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Jugendamtsterror und Familienrechtsverbrechen
Staatsterror durch staatliche Eingriffe in das Familienleben
Verletzung von Menschenrechten, Kinderrechten, Bürgerrechten durch Entscheiden und Handeln staatlicher Behörden im familienrechtlichen Bereich, in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Familienhilfe unter anderem mit den Spezialgebieten Jugendamtsversagen und Jugendamtsterror
Fokus auf die innerdeutsche Situation, sowie auf Erfahrungen und Beobachtungen in Fällen internationaler Kindesentführung und grenzüberschreitender Sorgerechts- und Umgangsrechtskonflikten
Fokus auf andere Länder, andere Sitten, andere Situtationen
Fokus auf internationale Vergleiche bei Kompetenzen und Funktionalitäten von juristischen, sozialen und administrativen Behörden

"Spurensuche nach Jugendamtsterror und Familienrechtsverbrechen"
ist ein in assoziiertes Projekt zur
angewandten Feldforschung mit teilnehmender Beobachtung
"Systemkritik: Deutsche Justizverbrechen"
http://www.systemkritik.de/

 
Nazi-(Jugendamt)-Kindesraubkriterien: Wertvoll = Polnischverbot

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Gast
New PostErstellt: 20.01.09, 20:42  Betreff: Nazi-(Jugendamt)-Kindesraubkriterien: Wertvoll = Polnischverbot  drucken  Thema drucken  weiterempfehlen Antwort mit Zitat  

MARC HILLEL/CLARISSA HENRY (1975): LEBENSBORN E.V. IM NAMEN DER RASSE. Mit 49 Dokumentarfotos, WIEN/HAMBURG: ZSOLNAY VERLAG

ERSTER TEIL
Die Waisen der Schmach 7
1 Die Ermittlungen 9
2 "Rasse- und Siedlungshauptamt" 24
3 Der Dienst am Führer 39
4 Die Anfänge des Lebensborns 59
5 Der Alltag in den Lebensborn-Heimen
6 Die Finanzierung der Heime 88
7 Zuchtstätten oder Entbindungsheime? 113
8 Lebensborn 126
9 Die "süßen blonden Schwestern" 144
10 Die Tränen des Reichsführers-SS 156
11 Mit Schwert und Wiege 170
12 Mischlinge guter Rasse 139
ZWEITER TEIL
Die Waisen des Hasses 219
13 "Todesborn" 221
14 Raub 231
15 Wertvoll oder nicht wertvoll? 242
16 Die vergessenen Züge 264
17 Die nordischen Menschen von Lidice 280
DRITTER TEIL
Dreißig Jahre später 297
18 Der Zusammenbruch 299
19 Waisen des Hasses 309
20 Offene Wunden 336
Nachwort 347
Bibliographie 349

Wertvoll oder nicht wertvoll?

Man sollte es nicht für möglich halten, daß
diese Blonden und Blauäugigen Polnisch sprechen! [
(Hans Frank, Tagebuch, 30. Mai 1940)

Behörden begingen Kindesraub! Alle polnischen Kinder mußten sich ohne Ausnahme der vom RuSHA im gesamten Territorium durchgeführten Rasseuntersuchung stellen. Die für den Führerdienst und die Eindeutschung als tauglich erkannten Kinder mußten an einem bestimmten Tag von ihrer Mutter ins Stadtjugendamt gebracht werden, wo man sie sofort von ihr trennte und der Mutter ohne Umschweife zu verstehen gab, daß jeder Versuch, ihr Kind wiederzubekommen, zwecklos sei.
Tausende Kinder zwischen sechs Monaten und zwölf Jahren wurden auf diese Weise im SS-Gaukinderheim in Kalisz untergebracht, wo der Lebensborn seine Zentrale für Polen aufgezogen hatte. Hier blieben sie etwa sechs Wochen und wurden dann - mit falschen Papieren - entweder in Lebensborn-Heime nach Deutschland oder direkt in deutsche Familien, die auf der Adoptionswarteliste standen, gebracht. In Kalisz, nicht weit von Lodz, lief der erste Teil des Eindeutschungsprogramms ab: Änderung von Vor- und Familiennamen, Zuteilung neuer Geburtsdaten und Geburtsorte. Dieses Durchgangslager nahm bereits 1940 den Betrieb auf.
Ein Zeuge ist Sigismund Krajeski, geboren am 17. April 1933l in Posen. Er ist übrigens einer der wenigen, denen die Flucht aus einem Lebensborn-Heim gelungen ist, und zwar aus Gmunden in Österreich. Er berichtet:

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Am 20. Mai 1943 wurde ich gewaltsam meiner Familie entrissen und in das Lager bei Kalisz gebracht. Dort blieb ich vier Monate und mußte die Hitler-Doktrinen lernen. Dann kam ich mit vielen anderen Jungen nach Gmunden1, wo die Ernährung zufriedenstellend und das Leben erträglich waren.
Die Hölle begann an jenem Tag, als man uns verbot, Polnisch zu sprechen. Wir waren in Gruppen zu vierzig Jungen zwischen sechs und dreizehn Jahren in einem Saal untergebracht. Unser Tagesablauf sah folgendermaßen aus: um 6 Uhr Aufstehen, dann Gymnastik, anschließend Waschen und Bettenmachen und um 7 Uhr 30 Frühstück. Dann war Appell, und anschließend ging es an die Arbeit im Garten: Umgraben, Gießen und so weiter. Die Arbeit war schwer, und nicht selten kam es vor, daß einer vor Überanstrengung krank wurde. Für den kleinsten Fehler oder Ungehorsam wurden wir mit Schlagen oder Entzug des Mittagessens bestraft oder mußten eine Stunde länger arbeiten. Ich konnte mich nicht damit abfinden, meine Nationalität zu verleugnen, deshalb sprach ich weiterhin Polnisch. Dafür wurde ich oft an einen Pfahl, einen Pranger gebunden und geschlagen; aber da ich kräftig und widerstandsfähig war, habe ich's ausgehalten. Im Winter war es schon schlimmer, weil wir nach HJ-Manier leicht gekleidet waren. Oft kamen Deutsche ins Lager und suchten sich Jungen aus, die ihnen gefielen. Dem Kind wurde dann erzählt, seine Eltern seien ja tot, und nun bekomme es neue. Unsere Namen und Vornamen waren sowieso schon eingedeutscht worden. Ich erinnere mich noch genau an derartige Vorgänge, die sich während meines Aufenthalts dort abspielten. Wenn die Deutschen anfingen, mit mir zu reden und mir Bonbons anzubieten, wußte ich gleich, was los war, und antwortete polnisch. Natürlich war die anschließende Strafe schrecklich, aber sie war mir immer noch lieber, als mich mit Schmach zu besudeln und in eine Hitler-Familie zu gehen. Bei mir hatten sie keinen Erfolg. Schließlich gelang mir die Flucht, und so kam ich mit Unterstützung einiger guter Menschen wieder nach Hause zurück. Aber noch heute habe ich ein Blasenleiden, weil ich auf der Flucht so gefroren habe.
Sigismund Krajeski, dem die Flucht aus Gmunden gelang und der sich zu Fuß bis Posen durchschlug, ist leider ein Einzelfall. Die meisten Fluchtversuche blieben erfolglos und wurden mit schweren Körperstrafen geahndet.
1 Heim Oberweiß, geleitet von Kurt Heinze, der die Kinder persönlich in Polen abholte.

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Das Kind war ja in der gleichen Situation wie ein fliehender Kriegsgefangener; dazu kamen noch seine schwache körperliche Widerstandsfähigkeit, seine Angst vor den Polizeihunden und sein fehlender Orientierungssinn. So liefen einige junge Flüchtlinge ständig im Kreis um das Heim herum, versteckten sich bei Tag in den Bäumen und gingen nachts auf Nahrungssuche, bis sie zwei oder drei Tage später von der Patrouille im Schlaf überrascht und gefaßt wurden.
Der Lebensborn hatte wohl auch nicht zufällig das Kloster Kalisz ausgesucht: Seine mächtigen Einfriedungsmauern sollten nicht nur jede Flucht unmöglich machen, sondern auch jeden Versuch von Eltern abfangen, die hier vorstellig wurden, um ihr Kind zurückzuholen. Doch trotz des bewaffneten Postens vor dem Hauptportal und trotz der nachts den Park bewachenden Polizeihunde gelang einigen Kindern die Flucht. "Papa Stanislas" hatte ihnen geholfen.
Auf unserer Reise durch Polen suchten wir Stanislas Kul-czinski in Kalisz auf. Er erzählte:
Ich war so etwas wie ein Hausknecht im Kloster: Ich reparierte Fenster und Türen, schleppte Milchkanister und Gepäck; ich half beim Entladen der Nahrungsmitteltransporter und auch der Müllabfuhr. Die Kinder besuchten mich oft in meiner Schreinerwerkstatt; vor allem aber erinnere ich mich an Christina, ein kleines blondes Mädchen, das so abgrundtief traurig, so unglücklich aussah, weil ihm seine Familie fehlte. Wenn ich ihr nur ein paar Worte Polnisch zumurmelte, drängte sie sich an mich und war wie verzückt vor Freude. Heimlich steckte ich ihr auch Bonbons und selbstgemachtes Spielzeug zu, das sie unter ihre kleinen Freunde verteilte.
Eines Tages wurde ich auf der Straße von einer Frau aus Posen angesprochen. Mit Geduld, List und Mut war es ihr gelungen, die Spur ihres Kindes ausfindig zu machen, das die Deutschen ihr einige Monate vorher entrissen hatten. Es war die Mutter von Christina. Sie sagte mir, sie sei entschlossen, koste es, was es wolle, Christina aus den Händen der SS zu befreien. Ich riet ihr zu äußerster Vorsicht und bat sie abzuwarten, bis sich mir eine Gelegenheit bieten würde, die Kleine dort herauszuholen. Das war nicht einfach, denn die deutschen Erzieherinnen waren hart und kontrollierten jede Bewegung. Aber dann kam der Tag, wo die Deutschen einen Haufen

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Altpapier auf die öffentliche Müllkippe, außerhalb der Klostermauern, befördern wollten. Der Fahrer des Leiterwagens und ich versteckten die Kleine unter den Papierbergen. In der Nähe der Müllkippe wartete die Mutter, der ich Bescheid gegeben hatte. Sie nahm ihr Kind in Empfang und floh mit ihm zu einem Versteck in der Posener Gegend. Das war die erste Flucht aus Kalisz, der noch ein paar weitere folgten. Was aber nach 1943 geschah, weiß ich nicht, denn ich hatte selbst fliehen müssen, weil es dort zu brenzlig für mich wurde.
Stanislas zeigte uns die Kapelle am Eingang zum Park und erzählte:
In dieser Kapelle hielten die Deutschen jene Kinder eingesperrt, die sich der Eindeutschung widersetzten. Dort mußten sie stundenlang im Dunkeln knien, mit verschränkten Armen. Sie weinten und wurden sehr schnell ohnmächtig. Diese Strafen bekamen sie schon, wenn sie auch nur ein Wort Polnisch hatten verlauten lassen oder wenn sie von ihrer Familie erzählt hatten. Man schlug sie und entzog ihnen das Essen. Aber auch davon abgesehen: Traurig waren die Kinder immer. Sie lebten in ständiger Angst und hatten Sehnsucht nach ihrer Familie. Und ihre deutschen Aufseherinnen empfanden ihnen gegenüber nichts als Haß, denn sie waren ja "Polacken" und keine von den ihren.
Während meiner Zeit in Kalisz kamen Tausende Kinder. In jedem Transport waren siebzig bis achtzig Neulinge. Die gesunden Kinder blieben nicht lange, sie wurden recht bald nach Deutschland weiterbefördert. Bei uns im Kloster behielt man nur die Schwächsten. Es war ein ständiges Hin und Her. Ein paar Wochen lang erhielten sie die obligatorische Nazi-Erziehung. Da herrschte strengste Disziplin! Es gab sogar Tote unter den Kindern ...
In der Nähe des Klosters liegt ein Friedhof, auf dem vorwiegend "Opfer der nationalsozialistischen Barbarei" bestattet sind. Tadeusz Martyn, Mitglied der Polnischen Kommission zur Aufklärung von Hitler-Verbrechen, führt uns zu einem kleinen weißen Grab, das ganz mit Blumen besteckt ist. Er berichtet:
Der junge Zygmunt Swiatlowski wurde seinen Eltern in Posen entrissen und hierher, ins SS-Heim von Kalisz, gebracht. Er fühlte

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sich immer als Pole. Er wollte nicht eingedeutscht werden und weigerte sich, auch nur ein einziges Wort Deutsch zu sprechen. Vom Personal bekam er dafür oft Schläge. Eines Tages verweigerte er einem Deutschen den Hitlergruß und wurde daraufhin von der Leiterin des Heimes, Johanna Sander, auf der Stelle getötet.
Die Kinder, die in diesem Heim starben, wurden anonym beerdigt Aber der Deutsche, der Zygmunt beisetzte, verriet der polnischen Friedhofswärterin seinen Namen. Und so ist sein Grab das Symbol des Martyriums der polnischen Kinder von Kalisz1.
Eine große Anzahl von kleinen Mädchen, die in Posen Lodz oder anderswo der Vorladung eines SS-Bürokraten gefolgt und in Gewahrsam genommen worden waren, wurden auf Anordnung des für sie zuständigen Lebensborn e. V. an die Schule von Illenau in Achern (Baden) weitergeleitet. In dieser SS-Kaserne ist heute die französische Luftwaffe untergebracht. Oft hatten die Mädchen Vorrang vor den Jungen, was aus der verschiedensten Quellen ersichtlich wird. Sowohl aus den "germanischen" Provinzen als auch aus Rest-Polen, der Tschechoslowakei und aus Jugoslawien wurden mehr Mädchen als Jungen verschleppt. Einige der Opfer, die heute erwachsen sind und zu jenen 20 Prozent gehören, die nach dem Krieg ihre Heimat wiedersahen, konnten wir persönlich befragen. Auch mit den deutschen Familien nahmen wir Kontakt auf, denen vom Lebensborn eines dieser Mädchen "provisorisch" - und nicht etwa zur endgültigen Adoption - übergeben worden war. Hier nun die Aussage von Alycia Sosinska, geboren 1935 in L6dz, entführt im September 1942 und von Dr. Tesch in Alice Sosinger, geboren in Posen, "umgetauft":
Meine Mutter war der Vorladung auf das Stadtjugendamt in der Kopernikusstraße - wo sich heute das Waisenhaus befindet - ge-

1 Viele Kinder zwischen ein und vierzehn Jahren, die aus den verschiedensten Gegenden stammten und zur rassischen Überprüfung im Lager von Potulice bei Danzig zusammengefaßt waren, sind dort an der schlechten Behandlung gestorben. Etwa 5000 Opfer dieses Lagers ruhen in einem für sie reservierten Kinderfriedhof. (Warschauer Veröffentlichung aus dem Jahre 1965: Der Zweite Weltkrieg 1939 bis 1945.)

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folgt. Am gleichen Tag noch wurde ich von ihr getrennt und kurz darauf nach Kalisz gebracht. Am 30. Oktober kam ich mit einer Gruppe anderer polnischer Mädchen in die Heimschule Illenau.
Das Leben in dieser Kaserne war ein ständiger Alptraum. An der linken Hand und im Nacken hatte man uns ein Erkennungszeichen markiert (noch heute sieht man die weißen Narben). Wir hatten schreckliche Angst vor dieser Markierung, die in Wirklichkeit nicht schmerzhaft war. Eines Tages sagte man uns: "Ihr werdet zwei oder drei reinrassige Deutsche gebären und dann verschwinden ..."
Wir bekamen auch dauernd Spritzen. Heute glaube ich fast, daß es Hormonspritzen waren, damit wir schneller geschlechtsreif wurden. Diese Behandlung war für alle Mädchen gleich, für Polinnen, Tschechinnen, Ungarinnen und Rumäninnen.
Ab und zu mußten wir uns auf Befehl der SS versammeln und eine nochmalige Rasseuntersuchung über uns ergehen lassen, die von Mal zu Mal strenger war. Die Mädchen, die den Anforderungen nicht entsprachen, haben wir nie mehr wiedergesehen.
Auf unsere Frage, was denn mit jenen Mädchen geschah, die sich einer solchen Behandlung und der Eindeutschung widersetzten, antwortete Alycia: "Das gab es gar nicht. Dazu hatten wir viel zuviel Angst." Und sie fügte hinzu:
Nach dem Krieg wollte ich zuerst gar nicht nach Polen zurück; Schon der Gedanke, mich in einem Lager wie Kalisz oder Illenau wiederzufinden, machte mich krank... Und noch monatelang, wenn meine Mutter mich abends zudecken kam, sprang ich aus dem Bett und stand stramm. Ich mochte nicht weiter darüber sprechen.
Die kleine Alycia war für ein paar Monate lang einer Bauernfamilie in der Gegend anvertraut worden, deren Tochter uns berichtete, daß die Eltern das Kind gern adoptiert hätten: "Aber das war leider nicht möglich, weil vereinbart war, daß die SS das Kind mit fünfzehn oder sechzehn Jahren zur Zeugung von Nachwuchs wieder abholen würde."
Auch Frau Annemarie Zink, in deren Familie Danuta Wutzow aufgezogen wurde, bestätigt uns dies. Als Tochter eines Parteimitglieds und selbst Mitglied im BDM hatte sie alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit die Kleine, an der alle in der Familie hingen, adoptiert werden konnte. Aber vergeblich.

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Bei Übergabe des Kindes hatten die Leute vom Lebensborn erklärt: "Wir holen sie wieder ab, sobald sie achtzehn ist."
Wir fragen nach dem Grund und erhalten die Auskunft: "Es durfte nicht adoptiert werden, weil das Kind uns eventuell weggenommen werden sollte. Das war von der SS so geplant. Es sollte so erzogen werden ... rein deutsch... zum Fortpflanzen ... als reinrassiges Kind."
Ursula Nadolna aus Rogozno war elf Jahre alt, als sie auf dem Umweg über Kurt Heinze und Günther Tesch zu Ursula Nadler und zum Lebensborn-Heimkind im österreichischen Oberweiß wurde. Auch sie wurde von der österreichischen Familie, die sie als "Polenkind" aufgenommen hatte, nicht adoptiert. "Es hieß immer, ich sei schon zu groß, um adoptiert zu werden", erinnert sich Ursula, "und außerdem könnte ich ja bald selbst Kinder haben."
Auch andere Zeugen, sowohl auf Seiten der Opfer als auch der Adoptiveltern, erwähnen uns gegenüber die Pläne der SS hinsichtlich der im Osten geraubten und einzig und allein zur Zeugung von Nachwuchs aufgezogenen Mädchen.
Hiervon ist aber in keinem Dokument die Rede, und keiner der Verantwortlichen des Lebensborns hatte das zugeben wollen. Es wäre auch erstaunlich gewesen, denn die von uns zitierten Schilderungen lassen die Tragweite der in europäischem Rahmen angelegten Kindesentführungen in einem ganz neuen Licht erscheinen. Hier wird eines ganz deutlich: Die Kleinkinder, die über keine exakten Erinnerungen verfügen, stellten ein geradezu ideales "Germanisierungsmaterial" dar, aber das Schicksal der Älteren war doch mehr als ungewiß. Die Jungen, denen man gewaltsam die Hitlerdoktrin einimpfte, sollten, sofern sie das ideologische Examen bestanden, die Ränge der SS-Söldner füllen, die über die Sklavenvölker zu herrschen hatten.
Und die verfrüht geschlechtsreif gemachten Mädchen waren ausersehen, in die Dienste jener vielzitierten menschlichen Zuchtstätten zu treten, vielleicht eher noch als jene deutschen ledigen Mütter, die dem Führer eine Freude machen wollten.

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Denn was die Lebensborn-Leiter mit echten deutschen Mädchen vielleicht nicht gewagt hätten, war ja mit rassisch wertvollen Ausländerinnen eine Kleinigkeit: Man konnte sie behalten oder auch eliminieren, je nach Bedarf! Die Auslese dieser "Zuchtmütter" im Dienste des Tausendjährigen Reiches wäre in den Lebensborn-Heimen geradezu von selbst erfolgt. Je nachdem, wie das Ergebnis ausfiel, hätte die kleine Alycia aus L6dz, die so schnell gewachsen war, einmal, zweimal oder auch dreimal in einem Totenkopf-Heim entbinden dürfen. Sorgfältig ausgewählte "Zuchtbullen" hätten es übernommen, sie - aus persönlichem Vergnügen oder aus Pflichtbewußtsein gegenüber dem Vaterland - zu schwängern, und dann hätte es nur noch im Ermessen eines Dr. Ebner gestanden, Alycia eine Spritze zu geben, damit sie aufhörte, Kinder zu bekommen1. So wäre für immer jede Spur von ausländischer Blutzufuhr zum Zwecke der "Aufnordung" des künftigen Deutschland verwischt gewesen.
Jetzt wissen wir, wie die "Braunen Schwestern" und andere auf Physiognomien spezialisierte SS-Kommandos in den Straßen der polnischen Städte und Dörfer operierten. Zweihunderttausend Kinder - vielleicht aber auch mehr - gerieten bis Kriegsende in ihre Fänge2.
Befehl auf Befehl zur Einholung nordischen Blutes flatterte auf die Schreibtische der mit diesem SS-Werk "zum Wohle der Kinder" betrauten Spezialeinheiten. In den Jahren 1942, 1943 und 1944 wurden - trotz des militärischen Drucks der Russen - die meisten Kindesentführungen durchgeführt. Auf den Straßen, in den Schulen, in Kindergärten, im Elternhaus,

1 Wenige Wochen vor dem Zusammenbruch hat die SS die Akten der verschleppten Kinder zerstört, wie es ja auch mit denen der bewußt genehmigten Kinder geschehen war.
2 Die Polnische Kommission zur Aufklärung von Hitler-Verbrechen hat die genaue Zahl der entführten Kinder nicht feststellen können, da viele ihrer Kinder im Augenblick des Raubes zu "Waisen" wurden. Ihre Eltern wurden hingerichtet oder starben im KZ.

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ja sogar in öffentlichen Parkanlagen fielen die Kinder den täglich durchgeführten Razzien zum Opfer, denen niemand aus der Bevölkerung sich zu widersetzen wagte. Hier herrschte der Terror. An einem Tag leerte man die Waisenhäuser, am nächsten waren die Kinder deutscher Vater und polnischer Mütter an der Reihe (das Gegenteil traf selten zu), und wieder etwas später mußten Kinder für Partisanenangriffe zahlen: Wer einen schlechten Eindruck machte, wurde zur Zwangsarbeit oder nach Auschwitz verfrachtet; wer einen guten Eindruck hinterließ, wurde in Kalisz Frau Inge Viermetz vorgeführt, die mehrmals eigens dazu nach Polen reiste. Auch Ebner, der glatzköpfige Arzt, dem so viel Blondheit die Rede verschlug, war dort anzutreffen, und auch Kurt Heinze, der unermüdliche Leiter des Heimes Oberweiß, fuhr mehrmals zwischen Kalisz und Deutschland hin und her. Die von ihm begleiteten Kindertransporte wurden waggonweise in Richtung "Lebensborn" weitergeleitet, um an staatliche Schulen oder Adoptiveltern übergeben zu werden. Nicht selten wurde diese offizielle Verschleppung noch durch wildes Kidnapping ergänzt, so in jener Septembernacht des Jahres 1943 in Rogozno im Distrikt Posen, den die Deutschen Warthegau nannten.
Vor dem Krieg lebten hier durchschnittlich ein Drittel Deutsche, ein Drittel Polen und ein Drittel Juden. 1943 hatten die Juden Rogozno bereits verlassen ... Die Volksdeutschen mit der Nazi-Armbinde machen den für sie arbeitenden Polen das Leben schwer. Auch der Bürgermeister war ein solcher Volksdeutscher, weswegen er sich auch nicht lange bitten ließ, blonde und blauäugige Kinder, die das Rasseamt ausfindig gemacht hatte, vorzuladen. Einhundertfünfzig Kinder wurden untersucht; eine erste Sichtung ergab acht "wertvolle". Zu ihnen gehörten: Ursula (die 1945 in der russisch besetzten Zone aufgefunden und nach Hause zurückgebracht wurde), Kasimir (der ebenfalls auf russischen Lastwagen wieder nach Hause kam) und Eugenia, die niemals zurückkehrte und die wir in Flensburg wiederfanden, wo sie sich ein Leben als

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Deutsche aufgebaut hatte. Unter ihnen waren aber auch Leon und Aloyzj Twardecki, zwei Vettern, die in der gleichen Nacht entführt wurden, aber völlig unterschiedliche Schicksale hatten.
Leon und Aloyzj Twardecki, beide Söhne lediger Mütter, waren - wie alle Kinder des Dorfes Rogozno - vom RuSHA in Augenschein genommen worden. Den Müttern sagten die Deutschen, es handle sich um eine ärztliche Untersuchung "im Interesse der Kinder". Zwei Wochen vergingen. Und am 23. September, genau vierzehn Tage nach der ärztlichen Untersuchung, startete die SS ihre Operation, bei der einige Kinder ins Rathaus bestellt, andere mitten in der Nacht von drei SS-Männern in Begleitung des Bürgermeisters - der übrigens heute in Berlin lebt - aus dem Schlaf gerissen wurden. Leon und Aloyzj sind unter denen, die gewaltsam zum Bahnhof geschleppt werden. Es ist drei Uhr morgens. Seit dem Vorabend wartet hier ein in Richtung Posen startbereiter Zug. Von dort sollen die Kinder, gemeinsam mit anderen Gruppen, nach Kalisz verbracht werden.
Die SS-Leute haben ihre Polizeihunde dabei. Die Schwestern Twardecki folgen dem Trupp und versuchen immer wieder, ihre Kinder zu fassen zu kriegen.
Wir besuchten Aloyzjs Mutter in Rogozno:
Ich hatte einen einzigen Sohn. Am 23. September 1943 um drei Uhr l früh haben die Nazis ihn mir weggenommen. Ich war völlig verzweifelt. Mit Hunden waren sie gekommen und zerrten Aloyzj aus dem Bett, und dann haben sie ihn mitgenommen1.
Uns Müttern war verboten worden, ihnen zu folgen. Aber wir waren stur. Bis zum Bahnhof haben wir durchgehalten. Auf dem Weg dorthin hatte ich meinem Jungen noch zuflüstern können, er solle sich in den Büschen oder hinter einem Baum verstecken, aber der Junge weigerte sich und sagte: "Mama, sie werden uns doch bloß schlagen; ich fahr lieber mit. Und ich komme auch bestimmt wieder. Spielzeug kriegen wir dort sicher auch."

1 Eine andere Mutter in Rogozno hat ihr Kind am Balkon erhängt, um es nicht den Deutschen überlassen zu müssen.

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Leon, Aloyzjs Vetter, war elf Jahre alt. Obwohl er klein und schmächtig war, wurde auch er mitgenommen, weil er blonde Haare hatte. Die RuSHA-Beamten vermuten, daß die Väter dieser Kinder deutschstämmige Dorfburschen sind. Wie konnte es auch anders sein? Blondes Haar, helle Augen, hohe Stirn - ein nordischer Mensch!
Aber in Kalisz machten die Deutschen einen Fehler: Sie gaben den Vettern den gleichen Namen Hartmann, dem "hart" (poln. tward) war in ihrem polnischen Namen Twardecki enthalten. Dieser Irrtum führte den nach Rogozno rückgekehrten Leon auf die Spur seines damals vierjährigen Vetters Aloyzj, den man dann auch in Koblenz wiederfand, wo er in der Familie des Erznazi Theo Bindenberger lebte.
Leon erwies sich als nicht germanisierbar. Er war hartnäckig und trug seinen Namen zu Recht. Er fühlte sich als Pole bis in die Knochen, lehnte sich auf gegen die Nazidisziplin, die ihm in den HJ-Lagern aufgezwungen werden sollte, und fand allein, nach der Befreiung, den Weg in sein Heimatdorf wieder. Er spricht auch heute kein Wort Deutsch, aber die Erinnerung gen an Kalisz, Oberweiß und Heinze haben sich ihm fest eingeprägt:
Die Kinder, die ihr Affentheater nicht mitmachen wollten, erhielten fürchterliche Körperstrafen. Und wenn wir nur ein Wort Polnisch sprachen, wurden wir verprügelt, daß uns Hören und Sehen verging. Zur Strafe wurden wir auch manchmal in einer kleinen Kapelle eingesperrt, wo wir dann stundenlang auf den kalten Steine knien mußten und nichts zu essen bekamen.
Im HJ-Lager in der Nähe von Wien kamen zwei Polen auf zehn Deutsche oder Österreicher, die uns wie Aussätzige behandelten,
Mich hat keiner adoptiert. Dazu war ich zu groß und zu sehr Pole; mich hat gar keiner gewollt.
Auch bei der achtjährigen Eugenia Ewertowska, die vor Dr. Tesch in Irene Ewert umgetauft wurde, vermutete man einen Volksdeutschen Vater. Dieses unehelich geborene Kind aus Rogozno ist ebenfalls blond und sieht nordisch aus. Aber im Gegensatz zu Alycia oder Danuta, die nach Illenau kamen,

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wird sie gleich wie ein Kind deutschen Ursprungs behandelt und kann somit adoptiert werden. In jener Schreckensnacht läuft auch ihre Mutter weinend hinter dem Kindertroß her, der ins Großdeutsche Reich verbracht werden soll. Ab und zu versucht eine Mutter, ihr Kind hinter einen Baum zu ziehen, aber die auf den Mann dressierten Schäferhunde knurren, und so herrscht bald wieder Ordnung, bis der Trupp den Bahnhof erreicht. Unter den Schreien ihrer Mütter werden die Kinder gewaltsam verfrachtet und verschwinden bald hinter den geschlossenen Vorhängen des Waggons. Die Lokomotive raucht, der Bürgermeister hebt den Arm, und die SS mit ihren Hunden schickt sich zum Gehen an, als plötzlich an der Spitze des Konvois ein Ruf ertönt. Der Zugführer gestikuliert und zeigt auf die Schienen, wo in weniger als drei Meter Entfernung von der Maschine die Mütter sich auf die Gleise gelegt haben. Aber Hunde und Gewehrkolben haben die Störung bald beseitigt, und wenige Minuten später pfeift der Zug durch das schlafende polnische Land. Irene wird ihre Mutter nie mehr wiedersehen - will sie nie mehr wiedersehen1.
Auch Ursula Nadolna befand sich damals im Zug nach Kalisz. Aber noch heute weiß sie nicht, warum die SS sie nicht auch nachts zu Hause abholte wie Aloyzj, Leon oder Eugenia.
Zwei Wochen vorher hatten die Deutschen uns mit unseren Müttern ins Rathaus bestellt. Dort wurden die einen auf weiße, die anderen auf rote Karten eingetragen. An diesem Tag sind mindestens hundertfünfzig Kinder untersucht worden. Auf den roten Karten waren nur die Kinder registriert, die blaue Augen und blonde Haare hatten. Wir waren zu acht aus Rogozno, zwei Mädchen - die kleine Kugenia Ewertowska und ich - und sechs Jungen. Meine Mutter hatte mich also ins Rathaus begleitet, von wo wir Kinder nach Kalisz abtransportiert wurden. Angeblich wollten die Deutschen uns dort in einen Erholungsurlaub schicken. In Wirklichkeit war es ein Durchgangslager, wo die Kinder im Namen der deutschen Rasse gesammelt wurden.
1 Dieser Fall, auf den wir noch zurückkommen werden, wurde als Beispiel für "Kidnapping, Eindeutschung und Adoption" im Lebensborn-Prozeß zitiert.

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"Im Januar 1944, direkt nach Weihnachten, brachte man uns nach Oberweiß in Österreich", erinnert sich Jan Tloczynski, der damals elf Jahre alt war. Auch er und sein Bruder hatten zu dem von der SS in Rogozno ausgesuchten Grüppchen gehört.
Die Volksdeutschen in Polen, der Tschechoslowakei und in Jugoslawien waren meist hitlertreu. Daher beteiligten sie sich auch am Raub von Kindern jener Völker, unter denen sie seit Jahrhunderten lebten. Von heute auf morgen waren sie nun zu Herren geworden, die sich alles erlauben konnten. Wenn man weiß, wie sie sich dort aufgeführt haben - insbesondere in Polen -, dann versteht man auch, wieso sie nach dem Kriege aus diesen Ländern vertrieben worden sind.
In den vom Polnischen Roten Kreuz wiedergefundenen Akten scheint eine beträchtliche Anzahl dieser Volksdeutschen unter der Rubrik "Adoptiveltern" von ausgesuchten Kindern auf. Ihnen ging es natürlich besser als den Polen oder gar den Juden, die zu ihren Gunsten enteignet wurden; daher konnten sie dem Strom der Zeit folgen, sich eine kinderreiche Familie leisten und zu den eigenen noch gestohlene Kinder hinzunehmen. Für sie waren die vom RuSHA vorgeschriebenen rassischen Kriterien absolut verbindlich. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst, und so sind sie häufig gesehene Gäste in jenen Jugendämtern, wo die Kinder anderer Leute aussortiert werden. Als sie sich dann plötzlich auf der Seite der Besiegten wiederfanden, hatten sie die ihnen anvertrauten Kinder immer noch bei sich, wodurch neue Tragödien entstanden, von denen wir eine hier wiedergeben wollen:
Der am 5. April 1940 geborene Jan Chrzanowski wurde in Lodz zum erstenmal untersucht, als er kaum ein Jahr alt war. Gleichzeitig wurde seine Mutter in ein Arbeitslager ins Reich geschickt. Das Kind, dem man einige "nordische" Vorzüge nicht absprechen kann, wird im März 1942 nochmals begutachtet.
Der Chefarzt des Rasseamtes, Dr. Grohmann, verfaßt einer Bericht:

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... es handelt sich nach seinem Erscheinungsbild um einen harmonischen Mischtyp nordisch-ostbaltischer Prägung. Gegen seine Einweisung in deutsche Familienpflege bestehen keine rassischen Bedenken ... Frau Martz, wohnhaft hier, Ulrich-v.-Hutten-Straße 11, ist gewillt, den Minderjährigen in ihren Haushalt aufzunehmen ... Frau Martz bittet, ihr behilflich zu sein, jetzt schon den Namen des Kindes zu ändern. Es ist ihr nicht recht, den polnischen Namen des Kindes überall einzutragen ...
Litzmannstadt, 7. 5. 42 Adolf-Hitler-Straße 113
Siebzehn Jahre später wird Jan, der inzwischen längst Johann heißt und angeblich am 5. April 1940 in Gotha geboren worden ist, vom Polnischen Roten Kreuz wiedergefunden. Aber auch das war reiner Zufall.
Inzwischen war er eingedeutscht, nachdem er mit seiner Volksdeutschen-Familie als Heimatvertriebener nach Deutschland gekommen war. Nach Polen will er nicht mehr zurück, denn - seine Mutter hat er nie gekannt.
Sowohl die deutsche Besatzung als auch die Volksdeutschen im Osten machten wenig Aufhebens um die den Polen weggenommenen Kinder, was aus den Adoptionsanträgen deutlich hervorgeht. Da heißt es zum Beispiel: "Das Kind wurde seinem Vater" einem Pferdelenker, weggenommen, als dieser beim Versuch, ins Getto vorzudringen, verhaftet wurde." Dies geschah in Lodz, und die Familie, von der auf der ersten Seite der Akte die Rede ist, heißt Kleiber. Sie waren Volksdeutsche, diese Kleibers, und hatten keine Kinder. Daher ruhten sie nicht, bis dieses Kind ihnen endgültig zuerkannt wurde. Und da stößt man in der Akte plötzlich auf jenen schauerlichen Satz: "Die Auslagen für die Adoptionsakte betragen 37 Mark." Und dabei ging es doch um ein Kind! Und dieses Kind war seinem Vater entrissen worden, unter dem Vorwand, er habe sich durch den Versuch, ins Getto vorzudringen, schuldig gemacht.
Bei der Untersuchung des kleinen Ryszard Jaskulski kommt (lern Obermedizinalrat Dr. Grohmann eine geradezu geniale

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Erleuchtung. Er erkennt, daß "Rassendiagnosen bei Kleinkindern schwierig" sind. Seinem medizinischen Genie bleibt auch nicht verborgen, daß bei einem Kleinkind "viele Merkmale noch nicht ausdifferenziert sind und sich noch in einem mehr oder weniger untypischen Entwicklungszustand befinden". Trotz allem - da man ja davon ausgehen kann, die Wladyslawa Jaskulska habe mit dem Juden Abraham Cohn ein Verhältnis gehabt - kommt der Leiter der medizinischen Abteilung des Jugendamtes zu dem Schluß, daß der soeben dreißig Monate alte Ryszard ein "jüdischer Mischling 1. Grades ist". "R. J. ist für sein Alter sehr klein und wenig entwickelt. ... Jüdischer Bluteinschlag ist als wahrscheinlich anzusehen. Ich schlage die Einweisung des Kindes in das Getto vor." Von dieser Überweisung ins Getto verständigt das Jugendamt sofort die Gestapo. Und als letztes Blatt in der Akte finden wir einen halben Briefbogen, auf dem zu lesen ist:
Der Alteste der Juden in Litzmannstadt
Litzmannstadt-Getio, den 23. September 1941 Nr. 8289/br.41./D.
Bescheinigung Hiermit bescheinige ich, das Pflegekind
Ryszard Jaskulski, geh. am 7. 2. 1937
im Getto aufgenommen zu haben.
Ch. Rumkowski
Der Älteste der Juden
in Litzmannstadt
Zwei Tage später kritzelte die Gestapo auf ein Blatt Papier den Hinweis, daß der "Unterstützungsfall beendet ist", da "der Minderjährige Ryszard Jaskulski am 23. 9. 41 im Getto aufgenommen" wurde. Nach dem Kriege hat niemand mehr nach diesem Kind gefragt. Es wäre wohl auch vergeblich gewesen.
In den Nürnberger Prozessen, in denen die Ehemaligen de Lebensborn e. V. zur Rechenschaft gezogen wurden, versucht die "Zeugin" Maria Martha Heinze-Wisswede zu beweisen, daß der Lebensborn den Juden gegenüber positiv eingestellt

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war. An den Rest konnte sich die "blonde Schwester" nicht mehr so recht erinnern. Aber an das Judenkind, das in einem Heim aufgenommen worden war, erinnerte sie sich - wie an ihr eigenes Kind:
Der Vorsitzende: Ist Ihnen ein Fall bekannt, wo ein jüdisches Kind irrtümlich in ein Lebensborn-Heim aufgenommen wurde?
Zeugin: Ja, ich erinnere mich an einen Fall.
Der Vorsitzende: Erzählen Sie bitte.
Zeugin: Siegmund Raschke war etwa vierzehn Jahre alt. Er war in Oberweiß, noch zu meiner Zeit. Dann fanden wir eine Lehrstelle für ihn.
Der Vorsitzende: Und stand in seinen Papieren, daß er jüdischer Abstammung war?
Zeugin: Ja. Wir bekamen die Akten vom zuständigen Jugendamt, und da stand, daß Siegmund Raschke Jude war.
So hatten die Leute des Lebensborns also ihren Hausjuden1 gerettet! Dieser "Rassenirrtum" schien uns so unglaublich, daß wir uns auf die Suche nach Siegmund Raschke machten, aber weder Leon Twardecki noch Ursula Nadolna und andere, die lange in Oberweiß gewesen waren, konnten sich an einen Jungen dieses Namens mit nordischem Aussehen und jüdischem Blut erinnern. Außerdem schien ihnen allen das von der ehemaligen "blonden Schwester" angegebene Alter - vierzehn Jahre - unwahrscheinlich, da ihrer Meinung nach das älteste Heimkind keine dreizehn Jahre alt war.
Maria Martha Heinze-Wisswede, die wir in Neustadt am Rübenberge bei Hannover ausfindig machten, verweigerte uns jede Antwort und gab vor, niemals von Lebensborn-Heimen

1 Ebner vor den Nürnberger Richtern (nach dem englischen Original): Frage: Ihrer Aussage gemäß bezeichneten Begriffe wie "gutes Blut" und "biologisch wertvoll" die chemischen Bestandteile dieses Blutes. Hätten Sie dann auch jüdische Mütter in Ihre Heime aufgenommen?
Antwort: Das mag Sie erstaunen, aber das wäre möglich gewesen. Frage: "Gutes Blut" bedeutete also nicht nur deutsches, sondern auch jüdisches Blut?
Antwort: Ja, ja, jüdisches, japanisches, chinesisches,.. Ich erinnere mich noch an eine Japanerin, die in einem Lebensborn-Heim entbinden wollte und aufgenommen wurde. Unter den Juden haben wir nur keine Propaganda gemacht, deshalb hat sich keine jüdische Mutter an uns gewandt.

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gehört zu haben. Dabei hatte nur sie uns Aufschluß geben können über die Rettung eines Juden durch die nazistischste aller Organisationen Nazi-Deutschlands. Und ihr Gatte, Kurt Heinze, der vor den amerikanischen Richtern in Nürnberg 1948 noch ein fabelhaftes Gedächtnis bewiesen hatte und den von ihren Eltern gesuchten polnischen Kindern postum noch deutsche Vorfahren verlieh - war plötzlich auf Reisen.
Jan Wosczyk gehört zu jenen Polen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den folgenden Generationen ein getreues Bild vom Leiden ihrer Landsleute während der Kriegs- und Besatzungsjahre zu geben. Sein Bericht ist frei von Haßgefühlen und gibt nur die Tatsachen wieder, die Millionen Polen, zu denen auch er gehört und zu deren Sprecher er sich macht, durchlebt haben.
Seit 1945 zieht Jan Wosczyk durch Polen und zeigt in Schulen und Gymnasien ein abgegriffenes Album mit vergilbten Fotografien, damit die Kinder von heute begreifen, was für die Kinder von damals das Sklaven-Lager in Lodz bedeutete.
War er selbst als "wertvoll" oder "nicht wertvoll" eingestuft worden? Er war nicht wertvoll.
Es war am 2. Februar 1941. Damals fuhr ich von meinem Heimatdorf Porabka bei Sosnowiec nach Kluezborg, einem Dorf, das im gleichen Distrikt, in der Nähe von Katovice, lag. Nach einigen Kilometern hielt plötzlich der Zug, und Gestapo-Beamte sprangen auf. Mit Gewehrkolben trieben und prügelten sie uns hinaus, und wer nicht schnell genug war, wurde von den Hunden gejagt. Wenige Stunden später waren wir im Gefängnis von Lublin eingesperrt.
Am 27. September 1942 kam ich ins Lager Lodz, nachdem ich achtzehn Monate in verschiedenen Gefängnissen zugebracht hatte, Damals war ich zwölf Jahre alt, aber als man mich festnahm, hatte ich mich zwei Jahre jünger gemacht, weil ich hoffte, dadurch wieder freizukommen. Für die Aufnahme von Gefangenen war das Lager noch nicht vorbereitet; es wurde gerade erst organisiert. Ich erhielt die Nummer 127. Gleich nach unserer Ankunft mußten wir Erdarbeiten machen, das Barackengelände abstecken, Stacheldraht ziehen, elektrische Pfähle in den Boden mauern, Stromleitungen legen und Stellungen für die Maschinengewehre ausheben. Das Lager sollte

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für drei- bis viertausend Kinder Platz bieten. Nach einem Monat Aufenthalt im Lager mußte ich mich der Rassenkommission stellen. Nach abgeschlossener Untersuchung wurde ich als nicht-germanisierbar begutachtet. Mein Aussehen entsprach ihren Kriterien nicht.
Jeden Tag kamen neue Kindertransporte. Die als "wertvoll" Eingestuften wurden in einem eigenen Barackentrakt untergebracht. Ihnen erging es einigermaßen gut, vor allem im Vergleich zu uns anderen. Sie kamen von überall her. Da waren russische, tschechische, belgische, französische Kinder, ja sogar ein paar Schwarze1, viele Deutsche, auch ein paar Juden, vor allem aber eine große Anzahl von Polen. Der halbe Liter Suppe, das einzige, was wir pro Tag zu essen bekamen, enthielt irgendein undefinierbares chemisches Gift, das Magen- und Darmbrennen und Nierenleiden hervorrief. Wir waren richtig aufgequollen vor Unterernährung, und das wirkte sich auf die Nerven aus; dazu kamen ja auch noch Kälte, Schläge und die anstrengende Arbeit. Viele wurden geisteskrank. Kinder, die nachts ins Bett machten, wurden nach Block 8 verlegt. Er hatte keine Fenster. Man gab den Kindern Decken, die so dünn waren wie Spinnweben. Wenn dann nachts die Temperaturen auf minus 20 Grad sanken, erfroren sie. Wir mußten die auf ihren Pritschen festgefrorenen Kinder heraushacken, auf Karren verladen und zum jüdischen Friedhof bringen, der an das Lager grenzte. Dort warfen wir sie in ein Massengrab, übergössen sie mit Kalk und deckten sie mit Erde /.u. Manche waren noch nicht ganz tot. Wenn sie ohne Luftzufuhr zu ersticken begannen, dann bewegte sich die Erde über dem Grab wie ein Kornfeld im Wind. Waren die Kinder erstickt, dann hörten diese Bewegungen wieder auf, und die Erde wurde wieder ruhig. Täglich starben von den drei- oder viertausend Inhaftierten durchschnittlich einhundertzwanzig Kinder. Sie kamen durch Kälte, Schläge, Erhängen oder Erschießen um. Wir alle, die überlebt haben, wissen, daß sie die gesamte Skala möglicher Greueltaten durchgemacht haben.
Die Waisenhäuser waren geleert, den ledigen Müttern und polnischen Adoptiveltern hatte man die Kinder weggenommen, denn sie waren ja schließlich Arier, "nordisch und selbstverständlich germanisch" wie sie aussahen wahrhaft schöne
1 Dies waren Kinder deutscher Mütter und afrikanischer Väter. Sie waren im Rheinland geboren, das bis 1936 von der französischen Armee besetzt war. Die Regimenter stammten aus den französischen Kolonien, vor allem aus dem Senegal.

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Menschen! Jetzt mußte unter den polnischen "Banditen" ausgemerzt werden.
Bereits in den ersten Tagen der Besatzung stellte der Posener Arzt Witaszek ein auf feindliche Soldaten angesetztes "Vergiftungskommando" zusammen. Er war in Chemie versiert, und so mischte er mit seinen Helfern ein Gift, das erst langsam tödlich wirkte. Die Männer und Frauen seiner Gruppe schleusten heimlich in die Kantinen und Restaurants der Besatzungstruppe die kleinen todbringenden Fläschchen ein. Dank der Mithilfe der einheimischen Köche ging ein paar Monate lang alles nach Plan, bis zu dem Tag, als sie denunziert wurden.
Am 25. April 1942 wurde der Arzt wegen Widerstandstätigkeit festgenommen und am 8. Januar 1943 mit drei weiterer Kameraden in der Festung Posen enthauptet. Eine Woche später wurde seine Frau nach Auschwitz transportiert. Als Vergeltung nahm die SiPo ihre zwei vier- und sechsjährigen Mädchen mit, die über Kalisz ins Lebensborn-Heim bei Bad Polzin und dann zur Adoption weitergeleitet wurden: Eines kam zu einer deutschen Familie in Mecklenburg, das andere in eine österreichische Familie. Rassisch wertvolle Banditenkinder wurden also ebenso behandelt wie die anderen.
Frau Witaszek konnte Auschwitz lebend verlassen und fand nach unendlichen Schwierigkeiten ihre Töchter wieder, deren Spur sich dank des SS-Heimleiters Düker nach Bad Polzin verloren hatte.
Wir trafen Frau Witaszek in Poznan wieder, wo sie uns sagte:
Erst Jahre später erzählte mir meine jüngere Tochter, daß sie sich nachts im Bett immer wieder gefragt hatte, warum ich sie wohl in eine fremde Familie verschachert hatte. Ob ich vielleicht nicht gern; Geld gehabt hätte, um sie aufzuziehen, und sie deshalb an andere Leute abgegeben hatte? Diese kleinen Kinder konnten gar nicht begreifen, was mit ihnen geschah.
Vor einigen Jahren fand auf dem Wolnosci-Platz in Poznai eine Gedenkfeier zu Ehren des Dr. Witaszek und seiner Kame-

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raden statt, deren Häupter auf dem Heldenfriedhof bestattet wurden. Die Körper dieser vier Widerstandskämpfer hat man nie wiedergefunden. Aber die Köpfe waren in Jutesäcken an ein deutsches Forschungsinstitut geschickt worden, um das Gehirn eines polnischen Gelehrten untersuchen zu lassen. Und der für diese Forschungsarbeit zuständige Professor hatte die Kopfe in einem Glasbehälter konserviert, um an ihnen das Gehirn der polnischen Intelligenzija zu studieren.
Banditenkinder, willkürlich festgenommene Kinder, als rassisch wertvoll erkannte und auf Sonderbefehl hin ergriffene Kinder - die man dennoch in Lager sperrte -, auf Beutezügen unter dem Decknamen "Heu" oder "Zigeunerbaron" zusammengetriebene Kinder - die Liste ist lang, und ihr Schicksal ist schwer zu beschreiben. Eltern setzten alles daran, um Kinder wiederzufinden, die nichts von ihnen wissen, die niemals das Ausmaß des durch ihr Verschwinden geschaffenen Leids erfahren werden. In einigen polnischen Dörfern sind Niedergeschlagenheit und Trauer noch heute derartig spürbar, daß man sich fragt, wie so etwas nach dreißig Jahren noch möglich ist. Aber auf den Raub der Kinder, auf die Toten, die Verhaftungen, die Internierungslager folgten ja Qualen anderer Art: körperliche, hervorgerufen durch Krankheit, und seelische, deren Ursache Erinnerungen und Sehnsucht sind.
Sonia Gruska ist zweiundzwanzig Jahre alt, als sie bei einer großangelegten Säuberungsaktion in Lwow der Gestapo in die Hände fällt. Sie wird nach Deutschland deportiert und mit einer Gruppe anderer junger Polinnen zur Zwangsarbeit bei einem reichen württembergischen Bauern abgestellt. Der Zufall will es, daß ihr Mann, der als polnischer Soldat in Kriegsgefangenschaft geraten war, ebenfalls auf diesem Bauernhof arbeitet. Den beiden jungen Leuten gelingt es, der Aufmerksamkeit des Bauern zu entwischen und sich ab und zu nachts im Weingarten zu treffen. Aber eines Tages, im Anschluß an eine Auseinandersetzung mit ihrem deutschen Herrn, werden sie getrennt: Er kommt nach Dachau, sie nach Ravensbrück.

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Als ich im Lager ankam, war ich im fünften Monat schwanger. Viele Frauen brachten ihr Kind im Lager zur Welt, aber ich hatte gehört, daß nur die blonden Kinder überleben durften. Die anderen wurden entweder vor den Augen der Mutter ertränkt oder gleich auf den Abfallhaufen geworfen. Ich betete inständig, daß mein Kind blaue Augen und blonde Haare haben möge. Das trat dann auch ein: Meine Tochter Lucyna durfte überleben. Fast einen Monat lang durfte ich sie bei mir behalten. Aber die Vorarbeiterin, die beim Bauern die Aufsicht über uns geführt hatte, war bereits bei den zuständigen Instanzen vorstellig geworden, um mir das Kind wegzunehmen. So erschien dann auch eines Morgens die SS und verschwand mit meiner Tochter1.
Nach der Befreiung wollte die Deutsche sie mir nicht zurückgeben. Aber die polnisch sprechenden amerikanischen Soldaten haben mir geholfen.
Auf Lucynas polnischem Personalausweis steht: geboren in Buchenwald2. "Jahrelang", erzählt uns die junge Frau, "war ich überzeugt, daß ich anders sein mußte als meine Freundinnen, weil ich in einem Lager geboren worden war. Von uns haben ja nur so wenige überlebt. Ich schämte mich deswegen und wollte meinen Personalausweis nie vorzeigen."
Die Halbwaise Lucyna Gruska, deren Vater in Dachau umkam, hatte überleben dürfen, weil sie als vier Wochen altes Baby auf die Rassespezialisten "einen guten Eindruck" gemacht hatte. Deswegen blieb ihr der Abfallhaufen erspart.
Ob sie wohl eingedeutscht worden wäre? Und ob man auch ihr später an Hand und Nacken das Erkennungszeichen markiert hätte, um sie in den Dienst des Großdeutschen Reichs

1 Bis zum Tag unseres Gesprächs hatte sich Frau Gruska stets geweigert, von ihrer KZ-Zeit zu sprechen, selbst ihrer Tochter gegenüber. Nun tat sie es doch, "denn die Französinnen in Ravensbrück waren gut zu ihr und allen anderen Häftlingen" gewesen. Dieses Gefühl der Dankbarkeit den deportierten französischen Frauen gegenüber kam während unserer Polenreise ständig wieder zum Ausdruck.
2 In Wirklichkeit handelt es sich um das Frauenlager Ravensbrück, da Buchenwald den Männern vorbehalten war. Der Irrtum erklärt sich vermutlich aus der Tatsache, daß beide Lager der gleichen SS-Verwaltung unterstellt waren.

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zu übernehmen? Wie viele in Konzentrations-, Arbeits- und Sklavenlagern geborene Babys sind umgekommen, nur weil ihre kaum geöffneten Augen nicht die gewünschte Farbe hatten? Das Polnische Rote Kreuz schätzt ihre Zahl auf mehr als vierzigtausend, zu denen man aber eine unkalkulierbare Zahl von Ungeborenen hinzuzählen muß, die im Namen der "Reinheit germanischen Blutes" unbarmherzig abgetrieben wurden.
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Gast
New PostErstellt: 15.05.10, 23:48  Betreff: Re: Nazi-(Jugendamt)-Kindesraubkriterien: Wertvoll = Polnischverbot  drucken  weiterempfehlen Antwort mit Zitat  

Petitionsgegenstand: INTERNATIONALER KINDESRAUB 1939-1945 IN POLEN UND ZWANGSGERMANISIERUNG
http://www.systemkritik.de/bmuhl/forschung/politik/brd/bundestag/3_16_05_008_059396.html
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