Sie sind nicht eingeloggt.
LoginLogin Kostenlos anmeldenKostenlos anmelden
BeiträgeBeiträge SucheSuche HilfeHilfe StatStatistik
VotesUmfragen FilesDateien CalendarKalender
Freies Politikforum für Demokraten und Anarchisten

PLATTFORM FÜR LINKE GEGENÖFFENTLICHKEITEN

Beiträge können nicht (mehr) eingestellt oder kommentiert werden!

 

Anfang   zurück   weiter   Ende
Autor Beitrag
bjk

Beiträge: 7353


New PostErstellt: 10.03.04, 13:50     Betreff:  Re: Wer zweifelt heute noch an diesen Worten Michael Bakunins ?

Liebe Baba,
lieber Udo Teichmann,

Euer heutiger „Notenwechsel“ hat mich gleich mehrfach inspiriert, mich wenigstens kurzzeitig von den Alltagszwängen loszureißen und insbesondere auf Udos Interpretationen in Bezug auf Anarchie und Demokratie sowie Volk/Menschheit und Individuum und seine zwei „Knackpunkte“ einzugehen als da sind:

1. Sind die Menschen zu Anarchismus fähig? (Teichmann)

Erstens, warum sollten sie das nicht sein? Es spricht aus meiner Sicht genauso viel dafür wie dagegen. Und zweitens muß zuvor doch wohl der Begriff „Anarchismus“ erst einmal zweifelsfrei geklärt und allgemein verbindlich definiert werden. Denn schon Baba und Udo haben grundlegende unterschiedliche Betrachtungsweisen in diesem Zusammenhang, nämlich Baba steht für Pro und Udo offensichtlich für Contra. Welche teils primitiven Vorurteile Udos negative Darstellung der Anarchie kürzlich im sinnlosen Nebenforum sogleich bedient hat, zeigt nicht nur die oft tumbe Borniertheit der dortigen Klientel auf sondern sind geradezu ein wenn auch unfreiwilliger Beweis für Bakunins so augenzwinkernd-bissigen Worte: „Weil im deutschen Blut, im deutschen Instinkt, in der deutschen Tradition eine Leidenschaft für staatliche Ordnung und staatliche Disziplin liegt [ ... ] während jeder Deutsche den Knüppel küßt, freiwillig und aus Überzeugung. Seine Freiheit besteht gerade darin, daß er gedrillt ist und sich gern vor jeglicher Obrigkeit verbeugt.“

Und, lieber Udo, ist Bakunins Warnung an seine geliebten Slawen: „[ ... ] weil ein Staat – und möge er sich zehnmal Volksstaat nennen und mit den demokratischsten Formen zieren – für das Proletariat notwendigerweise zum Gefängnis wird. [ ... ]womit wir nicht die Arbeiter in der Partei, sondern die Organisation der Partei und hauptsächlich ihre immer und überall bourgeoise Führung meinen [ ... ] Keineswegs darf die deutsche sozialdemokratische Partei (damals unter Marx, Engels und Bebel, nicht zu verwechseln mit der heutigen SPD, die erst 1869 von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründet wurde, Anm. bjk) mit der Internationale verwechselt werden.“ nicht auch heute noch, diesmal für uns Bundesbürger, hochaktuell, wenn man statt Bebel, dem honorigen Urvater der SPD, unseren Wortbruch-Kanzler Schröder einsetzt? Doch darüber an anderer Stelle mehr.

2. Führt Anarchismus (in der realen Welt) zwangsläufig zu „Propaganda durch die Tat“, zur amoralischen Gewaltfreiheit des Revolutionärs, zu Terror und Kriminalität, und damit zu flächendeckender Diskreditierung der ursprünglichen anarchistischen Utopie? (Teichmann)

Hmm, warum sollte Anarchismus „zwangsläufig“ in die bürgererschreckende Amoralität führen und warum soll die ursprüngliche anarchistische Idee, der auch Sie ja durchaus Positives abgewinnen, nur hehre Utopie sein, während die von Ihnen, lieber Udo, sagen wir mal, so eigenwillig unbeirrt hochgepriesene Demokratie immer der Seligkeit nahekommt, folgte man Ihrer Demokratie-Eloge?

Wie ich in meiner Antwort vom 5.3. 15:50 Uhr schon erwähnte, respektiere ich Ihren unbedingten Glauben an das Gute in der Demokratie durchaus, wenn sich mir auch die Logik im Zusammenhang mit Ihrer Definition der „Volksmassen“ als „Gewohnheitstiere, dumm, egoistisch, verantwortungsfaul, risikoscheu, korrumpierbar“ nicht so recht erschließen will. Wie dem auch sei, den empirischen Beweis für Ihren hingebungsvollen Glauben an die Demokratie schulden Sie noch immer. Er wird auch schwer bis überhaupt nicht zu erbringen sein, denn „amoralische Gewaltfreiheit ... Terror und Kriminalität“, welche Sie dem „Anarchismus der realen Welt“ fast gebetsmühlenhaft zuordnen, sind bis dato in allen demokratischen Staatsformen leider an der schlimmen Tagesordnung - - - und zwar ohne daß die von Ihnen idealisierten Ordnungsmechanismen dies verhinderten!

Wie sonst kam es gerade durch demokratischen Staaten bis in die Neuzeit zu Kolonialisierungen in der Dritten Welt mit all ihren Kriegsgreueln und sonstigen humanen Grausamkeiten? Wieviele schreckliche völkerrechtswidrige Angriffskriege haben gerade vermeintlich vorbildliche Demokratien unter hohem Blutzoll bis dato geführt im Nahen und Mittleren Osten (Israel, Irak), im Balkan (Jugoslawien), in Nordafrika (Marokko), in Afrika überhaupt wie auch in Südamerika, in Asien (Korea und Vietnam) - - - die Liste läßt sich endlos fortführen. Politische Morde und Folter, Guantánàmo und anderer brutaler Staatsterror im Namen der Demokratie! Erst schleichende und jetzt galoppierende Verwässerung bis Abschaffung einst hart erkämpfter Bürger- und Menschenrechte – Big Brother is watching you - wegen tatsächlicher und/oder angeblicher Terrorgefahr mit den abenteuerlichsten Begründungen seitens interessierter Kreise durch den sogenannten islamischen Fundamentalismus, wo man nicht genau weiß, ob nicht der vor allem in den USA aber nicht nur dort ausgebrochene christliche Fundamentalismus mindestens genauso gefährlich ist!

Eine sich im Aufwind befindliche neoliberale Grundströmung in mittlerweile allen demokratischen Landesregierungen baut soziale Errungenschaften und Werte radikal wie brutal ab, weil angeblich die Staatskassen leer wären und die Globalisierungszwänge dies so verlangten - - - und im gleichen Atemzug wachsen die Rüstungs- und Militärkosten auch in allen Demokratien ins Unermeßliche!

Und immer ist die deutsche SPD willige Mitläuferin und schlimme Mittäterin, so im ersten Weltkrieg, so in Jugoslawien, so in Afghanistan, so noch recht verschämt im Irak und bald (wieder!) überall und großmächtig auf der Welt!

Wollen Sie, lieber Udo, auch hier im Ernst behaupten, dies sei „von den Wählern her legitimiert“ und sie hätten ja die realistische Möglichkeit, den/die Übeltäter abzuwählen? Können Sie angesichts der eben nur auszugsweise angeführten Scheußlichkeiten wirklich ruhigen Gewissens behaupten: „Einer der Gründe, warum ich eher auf demokratische Entwicklungen setze als auf Anarchsimus und den Blutzoll frustrierter anarchistsicher Fanatiker, die historisch nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel bildeten.“ - - - Also den von Ihnen dem so „schrecklichen“ Anarchismus zugeschrieben Blutzoll entdecke ich eigentlich vor allem und das in wahrhaft erschreckender Größenordnung bei sich demokratisch nennenden Staaten – insbesondere aber beileibe nicht nur bei den Vereinigten Staaten von Amerika! In diesem Zusammenhang wiederhole ich hier gerne einige von Babas Verteidigungsappellen gegen die vielen Verunglimpfungen des Anarchismus:

„Es waren Anarchisten, welche die Volksmassen bewegen konnten, ein verkrustetes, repressives französisches Nachkriegs-Regime ins Wanken zu bringen und die Präsident de Gaulle in die Flucht schlugen!
Verraten wurde die gesamte Bewegung von wem....?
...von den Gleichen, die Bakunins 1872 aus der I.Internationale (die er selbst mit gegründetet hatte) ausgeschlossen haben!!!!“

„... daß Du im Gegenzug Anarchisten genau das unterstellst, was auch un- und falschinformierte "Volksmassen" vom Anarchismus halten,
- nämlich Chaos, Gewalt, Mord und Totschlag!“

„Gewaltfreiheit" wurde von Anarchisten ebenso wenig als ubiquitäre Verhaltensmaxime gegenüber Feinden, Unterdrückern und Verfolgern verstanden, wie von Religionen (z.B. die christliche), welche ausserhalb und sogar innerhalb ihrer Gläubiger-Gemeinschaft morden, foltern und brandschatzen!!!!!“

„Gewaltfreiheit bedeutet(e) für Anarchisten (und Autonome) nicht Pazifismus gegenüber Peinigern,
- also nix mit verlogenen Sprüchen von linker und rechter Backe -,
sondern eine herrschaftslose Ordnung innerhalb welcher, auf freiwilliger und gewaltfreier Basis, die Menschen sich zu Gesellschaften organisieren und zu gegenseitiger Hilfe, Unterstützung und damit Entwicklung auf den verschiedenen Feldern menschlicher Fähigkeiten bereit sind!“


Lieber Udo, ich habe zuletzt nur Baba sprechen lassen, weil sie unstrittig ausgewiesene Kennerin des Anarchismus ist und es von mir als "Anarchie-Laien" eher anmaßend wäre, Ihrem, Udo, sicher ebenbürtigen wenn auch diametral ausgerichtetem Expertenwissen nur aus politikwissenschaftlichen Abhandlungen herausgelesene aber noch nicht verinnerlichte Zitate gegenüber zu stellen. Dieses anspruchslos-fleißige copy & paste überlasse ich doch lieber unserer urania, die wohl so der Symbolkraft ihres Namens Ausdruck verleihen möchte, was ihr vor allem bei der dortigen anspruchslosen Klientel sicher die erhofften Punkte bringt.

Schmunzeln muß ich über die an sich recht lustige und eingängige Schilderung Ihres „Lackmustest‘s“! Nur wird leider auch hier überdeutlich, daß Sie, lieber Udo, alle Schlechtigkeiten nahezu ausschließlich beim aus Ihrer Sicht „realen?“ Anarchismus entdecken wollen und über die von Ihnen leider nicht mal ansatzweise erwähnten demokratischen Horror-Schweinereien den Heils-Mantel des gläubig-verstehenden christlich-wohlgefälligen Schweigens decken.

Hmm, nix für ungut, aber die seit über 200 Jahren bis dato geschehenden tagtäglichen Schweinereien im Namen der Demokratie sind für mich absolut nicht hinnehmbar, wie andererseits für mich genauso wenig hinnehmbar wäre, würden sie im Namen der Anarchie tatsächlich passieren! Aber Fakt ist, die einen verbrecherischen Schweinereien fanden und finden tatsächlich statt während die anderen überwiegend nur von interessierten Kreisen böswillig an die Wand gemalt wurden und werden!

Schließen möchte ich mit Ihren Worten: „Was ich hier sage, sind keine Naturgesetze oder übernatürliche Postulate, sondern entstammen als persönliche Überzeugungen meiner eher autodidaktischen Kenntnis der Geschichte, vor allem der letzten drei Jahrtausende. Man kann auch zu anderen Überzeugungen kommen. Darüber muß man dann immer wieder ernsthaft reden.“ Da ich mit dem Begriff „Glauben“ nicht so viel anfangen kann bzw. hier unpassend finde, habe ich im Zitat entgegen dem Original dieses Wort gelöscht und nur „Überzeugungen“ stehen gelassen. Ebenso habe ich die „sorgfältige Analyse“ der Geschichte in „meiner eher autodidaktischen Kenntnis“ der Geschichte vorsorglich abgeändert, damit mir niemand angeberische Unredlichkeit vorwerfen kann. Schließlich kennt man ja seine Pappenheimer aus dem oh(weh)-Forum.

Mit freundlichen Grüßen
bjk

°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°°
Macht Stimmzettel zu Denkzetteln!
Bei Unschlüssigkeit nicht das "kleinere Übel" oder gar nicht wählen
sondern ungültig wählen!


[editiert: 10.03.04, 16:27 von bjk]
nach oben
Benutzerprofil anzeigen Private Nachricht an dieses Mitglied senden Website dieses Mitglieds aufrufen
Sortierung ändern:  
Anfang   zurück   weiter   Ende
Seite 584 von 618
Gehe zu:   
Search

powered by carookee.com - eigenes profi-forum kostenlos

Layout © subBlue design
. . . zum Politikmagazin auf diesen Button klicken >> bjk's Politikmagazin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .