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molosovsky
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Beiträge: 230


New PostErstellt: 12.08.05, 21:08     Betreff: Re: Mittelerde trifft auf Mittelengland

Hallo.

Diesen Artikel habe ich für »MAGIRA 2003 – Jahrbuch für Fantasy« übersetzt, und ich denke es ist okey, wenn ich die Übersetzung nun hier zugänglich mach. Immerhin ist das MAGIRA 2003 mittlerweile ausverkauft.

Zu dem Text hab ich auch'n Skribbel gemacht, mit »Tolkien als Bilbo«

Soweit mein Service:
Grüße
Alex / molosovsky

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MITTELERDE TRIFFT AUF MITTELENGLAND
Eine sozialistische Tolkienbetrachtung.

Phantastikschriftsteller China Miéville wirft einen Blick auf die Ideen und Werke von J. R. R. Tolkien, den Autor von »Der Herr der Ringe«.

Ein Englischprofessor in Oxford veröffentlicht in den Jahren 1954 und 1955, in drei leinengebundenen Büchern, eine lange ausufernde Märchengeschichte, und nicht viel geschah. Es war das 1905 der phantastischen Literatur—eine Kostümprobe für die Revolution. {Köstumprobe nannte Trotzkie die russischen Aufstände 1905, bekannt durch Eisensteins Film Panzerkreuzer Potjemkin. - A.d.Ü.}

Diese Revolution fand ernsthaft zehn Jahre später statt, als das Buch »Der Herr der Ringe« als billige Taschenbuchraubdrucke in den USA erschien, bald gefolgt von autorisierten Ausgaben. Und sie verkauften sich. Eine Generation von Studenten, Hippies und Kiffern fand verborgene Bedeutungen in Legenden von Macht, Weisheit, Magie und Geheimlehren. Sie gestalteten den Texte um, und machten aus einer drollig-ominösen Fünfzigerjahrefabel einen Schlüsseltext der Gegenkultur der Sechzigerjahre, zum verwunderten Schrecken des onkelhaften Professor Tolkien.

John Ronald Reuel Tolkien gehörte in die feine Luft von Oxbridge, wo er geisteswissenschaftliche Arbeiten schrieb, seine Pfeife rauchte und seine imaginäre Welt Mittelerde errichtete. Es ist schwer sich jemanden vorzustellen, der unter seinen Lesern noch weniger zuhause war als Tolkien, die er immerhin als ›zottelige Irre‹ bezeichnete.

Der Einfluß von »Der Herr der Ringe« auf die moderne Literatur und Kultur war gewaltig und ist umstritten. Seine Bildschöpfungen sind überall, sie werden ständig gestohlen und ausgeschlachtet. Als es aber vor kurzem eine Umfrage zum »Buch des Jahrhunderts« anführte, waren viele Intellektuelle entsetzt, daß man ein so »kindisches« Werk der Phantastik dermaßen ehrte. Die inkohärente Kritik des Literaturbetriebes vereint eine hochnäsige Abneigung für populäre Kultur mit einem unzeitgemäßen Spießbürgertum. Sie betrachtet das Phantastische als krankhaft, unter-literarisch, anstatt als eine Art des Ausdrucks unter vielen. Uns allen, die bei diesen grellen Regalen schmollen, wurde gesagt, daß wir diesem Zeug schon entwachsen würden, oder wir wurden gefragt, wann wir anfangen würden, richtige Bücher zu lesen. Und es gibt die linke Variante dieser Ablehnung, dem marxistischem Kritiker Lukás folgend, der Phantastik als dekadent und sozial »verantwortungslos« einstuft.

Wenn wir aber als radikale Kritiker sowohl der angesehenen Bürgerschicht als auch des stalinistischen Agitprop, die Science-Fiction und Phantastik verteidigen wollen, sollen wir uns dann deshalb gleich unter dem Banner »Sozialisten für Tolkien« sammeln? Kaum.


Politik und Ästhetik
Tolkien war kein Parteigänger. Er war ein hingebungsvoller Katholik, der unablässig über die moderne Welt klagte—nicht über den Kapitalismus, nicht über die Ausbeutung, sondern über die Moderne selbst, in der den Triumph einer »finsteren Maschine« sah. Seine Reaktion war durch und durch rückwärtsgewandt, gegründet auf eine ländliche Idylle die es (so) nie gab—Feudlismus light. Als Sozialisten beurteilen wir Kunst nicht nach der Politik ihrer Urheber—Trotzky mochte {Louis Ferdinand} Céline, Marx liebte Balzac, und keiner dieser Autoren war ein richtiger Linker. Wie auch immer: Wenn die Überschneidung von Politik und Ästhetik nun einmal die Kunst hemmt, dann ist es nicht übertrieben die politische Karte auszuspielen.

Zusammen mit C. S. Lewis, dem Autor der Narnia-Bücher, war Tolkien einer der »Inklings« {etwa. Tintlinge—A.d.Ü.}, einer Gruppe von christlichen Autoren, die sich zu Gesprächsrunden über Religion, Geschichte und Phantastik trafen. Ihr Werk ist unmöglich verallgemeinernd zu besprechen. In der einen Ecke war Lewis selbst, dessen Ausprägung eines rugbiespielenden frauenverachtenem Anglikanismus er mit seinem ständigen Feixen über den Köpfen seiner Figuren—besonders der weiblichen—zeigt. Er bezieht den Leser in so etwas wie Schulhoferpressungen ein. Ihm gegenüber stand jemand wie Charles Williams, dessen okkultistische Christlichkeit seinem Schaffen große Mystik und Kraft verleiht. Seine Werke sind verworren, aber tief beeindruckend und berührend. Tolkien steht Lewis viel näher als Williams, wenn auch deutlich weniger höhnisch und unangenehm.

Gewollt bemühte er sich um einen altertümlichen und »epischen« Klang. Wie dumme Hunde tauchen ständig Klischees auf. »Sprudelnd« kommt Gelächter hervor, Bäche »murmeln« und Schwerter versäumen es nie »aufzublitzen«. Die Dialoge klingen etwas lächerlich, wie Operntexte ohne Musik. Selbst vor 50 Jahren war diese aufgesetzt wagnerianische Aufgeblasenheit geschraubt und plump. »Verblendet kam er mir vor«, sagt JRR - selten in Mittelerlde der Satzbau ist, welcher es umgekehrt nicht ist.

Die sprachlichen Klischees passen zu den thematischen. Die Geschichten sind mehr von moralischer, abstrakter Logik strukturiert, denn gut durchdacht und organisch. Tolkien schrieb den Keimtext der Fantasy, in der Moral etwas Absolutes ist und politische Komplexität sich angenehmerweise zerstreuet. Schlachten sind ruhmreich und der Tod ist edel. Die Guten sehen ebenso aus, und die Bösen sind häßlich. Elfen sind natürliche Aristoraten, Hobbits das Salz der Erde, und in einer Märchenlandversion vom genetischen Determinismus sind Orks von Geburt an Scheiße. Es ist eine konservative Hymne auf Ordnung und Vernunft, auf den Status Quo.

Das »Auenland« der Hobbits entspricht den Grafschaften um London, voll pflugschiebender Bauern und fröhlichen Kunsthandwerkern. Obwohl er das ländliche Kleinbürgertum idealisiert, behandelt Tolkien es mit ungeheuerlicher Gönnerhaftigkeit. Tolkiens Sprachrohr Gandalf beschreibt die Hobbits als »bezaubernd«, »absurd«, »fröhlich« und »dumm«, was erschreckend ist, denn es ist ein Hobbit zu dem er das spricht. »Es wäre ein trauriger Verlust«, sagt er, »wenn die Dunkle Macht das Auenland beansprucht«—übertragen gelesen, wenn die ländlichen Arbeiter industrialisiert würden. Weil der gute Professor sie so mag, mit ihren Handmühlen und ihren lustigen kleinen ländlichen Eigenarten. Nicht, daß er selber gerne einer von ihnen wäre—lieber Gott, nein. Er hat einen Dr. phil., wußten Sie das nicht?

»Der Herr der Ringe« ist mit weitem Abstand das einflußreichste Phantastikbuch aller Zeiten, das eine ganz eigene Untergattung erschuf, die der (»hohen«) Fantasy, »Schwert und Magie«-Epen von drachentötenden Kriegern und wunderschönen Maiden. Vieles davon ist schlecht, manches ist jedoch sehr gut. Obwohl vieles vom Erfolg des Buches damit zu tun hat, daß es genau zur richtigen Zeit erschienen ist, wäre es knauserig zu behaupten, daß es nichts Bewundertswertes an dem Buch gibt. Die ständig vorhandene melancholische Stimmung ist verführerisch. Es gibt hervorragende, einzigartig furchterrende Ungeheuer, und längere Abschnitte von großer Eindringlichkeit.

Aber der bei weitem größter Beitrag Tolkiens, und das Herz des eigentlichen Umbruches den er in der Literatur bewirkte, war allerdings seine Errichtung einer planvollen Sekundärwelt. In der Phantastik hat es zuvor schon viele erfundene Welten gegeben, aber diese waren vage und aus dem Stehgreif ersonnen, um den Erfordernissen der Geschichte zu dienen. Tolkien kehrt das um. Er begann mit der Welt, entwickelte sie obsessiv, legte Geschichtsverläufe, Geographie und Mythologie fest, bevor er die Geschichten schrieb. Er brachte ein außerordentlich ernsthaftes Element in diese Gattung ein.

Solche Vorhaben werden von Kritikern der Phantastik oft bekrittelt. Wie auch immer, ermöglicht es eine einzigartige und (zumindest möglicherweise) einzigartig einbindende Leseerfahrung. Ihre Zweifel vernachlässigend, können Leser diese Welten bewohnen und an dem andauernden Vorgang ihrer Erschaffung teilhaben. Dafür sind wir Tolkien zu tiefem Dank verpflichtet. Für alle an der Phantastik Interessierten, wie kritisch sie ihm auch gegenüberstehen, ist Tolkien der große ödiplae Papa.

Letztendlich aber ist es nicht die Größe, die Form oder Ernsthaftigkeit einer Sekundärwelt am bedeutensten—was man damit macht, zählt. Tolkien bestand darauf, daß der Zweck seiner Phantastik »Trost zu spenden« sei. Mit anderen Worten, wird es zum entscheidenden Prinzip, daß seine Literatur den Leser verhätschelt. Tolkien und seine Bewunderer (viele davon Linke) verliehen seinem Eskapismus einen emanzipatorischen Glanz, indem sie behaupten, daß Gefängniswärter Eskapismus hassen. Genau das ist unwahr, wie der großartige Anarchisten-Phantast Michael Moorcock feststellt. Gefängniswärter lieben Eskapismus. Was sie hassen, ist die Flucht.

Tolkien ist naiv, wenn er glaubt, er könne irgendetwas entkommen. Er schuf eine Form voller Möglichkeiten, reif für Experimente, nutzte sie aber lediglich um nostaligische, abgedroschene Tagträume anzubieten. Die Mythen einer idyllischen Vergangenheit richten sich nicht gegen den Kapitalismus, festigen ihn aber. Machen Sie sich Sorgen wegen des Zustands der Welt? Schließen Sie die Augen und denken Sie an Mittelerde.


Fantasyverrückte tischen unseren verdienten Nachtisch auf
Was passiert, wenn ein neuseeländischer Film- und Fantasyspinner auf Tolkiens gewichtiges Epos trifft? Etwas sehr feines. Am bekannsten ist Regisseur Peter Jackson für seinen 1994 gedrehten Film »Heavently Creatures«, eine verstöhrende wahre Mordgeschichte. Seinen Platz in der Geschichte verdient er sich aber als Macher der besten Sorte Schund, wie dem weltbestem Slapstick-Zombie-Komödien-Horrorfilm »Brain Dead«. Die Tatsache, daß jemand so fern der Hollywood-Blockbuster-Kreise die Gelegenheit erhielt, den »Herr der Ringe« zu verfilmen, ließ Augenbrauen und Erwartungen steigen.

Tolkinianer werden Jacksons Änderungen am heiligen Text mit Empörung vergelten. Diese Umgestaltungen sind tatsächlich fast immer—wispert es—Verbesserungen. So fleischt Jackson die zigarettenpapierdünnen Frauen aus, macht aus ihnen wirkliche Charaktere. Er erbarmt sich unser und schneidet alle Träller-Lieder raus, und die zahnschmerzverursachend schlechte Figur Tom Bombadil, einen aufgesetzten Folk-Naturgeist, dessen Selbstgespräche wie das Gebabbel eines Dorftrottels klingen. So weit: Mehr Macht für Jacksons Scheren.

Aber nicht all seine Eingriffe sind so gelungen. Er verleiht dem Film ein eigenartiges Tempo, indem er mit einer intensiven und rasenden Vorgeschichte beginnt. Visuell zwar beeindruckend, läßt uns dieser Abschnitt mit einem Höllentempo in die Handlung starten und nicht langsamer werden. Das Buch ist dagagen von einem Sinn für sich zusammenbrauendes Unheil geprägt, daß verlohren zu haben eine Schande für den Film ist. Allerdings ist das auch Ausdruck einer ehrenwerten Eigenart von Jackson. Uns diesen Hintergrund zu liefern, ist ihm aus Gründen der Ernsthaftigkeit mit der er den Stoff angeht wichtig.

Die Besprechung des »Guardian« schafft es diesen Punkt völlig zu übersehen, indem sie sich über den »Glaubensvorschuß« beschwert, der notwendig ist, um in die Welt des Filmes einzutauchen und spöttelt über die »nichtssagenden« Sätze der Darsteller über Orks und Elfen. Das genau ist die Stärke des Filmes. Die Darsteller sagen keine hohlen Sätze auf, sondern schauspielern, versetzten sich in Tolkiens Welt. Jackson bewegt sich bewundertswert abseits der Pfade des Hollywood-Massengeschmacks, in der Regisseure dem Publikum ermüdent oft zuzwinkern und es anstubst, indem sie Gefühle mit erdrückender »Referentialität« und Kennerwitzelein unterschneiden. Das ist postmoderne Heuchelei, und Jackson lehnt sie ab. Stattdessen nimmt er sich sehr leidenschaftlich sogar etwas so Unvollkommenem wie Tolkiens Werk an, und gibt sich ihm ganz hin. Der Film ist reich an dieser Art von Aufrichtigkeit.

Natürlich gibt es auch Schwierigkeiten. Elijah Wood (Frodo) verfügt nicht ganz über die für seine Rolle notwendige Ausstrahlung, und seine Hobbittgefährten Dominic Monaghan (Merry) und Billy Boyd (Pippin) wurden in eine störende Komödiennummer verwandelt. Cate Blanchett spielt die Elfin Galadriel wie eine kosmische Pinzessin Diana, eine triefend heikle Mischung aus Geheimnis und Göttin. Und die Überlandreisen, obwohl eine überzeugende Werbung des neuseeländischen Touristikbüros, ziehen sich fast genauso hin wie im Buch.

Trotz alldem schafft es der Film mühelos über seine drei Stunden zu fesseln. Die Schauspielerei ist größtenteils gut, manches, vor allem das Spiel von Ian McKellen (Gandalf) und Sean Bean (Boromir), sogar exzellent. Die einzelnen Abschnitte und Spezialeffekte sind hervorragend, wiederum wegen Jacksons ungewöhnlicher Herangehensweise. Computer sind nur ein Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst, und sie werden unmodisch sparsam eingesetzt, führen so zu viel besserem Ergebnis. Am Anschaulichsten ist das am Kampf in den Minen von Moria zu sehen, einem überragenden Abschnitt.

Es ist ein richtiger Film. Und nachdem jahrelang Fantasy-Filme kaum mehr als ein Witz, Gimmicks oder Futter für das Nachtprogramm auf CHANNEL 5 (erinnert sich an irgendwer an »Beastmaster«?) waren, sah ich »Der Herr der Ringe« mit soetwas wie Dankbarkeit—einem Gefühl, daß wir endlich bekommen, was wir verdient haben. Der Film ist eine leidenschaftliche Liebesbeziehung zwischen Jackson und dem Buch. Und wie alle echten Liebesgeschichten, ist es wahrhaft bewegend zuzuschauen, selbst wenn man einen der beiden Liebenden nicht besonders schätzt.


[editiert: 13.08.05, 09:14 von molosovsky]
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