wurden von der Bevölkerung als „dem Scheindorf geltend“ gewertet. Über Dilldorf und Kupferdreh haben wir bisher leider keine Angaben.

Bereits 1942 gab es einen alliierten Aufklärungsbericht über die Anlage, und ab 1943 konnten sich die Flieger dann soweit orientieren, dass sie nicht mehr die Scheinanlage angriffen, sondern das echte Werk. Erstmals im Frühjahr 1943 wurde die Gußstahlfabrik massiv und mit „Erfolg“ angegriffen, dann jedoch in zunehmendem Maße und mit letztendlich zerstörerischer Wirkung. Hatte die Scheinanlage bis dahin ihren Zweck mehr oder weniger erfüllt, so war ihre Zeit spätestens zu diesem Zeitpunkt vorbei. Die Anlage wurde dann Anfang 1944 stillgelegt.

Was ist übrig
Direkt nach dem Krieg wurde die Anlage von der Bevölkerung abgebaut und „verwertet“. Noch heute findet man auf dem Rottberg vielfach die Eisenbahnschienen der Scheineisenbahn – als Zaunpfähle.

In Deutschland gab es um 300 Scheinanlagen, die jedoch im wahrsten Sinne des Wortes alle restlos im Dunkel der Geschichte verschwunden sind – fast nichts hat sich davon erhalten, was sicherlich auch daran liegt, dass die Thematik damals „geheim“ war.

Zu jeder der Anlagen gehörte ein Leitstand / Leitbunker, auch diese sind aber so gut wie restlos beseitigt worden. Der ehemalige Leitbunker der Kruppschen Nachtscheinanlage aber entging nur durch Zufall der für ehemalige Militäranlagen obligatorischen Sprengung durch die Besatzungstruppen und ist über die Jahrzehnte unbeschädigt erhalten geblieben.

Diese Bunkeranlage ist in Deutschland damit einer der ganz wenigen Überreste einer solchen Scheinanlage überhaupt, weshalb sie historisch quasi einzigartig ist und zwischenzeitlich unter Denkmalschutz gestellt wurde – der Leitbunker ist eingetragenes Denkmal der Stadt Velbert. Die diesbezüglichen Bemühungen hat unsere Arbeitsgruppe Velbert / Heiligenhaus der ehrenamtlichen Mitarbeiter des Landschaftsverband Rheinland (LVR) – Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland, gemeinsam mit dem Eigentümer der Anlage vorangetrieben.

Am „Tag des offenen Denkmals“ 2013 wurde die Anlage erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und vorgestellt. Es müssen so um die 1.200 – 1.300 Besucher am Rottberg gewesen sein, was beweist, dass das Thema in der Öffentlichkeit doch mit hohem Interesse aufgenommen wurde.

Weiterführende Quellen und Literatur
http://de.wikipedia.org/wiki/Scheinanlage
http://de.wikipedia.org/wiki/Kruppsche_Nachtscheinanlage

Jürgen Lohbeck: “Das vergessene Scheindorf in Velbert - Die Kruppsche Nachtscheinanlage auf dem Rottberg im Zweiten Weltkrieg 1941–1945“
Scala Verlag, Velbert 2012, ISBN 978-3-9813898-6-9,
http://www.scala-regional.de/index.cfm?bereich=details&id=2295

Jürgen Lohbeck: “Der Krieg vor unserer Haustür – Ereignisse, Erlebnisse, Schicksale im Zweiten Weltkrieg in Velbert, Langenberg und Umgebung“
Scala Verlag, Velbert 2013, ISBN 978-3-9813898-9-0,
http://www.scala-regional.de/index.cfm?bereich=details&id=2448



J. Lohbeck
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