Vortrag von Frau Dr. Anneke Napp-Peters am 8. März 1999 : "Scheidungswaisen - eine weise Entscheidung?" in der FH in Wiesbaden auf Einladung des Väteraufbruch für Kinder, Ortsverein Wiesbaden e.V.

Frau Dr. Anneke Napp-Peters ist als Familien- und Jugendsoziologin in der Forschung tätig und hat die erste repräsentative Langzeitstudie mit 150 Scheidungsfamilien durchgeführt. Ihrer Studie ist es zu verdanken, daß die Kindschaftrechtsreform die "Gemeinsame Sorge" zum Regelfall werden läßt.   Nun liegt es an den Richtern sowie den beratenden Institutionen die Gemeinsame Sorge Wirklichkeit werden zu lassen, um weitere Schäden von unseren Kindern fernzuhalten. Aber auch die Gesellschaft ist aufgerufen, die neuen gesetzlichen Regeln im Umgang mit unseren Kindern zu überwachen und ggf. da anzumahnen, wo die wissenschaftlichen Erkenntnisse mißachtet werden. Die Studie zeigt deutlich, daß nicht Ausgrenzung - auch nicht durch Richterspruch - dem Wohl unserer Kinder dient, sondern nur fachlich kompetente und nachhaltige Beratung und Hilfestellung bei der Bewältigung der Scheidungsprobleme.

Martin Eßrich, April 1999
Stellv. Vorsitzender des Bundesverbandes des Väteraufbruch für Kinder e.V.

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Immer mehr Menschen lassen sich scheiden. Dieser Trend scheint für westliche Industrieländer unaufhaltsam zu sein. In Deutschland wird jede dritte der heute geschlossenen Ehen durch Scheidung wieder aufgelöst, aber in den Großstädten bei uns und in den USA sowie Skandinavien schon jede zweite.

Wenn von Scheidung gesprochen wird, denkt man zuerst an das Paar, das sich trennt. In gut der Hälfte aller Fälle betrifft es aber eine Familie. Was wird dann aus den Kindern? Wie bewältigen Kinder die Scheidung ihrer Eltern, und wie reagieren sie, wenn der Kontakt zum außerhalb lebenden Elternteil nachläßt oder erschwert wird und schließlich ganz wegfällt?

Soziale Folgen von Trennung und Scheidung

Als ich 1979 mit den Vorbereitungen für diese Studie1) begann, war noch wenig darüber bekannt, welche sozialen Folgen die Scheidung für die Betroffenen hat. Die vorherrschende Meinung, gerade auch der PraktikerInnen der Sozialarbeit, war, daß eine Scheidung nur eine vorübergehende Krise darstelle, die nach einiger Zeit von selbst überwunden werden würde. Damals drehte sich die Diskussion in Fachkreisen vor allem darum, wie entscheidend die ersten ein bis zwei Jahre nach einer Trennung für alle Familienmitglieder sind, vor allem auch für die Kinder. Die meisten Sozialpädagogen und Therapeuten waren zuversichtlich, daß die Kinder nach einer Anpassungsphase mit der Trennung zurechtkämen, daß sie in der Lage sein würden, die Scheidung hinter sich zu lassen und ihr Leben produktiv zu gestalten.

Meine Untersuchungsergebnisse aus der ersten Erhebungsphase von 1980/81 machten jedoch deutlich, daß die Scheidung für alle Betroffenen, für Eltern wie auch für Kinder, eine traumatische Erfahrung darstellt, die sehr ernst zu nehmen ist. Die meisten der 269 Kinder aus unserer Studie erlebten die Scheidung der Eltern als einen schweren Einbrucft in ihre Lebenswelt. Diese brachte sie vorübergehend aus dem Gleichgewicht, verlangte von ihnen grundlegende Umstellung. Typische unmittelbare Reaktion auf die Scheidung waren Trennungsängste, Depressionen und Schuldgefühle. Bei einigen Kindern zeigten sich diese Gefühle in einem aggressiven Verhaften, häufigen Wutanfällen oder Lügen. Jedes fünfte Kind reagierte auf die Trennung der Eltern mit Sprachstörungen, Hautausschlag oder Magen-Darm-Störungen.

np_bild1.jpg (17075 Byte)Die mit der Scheidung verbundenen Erfahrungen wirken sich bei Kindern verschiedener Altersstufen unterschiedlich aus. Auf diese Unterschiede werde ich später näher eingehen. Zwar klingen die Symptome in der Regel nach ein bis zwei Jahren ab, wenn das Kind sich auf die veränderte Familiensituation eingestellt hat, entscheidend für seine weitere psycho-soziale Entwicklung und seine emotionale Stabilität ist jedoch der kontinuierliche Kontakt zu beiden geschiedenen Eltern. So konnten wir feststellen, daß bei Kindern, die den Kontakt zum getrennt lebenden Elternteil nach der Scheidung verloren hatten Verhaltensauffälligkeiten und psycho-soziale Störungen am ausgeprägtesten, waren. Die Kinder dagegen, deren Eltern es gelungen war, auch nach der Trennung ihre Elternrolle gemeinsam oder in Absprache miteinander wahrzunehmen, hatten die wenigsten Schwierigkeiten, sich auf die veränderte Familiensituation einzustellen. Kontinuierliche Familienbeziehungen sind aber nicht nur für das Kind wichtig, auch der Elternteil, der den Familienhaushalt verläßt, ist auf regelmäßige Kontakte zu seinen Kindern angewiesen. Diese helfen ihm, sich seiner elterlichen Identität zu versichern und seine oft angeschlagene emotionale Stabilität wieder zu, gewinnen. Wir haben Eltern getroffen, deren Gesundheit und psychisches Wohlbefinden über einen langen Zeitraum sehr beeinträchtigt waren. Es waren Eltern, die die Scheidung selbst eingereicht und auch gewollt hatten und die dennoch sehr lange unter Trennungsfolgen zu leiden hatten.

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Worin unterscheiden sich, nun die Auswirkungen bei Jungen und Mädchen - gibt es unterschiedliche Reaktionen? Die Jungen in unserer Untersuchung erschienen für viele Arten von Streß anfälliger zu sein als Mädchen. Sie litten häufiger unter Schulängsten und hatten mehr Lernschwierigkeiten. Bei meinen Untersuchungen konnte ich auch beobachten, daß Jungen und Mädchen ihre Gefühle verschieden ausdrückten. Mehr Jungen als Mädchen reagierten auf die Scheidung der Eltern mit einem destruktiven, anti-sozialen Verhalten. Einige störten in der Schulklasse, waren aggressiv oder gar gewalttätig. Andere hatten Konzentrationsschwierigkeiten und gebärdeten sich hyperaktiv. Doch es gab auch Jungen, die sich von ihrer Umwelt abkapselten, sie zogen sich von ihren Freunden zurück, gaben Aktivitäten auf, die ihnen vorher viel bedeutet hatten und verbrachten stattdessen die Zeit allein in ihrem Zimmer.

Mädchen behalten in der Regel ihre Gefühle für sich, bei den meisten Mädchen verschlechterten sich in unserer ersten Erhebungsphase die Schulleistungen nicht, so daß sie seltener eine Klasse wiederholen mußten als die Jungen. Von außen erweckten sie oft den Eindruck, als könnten sie mit der Scheidung der Eltern gut umgehen und machten mehr Anstrengungen, sich der veränderten Familiensituation anzupassen. Sie entwickelten früh die Fähigkeit, die Perspektive Erwachsener zu verstehen und wurden mehr und verantwortlicher als Jungen zur Arbeit im Familienhaushalt herangezogen. Aber die Gefühle von Traurigkeit, schmerzlichem Verlust und Verlassenheit nagen an ihnen und zeigen sich meist in ihrem Verhalten, wenn sie die Adoleszenz erreicht haben. Daß Mädchen ihre Empfindungen häufig vergraben, auch um den Elternteil, bei dem sie aufwachsen, nicht zu verletzen, konnte ich nach zwölf Jahren feststellen. Gerade Mädchen, die noch sehr jung waren, als ihre Eltern sich scheiden ließen und die mit der Scheidung zugleich den Kontakt zu einem Elternteil verloren hatten, sind besonders gefährdet. Sie haben oft keine Erfahrung im Umgang mit einem liebevollen Vater und darum weniger Möglichkeiten, die sozialen Fähigkeiten und das Selbstvertrauen zu erwerben, die notwendig sind, um Beziehungen zu Jungen und Männern angemessen zu gestalten. In vielen Fällen sind ihre Erinnerungen an Männer mit Ängsten und mit einem Gefühl der Ablehnung verbunden.

Bewältigungsmuster

np_bild3.jpg (23441 Byte)Welchen Einfluß hat nun die Form, die die Familie nach der Scheidung annimmt, auf die Bewältigung der Scheidung? Für einige Kinder besteht nach der Scheidung das Familiensystem aus einem mütterlichen und einem väterlichen Haushalt. In einer solchen 'binuklearen' Familie oder Familie 'mit zwei Kernen' lebte vor zwölf Jahren gut ein Viertel der Kinder aus unserer Untersuchungsgruppe. Die Beziehungen, die zwischen den zwei Elternhaushalten bestanden, waren ebenso vielfältig, wie die zwischen den geschiedenen Partnern selbst. Einige Eltern unterstützten sich gegenseitig und waren auch in der Lage, die Partnerebene von der Elternebene zu trennen und ihre Beziehung vor allem auf das Kind auszurichten. Sie mochten immer noch Zorn und Enttäuschung empfinden, konnten sich aber als Eltern gegenseitig respektieren. Diese Eltern haben sich gegen soziale Diskriminierung aufgrund ihrer veränderten Familiensituation zu Wehr gesetzt und ihre Scheidung eher als eine Reorganisation denn als eine Desorganisation, also als eine Auflösung, ihrer sozialen Beziehung verstanden. Sagt dies auch nichts über das Ausmaß ihrer emotionalen Betroffenheit aus, ist es doch ein Zeichen dafür, daß sie diese und ihr Verantwortungsgefühl als Eltern auseinander halten konnten. Anderen Eltern gelang dies nicht. Sie brauchten feste Regeln und Vereinbarungen, um als Eltern miteinander umgehen zu können. Und noch andere konnten trotz aller Absprachen und Vorsätze ihre tiefe Kränkung kaum überwinden.

"Noch sehr lange, nachdem wir uns getrennt hatten, war ich ziemlich gegen meinen Mann eingenommen. Und es gelang mir nicht immer, dies vor den Kindern verborgen zu halten. Es waren schlimme Sachen passiert und mein geschiedener Mann hatte mich zuletzt so schlecht behandelt, daß ich seine Anwesenheit einfach nicht ertragen konnte, auch wenn er nur kam, um die Kinder abzuholen. Als mir der berufliche Wiedereinstieg geglückt und ich etwas zur Ruhe gekommen war, sah ich ein, daß die Kinder ihren Vater immer noch lieben und unter der Trennung von ihm sehr leiden. Ich habe daraufhin meine Haltung geändert und mich um den Kontakt bemüht. Aber dafür war es inzwischen zu spät. Mein Mann ist nach B. gezogen, hat wieder geheiratet und kommt nur noch seiten!'

Dies sagte uns eine Mutter von zwei Kindern aus der ersten Erhebungsphase 1980/81.

60 % der Kinder aus unserer Studie wuchsen nach der Scheidung in ein einer Ein-Eltern-Familie auf, in der ein kontinuierlicher Kontakt zum getrennt lebenden, nicht sorgeberechtigten Elternteil für mehr als die Hälfte dieser Kinder nicht mehr vorhanden war. Nach-Scheidungs-Familien, in denen sich der mit den Kindern lebende Elternteil wiederverheiratet hat, werden in der Fachliteratur 'Stieffamilien' genannt. Ich verwende für die neue Familie den Begriff "Mehr-Eltern-Familie", da dieser die strukturellen Merkmale besser kennzeichnet und da außerdem das Präfix "Stief" mit negativen Assoziationen besetzt und mit gesellschaftlichen Vorurteilen belastet ist. Man denke nur an den Mythos von der bösen Stiefmutter oder Begriffe wie stiefmütterlich, wenn von Vernachlässigung o.ä. die Rede ist. Darüber hinaus läßt sich die Familiensituation nach der Scheidung mit dem Begriff "Mehr-Eltern-Familie" flexibler definieren.

In der zweiten Erhebungsphase nach zwölf Jahren lebten in 40 % der Nach-Scheidungs-Familien unserer Studie neue Partner der Eltern in der Familie, durchschnittlich seit elf Jahren bereits. Diese haben auch das Aufwachsen der Kinder zum größten Teil aktiv begleitet, einige auch sehr unterstützt. Aber welche Rolle haben die außerhalb lebenden Eltern in diesen Familien? Werden sie in die Erziehungsverantwortung mit einbezogen und können die Kinder offen ein intensives emotionales Verhältnis zu ihnen leben? np_bild4.jpg (12877 Byte)

Während in der ersten Erhebung noch 27 % der Eltern im Interesse ihrer Kinder kooperiert hatten, fällt dieser Anteil mit 20 % in der zweiten Erhebung nach zwölf Jahren deutlich niedriger aus. Nur bei jeder fünften Familie besteht noch Kontakt und ein gelegentlicher, in einigen Familien auch regelmäßiger Austausch unter den geschiedenen Eltern. Bei der Auswertung des Forschungsmaterials habe ich die Ein-Eltern-Familien und die Mehr-Eltern-Familien der Stichprobe danach unterschieden, ob sie den außerhalb lebenden Elternteil in das Familienbild und in die sozialen Kontakte der Familie integriert oder ob sie ihn ausgegrenzt haben. Wie verschieden die Lebenswelten sind, in denen sich das Kind nach der Scheidung zurechtfinden muß, welchen Einfluß die familiäre Lebenswelt hat und wie das Kind die Scheidung bewältigt, will ich Ihnen anhand von Zitaten von Betroffenen und anhand meiner Forschungsergebnisse darlegen. Aus Zeitgründen beschränke ich mich dabei auf die Darstellung der Mehr-Eltern-Familie, deren Stiefelternproblematik noch viel zu wenig Aufmerksamkeit in der Fachöffentlichkeit erhält. Auf die Besonderheiten der Ein-Eltern-Familie nach Scheidung werde ich aber bei der abschließenden Diskussion der Auswirkungen auf die Kinder eingehen.

Die familiäre Neuorganisation in der Mehr-Eltern-Familie

Für die meisten Menschen ist das Leben in der Familie ein fester und wesentlicher Bestandteil ihres Lebensentwurfs. Unvorhergesehene Ereignisse, wie etwa der frühzeitige Tod eines Elternteils oder eines Kindes, Arbeitslosigkeit, Invalidität, aber auch, wie im vorliegenden Fall, Scheidung und die oft schwierige Gründung einer neuen Familie werden als besondere Schicksalsschläge bzw. als individuelle Probleme gesehen und auch erlebt, für deren Bewältigung es keine allgemein gültigen Verhaltensmuster gibt, sondern für die jeder selbst eine Lösung finden muß.

Eine der häufigsten Strategien in Mehr-Eltem-Familien ist es, so zu tun, als wäre man eine ganz normale Familie aus Mutter, Vater und gemeinsamen Kindern. Die Kinder werden aufgefordert, den Stiefelternteil Mutter bzw. Vater zu nennen und dieser hält es für seine Pflicht, von Anfang an auch elterliche Funktionen zu übernehmen. Häufig werden gerichtliche Namensgebungen beantragt, viele Stiefeltern ziehen sogar die Adoption der Kinder in Erwägung, um sowohl rechtlich als auch nach außen hin den Eindruck einer "normalen" Familie entstehen zu lassen.

np_bild6.jpg (19188 Byte)Warum stellt nun die Orientierung am Leitbild einer normalen Familie für Mehr-Eltern-Familien eine so große Verlockung dar? Viele Eltern aus unserer Studie quälte in der Zeit, in der wir sie als Alleinerziehende kennengelernt hatten, das Schuldgefühl, ihren Kindern keine intakte Familie bieten zu können. Mit Aufnahme des Stiefelternteils in die Familie sollten nun alle Familienmitglieder, vor allem aber die Kinder, für dieses vermeintliche Defizit entschädigt werden. Dahinter steht die Vorstellung, in eine vollständigen Familie würden man mit allen Problemen leichter fertig werden und es wird erwartet, daß die neue Familie sofort gut funktionieren und glücklich sein muß. Dieses "Muß", das auch Druck und Zwang beinhaltet, wird als eine Art der Wiedergutmachung an den Kindern gerechtfertigt. Die Strategie, die Besonderheiten der Familiensituation zu verdrängen und die Normalität der Familienbeziehungen zu betonen, diese Strategie verlangt von allen Familienmitgliedern, daß sie ihr Anderssein verbergen müssen. Fremdheitsgefühle müssen verleugnet werden, negative Gefühle werden aufgestaut, oft schaffen sie sich durch plötzliche Aggressionsausbrüche oder durch anhaltende psychosomatische .Beschwerden ein Ventil. Zur Strategie, das Anderssein zu verbergen, gehört auch, durch Besuchserschwernisse u.a. den außerhalb lebenden Elternteil auf Distanz zu halten und aus dem Familiengeschehen auszugrenzen, was mit seiner Abwertung einher geht.

Gerade nach einer problematischen Scheidungsgeschichte passiert es sehr häufig, daß der außerhalb lebende Elternteil vom geschiedenen Elternteil, aber auch von anderen Familienmitglieder, z.B. den Großeltern, abgewertet wird. Bemerkungen wie "er hat sich nie um das Kind gekümmert" oder "sie denkt nur an ihre berufliche Karriere" beschreiben die negativen Bewertungen. Sie machen es dem Kind schwer, den Besuch des außerhalb lebenden Elternteils unbelastet zu erleben oder auch nur den Wunsch zu äußern, den Vater oder die Mutter sehen wollen. Dem Stiefelternteil dagegen erleichtern sie es, sich als der bessere Vater oder die bessere Mutter zu fühlen und eine mögliche Rivalität zwischen sich und dem biologischen Elternteil abzuwehren.

Gerne wird betont, wie schnell sich die Beziehungen normalisiert haben. Frau A. sieht das so:

"Ja, der Rolf, hat von Anfang an, der hat glaub' ich drei oder vier Wochen 'Uschi' gesagt und dann hat er 'Mama' zu mir gesagt!"

Zuweilen wird in dem angestrengten Bemühen um Normalitätt auch ein quasi biogischer Anschluß hergestellt, wie hier zwischen Stieftochter und Stiefvater.

"Wenn Bernd (Stiefvater) nicht da ist, dann brauch' ich nur Bärbel zu fragen, sie hat am meisten von ihm, nicht die eigenen Kinder, also, das glaubt man nicht, von seinen ganzen Ansichten usw. und seinem Lebensstil und all dem hat die Bärbel am meisten von allen Dreien angenommen." (Frau A.)

Für die faktische Elternschaft gibt es in diesen Mehr-Eltern-Familien keinen Begriff. Der Stiefelternteil wird als Vater oder Mutter verstanden und auch so genannt, was seiner Orientierung am Vorbild des biologischen Elternteil auch entspricht. Er wird darin von seinem Ehepartner unterstützt. Die außerhalb lebenden Eltern der Kinder haben keinen Anteil am Familiengeschehen und werden nicht erwähnt. Die Kinder tragen diesen Ausschluß des anderen biologischen Elternteils insoweit mit, als sie es nach einigen unglücklich verlaufenen Versuchen aufgegeben haben, Wünsche nach Kontakten zu äußern. Zitat Rolf A.:

"Eine Zeitlang wollte ich mal meine Mutter sehen. Jetzt will ich nicht mehr. Meine Eltern haben' mir erzählt, wie es meiner Schwester Maike ergangen ist und dann hab ich mir überlegt, erst einmal müßte ich sie suchen, wo sie überhaupt wohnt. Dazu habe ich dann keine Lust gehabt und dann hab ich das aufgegeben."

Wie Rolf müssen viele Kinder in dieser Situation mit ihren Gefühlen und Zweifeln allein zurechtkommen. Dies macht die Aussage von Frau A. deutlich, die mit ihrer Tochter aus erster Ehe, also mit Bärbel, und den zwei Kindern ihres Mannes aus erster Ehe, Rolf und Maike, zusammenlebt und jeglichen Kontakt zu den außerhalb lebenden biologischen Eltern der Kinder abgebrochen hat. Frau A.:

"Ich war die ganz treibende Kraft und hab' gesagt: Nicht noch einmal. Ihr könnt mit mir alle machen, was ihr wollt, auch wenn das zu Rolfs Wohl ist, ich mache das nicht noch einmal mit. Dieses Besuchsrecht und wie Maike gelitten hat. Das habe ich bei einem Kind erlebt, das war so schlimm mit Maike, daß ich zu Rolf gesagt hab, wenn, dann muß er das machen, und auch zu Bärbel, wenn sie nicht mehr in unserer Gemeinschaft wohnen. Wenn sie ihre eigene Wohnung haben, dann können sie von mir aus Kontakt zu ihren anderen Elternteilen aufnehmen. Aber solange ich direkt davon betroffen bin, gibt es das einfach nicht mehr, weil das könnt ich nicht noch einmal durchstehen."

Kinder wie Maike wiederum leiden einerseits unter der mütterlichen Zurückweisung ebenso sehr aber auch darunter, daß über die verdrängte Vergangenheit in der Familie nicht gesprochen werden darf. Dies löst Spannungen aus, belastet aber auch die Beziehungen der Kinder zu anderen Menschen.

Der folgende Ausschnitt aus dem Interview mit Maike A. zeigt, wie lange leidvolle Erfahrungen nachwirken, wenn sie, wie hier, verdrängt wurden und wie sehr sie die spätere Identitätsfindung der Kinder belasten.

Interviewerin: Haben Sie denn noch Erinnerungen an die Zeit?

Maike A.: Ich hab eigentlich viel verdrängt. Das kommt erst jetzt alles hoch. Ich hab mich gerade von meinem ehemaligen Partner getrennt und es kommt da jetzt alles voll mit rein, nachts in den Träumen und so. Also das ist furchtbar (lacht), also, daß ist nicht so gut, aber, naja.

Interviewerin: Was kommt mit rein? Ich versuche das zu verstehen.

Maike A.: Ich weiß das eigentlich selbst nicht so genau. Es ist so, daß ich oft so aufwache, schweißgebadet, und dann war irgend etwas und das ist dann auch wieder vorbei. Oder dieses Zähneknirschen und all so ein Kram. Da ist wohl noch viel von damals mit drin.

Interviewerin: Haben Sie denn damals auch Zähneknirschen und so etwas gehabt?

Maike A.: Nein, damals hab ich immer das mit dem Spucken gehabt, daß ich mich dann so furchtbar übergeben hab und solche Sachen.

Interviewerin: Wie alt waren Sie damals?

Maike A.: Acht oder neun, ich weiß nicht mehr ganz genau.

Interviewerin: Wie sehen Sie denn Ihre Mutter?

Maike A.: Also, ich habe kein gutes Bild von ihr. Ich denke, sie hat uns alle verlassen damals und jetzt hat sie wieder einen Mann und wieder zwei Kinder. Und vielleicht, wenn sie älter sind, dann sagt sie wieder: "also ich hau' jetzt ab und such' mir einen Anderen" - oder so. Und das finde ich irgendwie nicht so gut. Ich denke, man sollte dann auch zu seinen Kindern stehen. Aber es gibt eben viele Familien, wo das so ist. Mich hat damals immer viel belastet. Es gibt so ein Buch, da ist der Vater das absolute Ungeheuer und nur die Männer sind schlecht und es sind immer die Väter, die ihre Frauen betrügen und die ihre Kinder verlassen und daß es auch umgekehrt ist, das hat mich damals ziemlich wütend gemacht. Das fand ich immer furchtbar. Ich habe zu Frauen eigentlich ein ziemlich gestörtes Verhältnis. Also, ich habe auch keine Freundinnen, sondern nur Freunde.

Bei diesen Mehr-Eltern-Familien, die sich als "Normal"-Familien verstehen, war ein Leben des Kindes in zwei Elternhaushalten von vornherein ausgeschlossen. Der Kontakt zum außerhalb lebenden Elternteil stand zunächst unter strikten Abmachungen und wurde später ganz abgebrochen. Der außerhalb lebende Elternteil wurde meist nicht nur bewußt ausgegrenzt, sondern auch abgewertet. Die Kinder stellt der Verlust von Elternbeziehungen vor besondere Probleme, die in psychischen Verletzungen und in Schwierigkeiten mit der eigenen Identität ihren Ausdruck finden. In diesen ausgrenzenden Mehr-Eltern-Familien wird also bewußt nicht in biologische und soziale Elternschaft differenziert, vielmehr arbeiten Eltern und Stiefeltern darauf hin, dem Stiefelternteil durch Adoption den vollen rechtlichen Elternstatus zu geben. Herr A.:

"Unsere Absicht ist also, daß wir unsere im Moment noch eigenen Kinder gegenseitig adoptieren wollen oder werden, so daß praktisch die Kinder sich von ihren jeweiligen anderen Elternteilen ja scheiden lassen können oder scheiden lassen."

Die Stiefelternadoption scheint bei diesen Mehr-Eltern-Familien ihre Konzeption von familiärer Zusammengehörigkeit entgegenzukommen und ihrem Bedürfnis nach Annäherung an die Normalfamilie zu entsprechen.

Aber welche Rolle haben die außerhalb lebenden Eltern noch in diesen ausgrenzenden Mehr-Eltern-Familien? Angaben über die getrennt lebenden, nicht sorgeberechtigten Eltern waren in den meisten Familien nur sehr schwer zu erlangen. Sie stützen sich zum Teil auf die Aussagen der geschiedenen Partner, bei denen die Kinder aufwuchsen und auf die Kinder selbst. Darüber hinaus ist es uns gelungen, mit einigen nicht sorgeberechtigten Eltern zu sprechen, die, wie die überwiegende Mehrheit der ausgegrenzten Eltern, seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren geschiedenen Partnern haben und mehrheitlich auch den Kontakt zu ihren Kindern aus dieser Ehe verloren haben. Eine nicht sorgeberechtigte Mutter (44 Jahre):

"Ich wollte damals nur eins: Mit diesem Mann irgendwo eine anständige und einvemehmliche Trennung. Und vor allem wollte ich, daß Nicola nicht mit in diese Trennung reingezogen wird. Das war für mich im Grunde primär. Mein Mann ließ dann vom Notar eine Gütertrennung und eine Besuchsregelung aufsetzen und wir haben uns dann im Vertrag vor dem Notar verpflichtet, daß derjenige, der kein Sorgerecht bekommt, ein vierzehntägiges Besuchsrecht und die Hälfte der Ferien erhält und jederzeit auch Zugang zum Kind hat. Und mir ist dann ein Satz zum Verhängnis geworden, der stand darunter, und zwar: 'Diese Regelung tritt nur in Kraft, solange das Kind Nicola sein Einverständnis gibt.' Ich erhielt eine neue Anstellung und bin vier Wochen später nach Hamburg umgezogen und damit fing die ganze Katastrophe an, weil ich denke, daß meine Ex-Mann da sah, daß ich nicht mehr zu ihm zurück komme. Von diesem Zeitpunkt an wurde mir meine Tochter systematisch entfremdet und zwar in einer Art und Weise, daß sie heute keinen Kontakt mehr mit mir wünscht."

Viele getrennt lebende, nicht sorgeberechtigte Eltern haben die Erfahrung gemacht, von ihrer Familie ausgegrenzt und bestraft zu werden, weil sie sie verlassen haben. Unter den 34 Mehr-Eltern-Familien, die sich als Normalfamilien verstehen, sind drei Familien, bei denen in unserer ersten Erhebung vor zwölf Jahren noch beide geschiedenen Eltern im Interesse ihrer Kinder kooperiert hatten. Mit der Wiederverheiratung eines oder beider Elternteile kam es dann in der Regel zu Ausgrenzungsprozessen, wobei die Kontakte zwischen dem außerhalb lebenden Elternteil und Kind zunehmend erschwert wurden, mehr und mehr abnahmen und irgendwann ganz abbrachen.

Nur drei der befragten sorgeberechtigten Eltern aus diesen Mehr-Eltern-Familien gaben an, daß sie ihren geschiedenen Partner noch gelegentlich sehen. Meist eher zufällig auf der Straße oder bei Veranstaltungen. Immerhin wohnen bei gut einem Drittel dieser Familien beide geschiedene Eltern noch im gleichen Wohnbezirk oder Landkreis. Von gut der Hälfte der getrennt lebenden Eltern ist ferner bekannt, daß sie sich wieder verheiratet haben. 10 % von ihnen in dritter Ehe. Sieben der insgesamt 34 nicht sorgeberechtigten Eltern sind tot. Drei haben sich das Leben genommen, davon zwei unmittelbar am Tag der gerichtlichen Ehescheidung. Ein nicht sorgeberechtigter Vater (58 Jahre):

"Ich sehe meine Frau jeden Tag, weil sie ihr Pferd auf der Koppel gegenüber von meinem Haus hat. Wir sprechen aber nicht miteinander. Seit 15 Jahren nicht. Ich nenne es deshalb nicht Kontakt!"

Diese Eheleute haben vier Kinder gemeinsam und wohnen in einem Dorf - und dieses Beispiel ist kein Einzelfall.

Bei den Interviews mit den fünf nicht sorgeberechtigten Eltern machten wir die Erfahrung, daß sich die Fronten zwischen den geschiedenen Ehepartnern in der Zwischenzeit so verhärtet haben, daß ein einfacher Kontakt oder ein Gespräch über die gemeinsamen Kinder für sie nicht mehr möglich sind.

Die meisten befragten getrennt lebenden, nicht sorgeberechtigten Eltern hätten sich gerne mehr um ihre Kinder gekümmert und meinten, daß ein gemeinsames Sorgerecht für sie und ihre Kinder die bessere Lösung gewesen wäre. Wenn allerdings die Gräben so tief geworden sind, erscheint mir die Vorstellung einer praktizierten gemeinsamen elterlichen Sorge eher als Wunschdenken. Nur ein Vater hielt ein gemeinsames Sorgerecht nach der Scheidung nicht für durchführbar, weil zwischen den geschiedenen Ehepartnem zu viel Haß bestünde, um verantwortlich miteinander umzugehen.

Unterbrechungen im Kontakt zum getrennt lebenden, nicht sorgeberechtigten Elternteil

Ich habe mich oft gefragt, woran es noch liegen kann, daß so viele Eltern und Kinder unter dem Abbruch von Kontakten nach der Scheidung zu leiden haben. Die festgestellten Ausgrenzungsstrategien dieser Mehr-Eltern-Familien allein reichen nicht aus, dies zu erklären. Im Gespräch mit nicht sorgeberechtigten Eltern wird deutlich, daß die Weichen für den Kontaktabbruch oft sehr viel früher gestellt wurden und zwar unmittelbar nach der Scheidung. Manchen nicht sorgeberechtigten Eltern kommt es dann so vor, als ob die Trennung für sie und ihre Kinder leichter zu ertragen wäre, wenn sie wegblieben. Häufig haben sie das Gefühl, daß die Kinder wissen müßten, daß sie Interesse an ihnen haben, daß sie für sie da wären, wenn die, Kinder sie nur wollten. Sie vermeiden es, ihre Kinder zu sehen und nehmen ihr Besuchsrecht nicht oder nicht regelmäßig wahr.

Unterstützt wird dieses Verhalten von dem sorgeberechtigten Elternteil. Er rät nachdrücklich dazu und beruft sich dabei nicht selten auf den Rat eines Rechtsbeistandes, von Besuchen vorerst abzusehen, damit die Kinder Zeit haben, sich auf die neue Situation einzustellen und die Realität der Trennung der Eltern zu akzeptieren. Kinder sehen das anders. Da ihnen die Erfahrung und die Fähigkeit fehlt, das Verhalten ihrer Eltem im einzelnen zu verstehen, fühlen sie sich vom getrennt lebenden Elternteil im Stich gelassen. Wenn der Vater oder die Mutter fern bleiben, werten sie dies als Zeichen dafür, nicht mehr von ihnen geliebt zu werden. Dies führt zu einer psychischen Distanz zwischen Eltern und Kind, die sich auf weitere Kontakte entfremdend auswirkt. Wie unsere Studie deutlich machte, kann das angeschlagene Selbstwertgefühl eines Kindes bis in das Erwachsenenalter hinein reichen.

Viele Kinder mußten nach der Scheidung erfahren, daß das Verhalten der Menschen, von denen sie sich am meisten auf der Welt geliebt fühlten, sich drastisch ändern konnte, oft innerhalb sehr kurzer Zeit. Eltern, die sie vorher liebevoll begleitet und an ihrem Leben Anteil genommen hatten, waren von einem Tag zum anderen nicht mehr für sie erreichbar, meldeten sich nur noch selten und hielten Besuchsvereinbarungen nicht ein. Die meisten Kinder fühlten sich von ihren Eltern im Stich gelassen und auch die Kinder, die zunächst noch regelmäßig besucht wurden, mußten die Erfahrung machen, daß der Kontakt zum getrennt lebenden, nicht sorgeberechtigten Elternteil in den Jahren nach der Scheidung beständig abnahm. Oft hat eine neue Partnerschaft des außerhalb lebenden Elternteils die Besuche erschwert. Einige Kinder wurden damit konfrontiert, daß die neue Frau des Vaters sich weigerte, sie am Wochenende bei sich aufzunehmen.

60% der Kinder aus Mehr-Eltern-Familien, die sich als "Normal"-Familien verstehen, haben noch im ersten Jahr nach der Scheidung den Kontakt zum getrennt lebenden, nicht sorgeberechtigten Elternteil verloren. Zum Teil lag dies an dessen Desinteresse und es gab auch einige Kinder, die sich weigerten, den Elternteil, den sie für den Bruch der Ehe verantwortlich machten, weiterhin zu sehen.np_bild11.jpg (9336 Byte)

Die Hauptursache für den Kontaktabbruch liegt bei diesen Familien jedoch woanders. In den meisten Fällen war es der Elternteil, bei dem das Kind lebte, der sich den Besuchswünschen entgegenstellte. Nur jedes dritte Kind konnte zu Hause offen über den anderen Elternteil sprechen. Den meisten Kindern erging es wie Rolf und Maike A. Sie hatten das Bedürfnis, auch zu ihrer "richtigen" Mutter bzw. zu ihrem "richtigen" Vater, wie sie sagen, weiterhin eine Beziehung zu haben und mußten erfahren, daß dieser Wunsch als kränkend und unloyal empfunden wurde. Oft befanden sie sich in einer ausweglosen Situation. Bei der Scheidung der Eltem waren die meisten (63%) Kinder noch im Vorschulalter und von dem sorgeberechtigten Elternteil abhängig. Sie hatten also keine Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden oder eine autonome Beziehung zum anderen Elternteil zu entwickeln. In der Regel übernahmen sie die gleiche negative Ansicht über ihn wie die Mutter oder der Vater, bei dem sie aufwuchsen. Als. wir nach zwölf Jahren mit den inzwischen zumeist erwachsenen Kindern sprachen, hatten nur noch knapp 20% gelegentlich Kontakt zu dem getrennt lebenden, nicht sorgeberechtigten Elternteil. Häufig bestand nur eine telefonische Verbindung. Einige trafen sich ein- bis zweimal im Jahr.

Wie vollständig der andere Elternteil aus dem Bewußtsein dieser jungen Menschen verdrängt wurde, machten auch die Antworten auf unsere Frage deutlich: "Wer gehört für Sie zur Familie? Bitte nennen Sie mir alle Personen, die sie persönlich zu ihrer Familie zählen. Nur in einem einzigen Fall wurde der nicht sorgeberechtigte Elternteil überhaupt erwähnt, von einer jungen Frau, als sie feststellte: "Mein Vater, eigentlich gehört er nicht so dazu."

"Als meine Mutter sich mit dem Mann anfreundete, der später unser Stiefvater wurde, änderte sich vieles. Auf einmal drehte sich für sie alles um ihn. Wir waren nur noch Luft für sie. Mein Stiefvater war für mich ein Eindringling in unser Familienleben. Es war ein schwerer Schlag und bis heute kann ich ihn nicht ausstehen." (Susanne C., 25 Jahre)

"Ich habe sehr unter der Stiefmutter gelitten. Das eigene leibliche Kind dieser Frau, zwei Jahre jünger als ich, wurde von ihr stark bevorzugt. Ich hatte Angst vor ihr. Ich konnte nicht selbst entscheiden. Hatte keine Lebensfreude mehr. Ich wußte nicht, wie ich mich verhalten sollte. Habe mich am liebsten gar nicht verhalten." (Jan F., 26 Jahre)

Der zweite Versuch: die Sehnsucht nach der "normalen" Familie

Für Scheidungskinder ist die Erfahrung der Wiederheirat oft sehr bedrohlich und mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden. Es fällt ihnen schwer zu akzeptieren, daß ihre Eltern eine Liebesbeziehung zu einem neuen Partner aufgenommen haben und nicht mehr nur sie allein, sondem auch der neue Partner jetzt wichtig sind. Sie fühlen sich zurückgesetzt, reagieren eifersüchtig und betrachten den neuen Partner als Konkurrenten um die Gunst ihrer Mutter oder ihres Vaters. Findet die Wiederverheiratung schon kurz nach der Scheidung statt und leiden die Kinder noch unter dem Verlust des anderen Elternteils, sind sie wahrscheinlich nicht dazu bereit, einen neuen Erwachsenen in ihr Leben aufzunehmen. Zumal wenn dieser als Ersatz für den verlorenen Elternteil angeboten wird. Sie empfinden dies als Verrat am eigenen Vater oder der Mutter und befürchten zudem, nun auch den Elternteil, bei dem sie leben, zu verlieren.

Bei etwa der Hälfte dieser Mehr-Eltern-Familien hat sich zwischen Stiefeltern und Stiefkindern keine tragende emotionale Basis entwickelt. Belastend sind vor allem anhaltende Spannungen und Streitereien, als deren Ursachen Autoritätsprobleme, gegenseitige Ablehnung, das Vorziehen von Halb- oder Stiefgeschwistern, aber auch sexuelle Übergriffe und Alkoholismus genannt wurden. Stiefkinder erhalten oft eine Sündenbock-Funktion, wenn die hochgespannten Erwartungen an die neue Familie enttäuscht werden und familiäre Spannungen trotz aller Mühe um "Normalität" anhalten. Jedes dritte Kind in diesen Familien war körperlichen Strafen und groben Beschimpfungen ausgesetzt, auf die sie mit Verhaltensauffälligkeiten, wie Weglaufen, Stehlen, Drogenkonsum und psychosomatischen Beschwerden bis hin zu Selbstmordversuchen reagiert haben. Etwa jedes 10. Kind hat die Schule geschmissen oder eine Berufsausbildung nicht beendet. Bei manchen diente der frühe Eintritt in das Erwerbsleben auch dazu, den Familienhaushalt endlich verlassen zu können und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

Ich möchte noch einmal auf die Familie A. zurückkommen. Als ich Maike A. vor nunmehr 13 Jahren kennenlernte, war sie elf Jahre alt und machte auf mich den Eindruck eines freundlichen und gut angepaßten kleinen Mädchens. Sie hatte eine enge Beziehung zu ihrem Vater, mit dem sie die ersten drei Jahre nach der Trennung der Eltern allein zusammengelebt hatte. Ihrem Vater war gerade nach langer gerichtlicher Auseinandersetzung mit der geschiedenen Mutter auch das Sorgerecht für den jüngeren Bruder Rolf übertragen worden und als ich einige Wochen später wieder die Familie A. besuchte, um mit Herrn A. über ein vereinbartes Tagebuch zu sprechen, lebte bereits die neue Lebensgefährtin von Herrn A. und ihre Tochter Bärbel in der Familie. Ich habe Familie A. also in einer Zeit kennengelernt, als sie sich gerade auf dem Wege von einer Ein-Eltern-Familie zu einer Mehr-Eltern-Familien befand. Beide Partner machten sich damals viele Gedanken, wie sie ihren Kindern helfen könnten, die neue Familiensituation zu bewältigen. Sie vereinbarten eine Familientherapie, die sich über mehrere Jahre hinzog und in deren Mittelpunkt die Verhaltensstörungen des jüngsten Sohnes Rolf standen. Maike hatte sich von Anfang an um ein gutes Verhältnis zu ihrer Stiefmutter bemüht. Wie selbstverständlich übernahm sie die Rolle der ältesten Tochter und kümmerte sich liebevoll um die beiden jüngeren Geschwister. Im Gegensatz zu ihrem Bruder Rolf kam sie gut in der Schule zurecht und hatte keine Leistungsschwierigkeiten.

Wie es so oft nach der Scheidung bei Mädchen der Fall ist, die stark wirken und mit der neuen Situation gut zurechtzukommen scheinen, geriet Maike mit 17 Jahren in heftige Konflikte mit ihrer Familie. Sie verabredete sich mit jungen Männern, die nach Ansicht ihres Vaters einen zweifelhaften Ruf hatten. Außerdem nahm sie heimlich Kontakt zu ihrer Mutter auf. Als die Mutter sich von ihr Geld lieh und sie dazu bringen wollte, eine Bürgschaft für sie zu übernehmen, brach Maike aber den Kontakt sehr enttäuscht ab. Sie wechselte ihre Ausbildungsstelle, weil sie mit der weiblichen Ausbilderin nicht zurecht kam und zog, sobald sie volljährig war, zu Hause aus. Einige Zeit lebte sie mit einem Freund zusammen, trennte sich aber wieder von ihm. Was Beziehungen angeht, ist Maike auch heute mit 24 Jahren sehr mißtrauisch. Sie sagte mir im Interview:

"Ich kann mir nicht vorstellen, daß mich jemand wirklich lieb hat. Wenn ich einen Mann kennenlerne, der sich für mich interessiert, denke ich immer, daß mit ihm irgend etwas nicht stimmen kann".

Maike hat sich bisher von allen Freunden wieder getrennt, sobald die Beziehung ernster wurde. Wie viele Scheidungskinder hat sie wenig Selbstvertrauen und Angst davor, betrogen und verlassen zu werden. Sie meint von sich, daß sie nicht fähig sei, eine enge Bindung einzugehen und daß sie deshalb auch nicht heiraten wolle.

Ängste vor Beziehungen und die Furcht, daß sich die elterliche Geschichte wiederholen könnte, quälen viele Scheidungskinder. Für die Mehrheit der befragten jungen Männer (59 %) und für gut zwei Drittel der befragten jungen Frauen aus diesen Mehr-Eltern-Familien hat die Scheidung der Eltern auch Auswirkungen auf die eigenen Partnerbeziehungen. Sie betrachten die Ehe oft als etwas Ungewisses, vor dem sie Angst haben und das sie unsicher macht. Einerseits sehen sie in der Ehe eine Möglichkeit, die Stabilität in ihrem Leben wiederherzustellen und zu sichern, andererseits machen sie sich Sorgen, daß ihre Ehe so auseinanderbrechen könnte, wie die ihrer Eltern. Von den verheirateten Kindern, es waren insgesamt 22 %, berichteten uns einige, daß sie immer noch Angst davor hätten, wieder verlassen zu werden. Andere dagegen gehen offensiv in die Ehe, sicherten sich durch einen Ehevertrag ab und schworen sich, daß ihre Ehe anders sein würde und daß sie ihren Kindern nie antun würden, was ihre Eltern ihnen angetan haben. Optimistisch wenden sich diese erwachsenen Scheidungskinder wieder eher traditionellen Ansichten über Ehe und Familie zu. Sie glauben an die Treue und an eine Familie, die zusammen bleibt, in der es Nähe und Beständigkeit gibt.

"Familienleben bedeutet mir sehr viel. Und das Wichtigste ist mir, daß mein Mann für die Kinder ein Vater ist, daß er mit ihnen spielt, all das macht, was ich nicht gehabt habe, daß über Gefühle offen gesprochen werden kann. Zu Hause war nur Unruhe und Streit. Die einzigen Gefühle, die geäußert wurden, waren Tränen. Meine Kinder sagen: 'Ich hab' Dich lieb!'." (Marion G., 28 Jahre)

In unserer ersten Erhebungsphase 1980/81 wurde in den von uns untersuchten 150 Familien bei etwa jedem vierten Kind von anhaltenden Verhaltensstörungen nach der Scheidung berichtet. Diese bereiteten den Eltern zum Teil erhebliche Erziehungsschwierigkeiten. Insgesamt waren 59 Kinder aus 52 Familien betroffen. Unter ihnen überwog damals die Anzahl der Jungen mit 69 % bei weitem die der Mädchen. Zwei Drittel dieser Kinder waren zur Zeit der Scheidung ihrer Eltern noch im Vorschulalter. Das vorherrschende Symptom war bei etwa der Hälfte ein aggressives Verhalten, das mit anderen Verhaltensauffälligkeiten, wie Schulproblemen, Diebstahl, häufigen Wutanfällen, Tierquälerei, Lügen und Weglaufen einherging. Mit zwei Ausnahmen waren diese Symptome bei den Jungen aufgeführt. Bei den Mädchen überwogen depressive Verhaltensmuster, die in den meisten Fällen zusammen mit Disziplinschwierigkeiten, Unkonzentriertheit und Schulproblemen auftraten. Bei jedem fünften Kind äußerten sich die anhaltenden Störungen je nach Alter durch wiederholtes Bettnässen, Einkoten, überängstliches Verhalten und Selbstmordversuche. Etwa die Hälfte der Kinder, bei denen die Störungen länger anhielten, lebten damals mit ihren Eltern und Geschwistern an der Armutsgrenze. Der enge finanzielle Spielraum zwang zu Einschränkungen in allen Lebensbereichen. Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und ausbleibende Unterhaftszahlungen trugen dazu bei, daß mancher Versuch scheiterte, die durch Scheidung gestörten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern wiederherzustellen. Bei jedem zweiten Kind mit anhaltenden Störungen bestand schon damals kein Kontakt mehr zum nicht sorgeberechtigten Elternteil, und auch bei den meisten Eltern war der Kontakt zum geschiedenen Partner oft unmittelbar nach der Scheidung abgebrochen. Das heißt, die überwiegende Mehrheit der Kinder mit anhaltenden Störungen stammte aus Familien, in denen die Eltern keinen Kontakt mehr miteinander hatten oder in denen sich die Konflikte nach der Scheidung fortsetzten und die Eltern durch ihr Verletztsein, ihre Demütigung und ihren Zorn so beansprucht waren, daß sie den Bedürfnissen ihrer Kinder nicht gerecht werden konnten.

Als wir die Kinder nach zwölf Jahren wieder trafen, waren aus ihnen junge Erwachsene geworden und ihre Bereitschaft, an unserer Untersuchung teilzunehmen und über ihre Familiensituation und persönlichen Schwierigkeiten offen zu sprechen, hat mich überrascht. Vielleicht hatten viele vorher noch nie eine Gelegenheit, mit einem interessierten und qualifizierten Gegenüber ausführlich über ihre Schwierigkeiten zu sprechen und waren daher so bereitwillig. Ich hatte mir bei der Vorbereitung der zweiten Befragung oft überlegt, was wohl aus den Kindern geworden ist, die es damals so schwer hatten, die Scheidung ihrer Eltern zu bewältigen. Sind ihre Störungen inzwischen abgeklungen und ist es ihnen gelungen, ein erfülltes und produktives Leben zu führen oder hat die Scheidung bei Kindern auch langfristige Auswirkungen. Mich interessierte ebenso, wie es den anderen Kindern ergangen ist, die, wie Maike A., auf mich damals einen freundlichen und gut angepaßten Eindruck gemacht hatten. Sind auch bei diesen Kindern, die in unserer ersten Erhebung noch unauffällig waren, zu einem späteren Zeitpunkt Störungen aufgetreten?

In unserer zweiten Erhebung konnte ich die Entwicklung von 36 der 59 Kinder mit anhaltenden Störungen weiter verfolgen. Von diesen 36 Kindern ist es nur neun Kindern, also jedem vierten Kind, gelungen, ihre scheidungsbedingten Schwierigkeiten zu überwinden und sich zu lebenstüchtigen jungen Erwachsenen zu entwickeln. 27 Kinder, 75%, haben dagegen nach wie vor große Probleme, den Alltag zu bewältigen und längerfristige Perspektiven für ihr Leben zu entwickeln. Knapp die Hälfte hat Probleme mit Alkohol und Drogen und einige haben wegen Beschaffungskriminalität bereits vor dem Richter gestanden, andere sind bei gewalttätigen Auseinandersetzungen in rechtsradikalen Kreisen polizeilich aufgefallen, eine junge Frau und ein junger Mann haben sich einer Sekte angeschlossen. Jeder Dritte hat keine abgeschlossene Ausbildung, macht Aushilfsarbeiten oder ist arbeitslos gemeldet. Von ihren Eltern wurde etwa die Hälfte als aufsässig und destruktiv beschrieben. Die übrigen als einsam, verschlossen und ängstlich. Die meisten jungen Leute sprachen offen über ihre Kontaktschwierigkeiten, über ihre Bindungsängste und sexuellen Probleme. Sie machten auf uns einen depressiven und unglücklichen Eindruck. Keiner hatte Kontakt zu dem nicht sorgeberechtigten Elternteil und auch die Beziehung zu dem Elternteil, bei dem sie aufgewachsen waren, war angespannt und mit vielen Konflikten belastet.

Fragt man nun, warum es den neun Kindern gelungen ist, ihre scheidungsbedinten Schwierigkeiten zu überwinden, während die überwiegende Mehrheit aus dieser Gruppe nach wie vor unter den Folgen ihrer damaligen Familiensituation leidet, dann fallen zuerst Unterschiede beim Geschlecht auf. Während es sich bei den neun stabilisierten Kindern um fünf junge Frauen und vier junge Männer handelt, sind unter den 27 Kindern mit langfristigen Störungen 63% junger Männer, die bei der Scheidung ihrer Eltern noch unter zehn Jahre alt waren, und die in unserer ersten Erhebung unter extremen Anpassungsschwierigkeiten litten.

Noch auffälliger sind die Unterschiede in der Familienform. Mit zwei Ausnahmen sind alle 36 Kinder in Familien aufgewachsen, die den getrennt lebenden, nicht sorgeberechtigten Elternteil ausgegrenzt hatten. Aber während die überwiegende Mehrheit der Kinder nämlich 79%, die ihre Schwierigkeiten heute bewältigt haben, nach der Scheidung in einer Ein-EltemFamilie lebten, wuchs die Hälfte der Kinder, deren Störungen nach wie vor andauern, in einer ausgrenzenden Mehr-Eltern-Familie auf, die sich als eine "Normal"-Familie versteht. Die meisten waren zudem bereits in der Pubertät, als ihre Eltern sich wieder verheirateten. Die Mehrheit dieser Kinder hat schon früh die elterliche Wohnung verlassen, bei einigen gibt es Angaben, die dafür sprechen, daß auch sie von den Eltern ausgegrenzt wurden, weil sie den Familienfrieden störten.

Gelingende und mißlingende Bewältigung aus der Sicht der Kinder

Welches sind nun die Kinder, denen es trotz aller Widrigkeiten gelungen ist, die Scheidung ohne dauerhafte Folgen zu überwinden? Vergleicht man die biographischen Profile der Kinder, so wird deutlich, daß die neun Kinder, die ihr Leben in den Griff bekommen haben, dabei auch gute Kontakte zu ihren sorgeberechtigten Eltern und auf viel Unterstützung durch sie zurückgreifen konnten. Sie gehörten auch zu den Kindern, denen Außenstehende halfen, sich aus den Verwicklungen der Scheidung der Eltern zu befreien und sich auf die veränderte Familiensituation einzustellen. Wer über ein stabiles Netz verläßlicher Beziehungen und Ansprechpartner in Notlagen verfügt, hat es also deutlich leichter, die veränderte Familiensituation zu bewältigen. Der Verlust von Familienbeziehungen ist dagegen nicht nur die häufigste Folge der Scheidung, sondern zugleich auch die gravierendste Ursache für scheidungsbedingte Störungen bei Kindern.

Jungen und Mädchen reagieren zunächst unterschiedlich auf die veränderte Familiensituation. Während in unserer ersten Erhebung vor allem Jungen nicht nur stärker, sondern auch anhaltender mit Problemverhalten reagiert hatten als Mädchen - eine Erfahrung, die im übrigen im Einklang mit amerikanischen Untersuchungen steht - sind es in der zweiten Erhebung nach zwölf Jahren vor allem junge Frauen, die psychische Störungen aufweisen. Unter den 41 Kindern, die in der ersten Erhebung keine Schwierigkeiten hatten, aber heute unter erheblichen Störungen leiden, sind 61% junge Frauen, wie Maike A., die mit Identitätsproblemen und Beziehungsängsten zu kämpfen haben. Ebenso wie die jungen Männer, welche mit anhaltenden Störungen reagiert hatten, war auch die Mehrheit dieser jungen Frauen bereits in der Pubertät, als die sorgeberechtigten Eltern wieder heirateten. Vor allem aber wuchsen die Kinder fast ausnahmslos in Familien auf, die den anderen Elternteil ausgrenzten. Die neue Heirat traf sie also in einer Lebensphase, in der Jugendliche die Beziehung zur eigenen Familie überprüfen und damit die Scheidungserfahrung wieder schmerzlich akut wird. Belastend wirkt sich zudem aus, daß sich die Mädchen meistens sehr viel enger an ihre alleinerziehenden Eltern angeschlossen hatten als die Jungen. Sie fühlten sich für das Wohl von Mutter oder Vater verantwortlich und kamen dadurch in ihrer eigenen Entwicklung häufig zu kurz. Besonders problematisch wurde es dann für sie, wenn sie bei der Wiederverheiratung des Elternteils die Rolle der Vertrauten verloren bzw. mit Stiefvater oder Stiefmutter teilen mußten. Rivalitäten waren hier praktisch vorprogrammiert und wurden durch ein ausgrenzendes Familienmodell ganz offensichtlich noch verstärkt. Daß Mädchen erst in einer späteren Altersphase, zumeist in der Adoleszenz, stärkere Beeinträchtigungen zeigten, spricht dafür, daß es sich hierbei um verzögerte Reaktionen der Mädchen handelt, die erst im Zuge von Entwicklungsveränderungen im Jugendalter und in der Adoleszenz hervorbrechen, In einer Lebensphase also, die auch eine neuerliche Auseinandersetzung mit der elterlichen Scheidung als Teil der eigenen Familiengeschichte nahelegen.

Trennungs- und Scheidungsberatung ist notwendig !

Was sagen uns nun die dargestellten Forschungsergebnisse über die Auswirkungen fehlender Elternkontakte bei Kindern? Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Sie zeigen zweierlei: Zum einen, daß die Scheidung für die meisten Erwachsenen und für nahezu alle Kinder eine schmerzliche Erfahrung ist, unter der viele lebenslang leiden. Und zum anderen, daß nur wenige, Eltern es von sich aus schaffen, Zorn, Feindseligkeiten und Anschuldigungen zu überwinden und nach der Trennung gemeinsam Elternverantwortung zu übernehmen. Aber nur wenn Eltern dies gelingt, haben Kinder eine gute Chance, die Scheidung psychisch gesund zu überstehen und nicht zu Scheidungswaisen zu werden. Um Ausgrenzungstendenzen entgegenzuwirken und Mehr-Eltern-Familien und Ein-Eltern-Familien zu helfen, die Besonderheiten ihrer Familiensituation zu akzeptieren, benötigen Scheidungsfamilien professionelle Hilfe. Ich halte es für notwendig, ein langfristig angelegtes Beratungskonzept für Scheidungsfamilien zu entwickeln, das ihnen während und nach der Scheidung eine professionelle Scheidungsbegleitung zur Seite stellt. Eltern sollten hier einen Ansprechpartner finden, der sie über Beratungsangebote und fachliche Hilfen informiert und ihnen diese auch vermittelt und zugänglich macht. Sie benötigen Hilfe, um Entscheidungen über ihre Lebensform, die Besuchsregelung und die Form des Sorgerechts zu treffen. Und ihnen muß auch geholfen werden, diese Entscheidungen in die Tat umzusetzen und zu modifizieren, wenn sie sich wieder verheiraten, wenn die Kinder älter werden, wenn die Familie sich verändert.

Den Eltern aus unserer Studie stand bei ihrer Scheidung noch kein Beratungsangebot zur Verfügung. Wir haben nur acht Eltern getroffen, die damals professionelle Hilfe in Anspruch nehmen konnten, um ihre elterliche Autonomie nach der Scheidung wiederzugewinnen. Vielen Eltern war gar nicht bewußt, daß die Qualität der Beziehung des Kindes zu beiden Eltern entscheidend dafür ist, wie das Kind die Scheidung seiner Eltern und die Reorganisation der Familienbeziehungen in der Nachscheidungssituation bewältigt. Eltern muß auch deutlich gemacht werden, daß die Inanspruchnahme von beratender und therapeutischer Hilfe nicht als ein Versagen oder Scheitern ihrerseits verstanden wird, sondem daß professionelle Beratung und Hilfe, angesichts der speziellen Probleme, die mit einer Scheidung verbunden sind, für alle Betroffenen selbstverständlich ist. Kindern ist wesentlich geholfen, wenn der Elternkonflikt entschärft ist und der Kontakt zu beiden Eltern erhalten bleibt. Viele Fachleute sehen in der gemeinsamen elterlichen Sorge nach der Scheidung einen Garant dafür.

Das hat den Gesetzgeber des neuen Kindschaftsrechts veranlaßt, die gemeinsame elterliche Sorge zum Regelfall nach der Scheidung zu machen, um die Belastungen für das Kind zu reduzieren. Eine alleinige Sorgerechtszuteilung, wie sie noch bei den Eltern unserer Langzeitstudie erfolgt ist, ist nach neuem Recht nur noch auf Antrag möglich.

Meine Forschungsergebnisse zu kooperativen Scheidungsfamilien belegen, wie eng die elterliche Kooperation mit dem Angebot an Hilfe und Unterstützung verbunden ist, das Eltern während und nach der Scheidung zur Verfügung steht. Zugleich verdeutlichen sie, daß die meisten Scheidungsfamilien, die nicht über entsprechende private Ressourcen verfügen, auf ein erweitertes Angebot finanzieller und fachlicher Hilfen angewiesen sind, um als Eltern verantwortungsvoll handeln zu können und nicht in Armut und soziale Isolierung abgedrängt zu werden. Ich meine, daß mit dem Angebot einer professionellen Scheidungsbegleitung sehr viel mehr Eltern fähig und auch bereit sein würden, nach der Scheidung im Interesse ihrer Kinder zu kooperieren und die elterliche Sorge für das Kind gemeinsam wahrzunehmen. Ich möchte aber betonen, daß gemeinsame Elternverantwortung nicht schon dadurch gewährleistet ist, daß Eltern die gemeinsame elterliche Sorge für das Kind gerichtlich belassen wird. Vielmehr muß sie auf einer von beiden Eltern gemeinsam erarbeiteten Lösung beruhen, die meistens nur auf dem Beratungsweg zu erreichen ist und mit der sich Konflikte und Schwierigkeiten auch langfristig eigenverantwortlich regeln lassen.

Als gesellschaftliches Massenphänomen ist die Scheidung und sind vor allem Scheidungsfolgen heute kein privates Problem mehr. Niemand kann Eltern die Entscheidung darüber abnehmen, welche Familienform sie nach der Scheidung wählen. Aber zur Bewältigung der Scheidungsfolgen haben sie sehr wohl einen Anspruch auf fachlich kompetente Unterstützung und Beratung, die in einer schwierigen Umbruchszeit neue Perspektiven aufzeigen kann.

1) Die Ergebnisse dieser Studie sind dargestellt im Buch von Frau Dr. Napp-Peters: Familien nach der Scheidung, Kunstmann Verlag, München, ISBN-Nr. 3-88897-159-4

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