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bjk

Beiträge: 7339


New PostErstellt: 05.04.05, 22:04     Betreff:  Gedanken zum Mummenschanz um den toten Papst Wojtyla





Der Papst ist tot –

– ein Nachruf auf Herrn Karol Wojtyla alias Johannes Paul II


Am 2.4. verstarb nach langem, in den Medien perfekt zur Schau gestelltem Leiden Karol Wojtyla, alias „der Papst“. Die Medien machten aus seinem Sterben eine riesige Inszenierung, lassen Zehntausende trauern und verhelfen der katholischen Kirche so zu einem zweiten Frühling – auch wenn dieser nur von kurzer Dauer sein wird. Um die Nebelschwaden dieser verordneten Massentrauer zu lichten, sei ein Rückblick auf Leben und Werk des verblichenen Papstes gestattet.

Die offiziellen Rückblicke auf das Leben und Wirken des Papstes zeichnen das Bild einer „Lichtgestalt“, die vielleicht die eine oder andere Schattenseite gehabt haben mag. In die Geschichtsbücher wird er aber nicht nur als erster slawischstämmiger Pontifex maximus eingehen, sondern auch als wichtigster Papst der Neuzeit, der einen wichtigen Beitrag für den Weltfrieden geleistet habe, der sich unermüdlich für die Armen und Geschundenen eingesetzt habe, der ein Ohr für die Jugend hatte. Er war ein Superstar, ein Virtuose, ein „Vater, an den man sich anlehnen konnte“.

So lassen wir die Fakten sprechen, damit wir uns frei von Vorurteilen und katholischen Propagandasendungen in staatlichen wie privaten Rundfunkanstalten ein Bild machen können.


Ein Papst wird gemacht

Die katholische Kirche verfügt über ein wahres Arsenal an netten Märchengeschichten. Da kann natürlich eine über die Mechanismen der Papstwahl nicht fehlen. Dutzende Kardinäle treffen sich demnach zu dieser Wahl im Vatikan und warten dabei auf die Niederkunft des Heiligen Geistes, der nach langem hin und her, einer Mehrheit der Kirchenfürsten den Namen des neuen Papstes einhaucht, den diese dann zu wählen haben.

Als Materialisten glauben wir jedoch vielmehr, dass auch im Vatikan handfeste materielle Interessen über die Wahl des Staatsoberhauptes entscheidend sind. Als Karol Wojtyla am 16. Oktober 1978 als neuer „Papa“ der katholischen Herde präsentiert wurde, dürften aber nicht nur kircheninterne Interessenlagen ausschlaggebend gewesen sein. Die engen, seit Jahrzehnten bestehenden und während des Kalten Krieges gut gepflegten Verbindungen des CIA zu namhaften Vertretern des „Opus dei“ und dem „Malteser-Ritterorden“, zwei erzreaktionären Sekten in der katholischen Kirche mit guten Beziehungen zum Vatikan, dürften damals für die Wahl entscheidend gewesen sein.

Die „Malteser“ und „Opus dei“ organisierten Wojtylas Wahlkampf, nachdem dieser unter den möglichen Papstkandidaten den vom CIA ausgeschriebenen Kriterien für den neuen Papst am nächsten kam.

1976 ging diese Taktik noch nicht auf, und es wurde Herr Luciani, ein Verfechter des zweiten Vatikanischen Konzils und einer eher gemäßigten Linie, zum Papst (Johannes Paul I.) gewählt. Als dieser jedoch auf mysteriöse und bis heute ungeklärte Weise nach kurzer Amtszeit (33 Tage) aus dem Leben schied, war der Weg für den polnischen Kardinal frei. Vom ersten Tag an sollte Wojtyla vom Vatikan aus dann auch Politik im Interesse des US-Imperialismus machen.

Mit Wojtyla zieht ein neuer Typus im Vatikan ein. Er steht für eine konservative Gegenoffensive. Es ist wohl kein Zufall, dass er mehr oder weniger zur selben Zeit an die Spitze der katholischen Kirche gelangt, als Ronald Reagan und Maggie Thatcher in den USA und Großbritannien eine rechtskonservative Wende einläuten. Wojtyla ist die religiöse Flankendeckung für deren Neoliberalismus.


Wojtyla der Antikommunist

Karol Wojtylas Werdegang ist geprägt von der Auseinandersetzung der starken katholischen Kirche in Polen gegen das „kommunistische Regime“. Wojtyla war Zeit seines Lebens ein fanatischer Antikommunist. Die Verteidigung der Religionsfreiheit stand immer im Zentrum seines Wirkens. Und Religionsfreiheit war für ihn das wichtigste Menschenrecht, weil nur die Religion dem Sittengesetz zum Durchbruch verhelfen könne. Wo der Staat gegen dieses gottgegebene Sittengesetz verstößt (wie bei der Liberalisierung des Abtreibungsrechts, der Einführung eines Aufklärungsunterrichts an Schulen,…), und zwar nur da, habe die Kirche auch die Pflicht sich ins politische Leben einzumischen.

Wojtylas Menschenbild verneint gesellschaftliche Verhältnisse. Soziale Rechte des Menschen sind daher bestenfalls zweitrangig. Wo diese Rechte im Kapitalismus mit Füßen getreten werden, kann die Kirche, der es ja nur um das Seelenheil geht, auch getrost die Augen verschließen und sich ins Gebet für die armen Schafe der Herde vertiefen.

Der Kommunismus ist für Wojtyla jedenfalls die völlige Negation des Sittengesetzes. Seine zentrale Aufgabe sieht er somit auch im Kampf gegen dieses „Reich des Bösen“, das seinen Platz in der Sowjetunion hat. Ein Bild, das sein Freund Ronald Reagan später dankend übernommen hat. Mit seiner Polenreise im Jahre 1979 sollte Johannes Paul II. einen wichtigen Beitrag im antikommunistischen Kampf leisten. Diese Reise hatte einen klar politischen Auftrag, nämlich die Stärkung des Katholizismus, der in Polen immer auch ein politischer Faktor war, und damit indirekt die Destabilisierung des „kommunistischen“ Polens.

So ist es auch wenig überraschend, dass die erzkatholischen Kräfte an der Spitze der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc in der Streikwelle von 1980 bewusst Papstporträts zum Symbol ihres Widerstands machten. Ein interessantes Detail dabei: Die Streikwelle im Polen der 1970er und frühen 1980er wurden unabhängig von der Solidarnosc geführt. Mit Hilfe des Netzwerkes der katholischen Kirche und finanzieller Unterstützung der Reagan-Regierung gelang es der erzreaktionären Solidarnosc-Führung, die Führung der Streikbewegung zu übernehmen und in prokapitalistische Bahnen zu lenken. Lech Walesa sprang im August 1980 über die Mauern der streikenden Danziger Werft und übernahm gegenüber der Öffentlichkeit die Führung des Streiks, was nichts als ein (erfolgreicher) Putsch gegen die tatsächliche Streikleitung war, die mit der Solidarnosc nichts am Hut hatte. Walesa und sein damaliger Beichtvater bilden bis heute den rechten Rand des katholischen Lagers in Polen und sollen in verschiedenste mafiöse Geschäfte verwickelt sein.

In diesem Zusammenhang sind auch die Predigten des Papstes für ein „neues, geeintes, christliches Europa“ zu sehen. Österreichs Bundeskanzler Schüssel gab sogar offen zu, dass die Europa-Vesper des Papstes bei dessen ersten Wien-Besuch 1983 eine große Vorbildwirkung auf konservative Politiker wie ihn hatte und einen ideologischen Anstrich für christdemokratische Europapolitik (Stichwort Osterweiterung) lieferte. Das Christentum sei der Eckpfeiler der europäischen Kultur und müsse auch in Zukunft Leitbild für den europäischen Vereinigungsprozess werden. Die Verbrechen der christlichen Kirchen im Zuge der europäischen Geschichte werden da wohlweislich unter den Teppich gekehrt.

Am europäischen (sprich christlichen) Wesen sollte die Welt genesen. Voraussetzung dafür sei, dass sich der Osten Europas aus den Fängen der atheistischen Kommunisten befreie. Diese Vorstellungen passten natürlich vorzüglich in die Gedankengebäude reaktionärer Politiker vom Schlage des deutschen Ex-Kanzlers Helmut Kohl oder des ÖVP-Vorzeigereaktionärs Andreas Khol, die sich des christlichen Banners bedienen, um den europäischen Imperialismus zur Weltmacht machen zu können.


Wojtyla und Lateinamerika

Als Vorbilder für dieses neue Europa dienten dem Papst kaum verwunderlich die Konquistadoren, die vor rund 500 Jahren Südamerika mit der Bibel in der einen Hand und dem Schwert in der andern „missionierten“. Für den Spruch „Das Schwert und die Eisenrute sind die besten Prediger“ kann es dann schon mal eine Seligsprechung geben, wie im Fall des „Apostels Brasiliens“ Jose de Anchieta. Spätestens seit der kubanischen Revolution war der „Hinterhof der USA“ aber zu einem Zentrum des revolutionären Prozesses geworden. Gerade dieser Kontinent, wo die Kirchenspitze und die herrschenden Klassen in trauter Einigkeit die herrschende Ordnung verteidigen, befand sich jedoch bei Amtsantritt von Johannes Paul II. in Gärung. Die revolutionären Prozesse spiegelten sich auch in der katholischen Kirche wider. Die sogenannte „Befreiungstheologie“ verstand sich durchaus als Teil der revolutionären Bewegung.

Johannes Paul II. sah sodann auch eine seiner wichtigsten Aufgaben darin, die lateinamerikanische Kirche von diesem „marxistischen Bazillus“ zu säubern. Bei seiner ersten Auslandsreise nach Mexiko stellte er fest: „Es steht zum Glauben der Kirche im Widerspruch zu meinen, dass Jesus politisch engagiert gewesen sei, gegen die römische Herrschaft und die Mächtigen gekämpft habe und sogar in einen Klassenkampf verwickelt gewesen sei.“ Welchen Ratschlag gibt der Papst also den Entrechteten und Ausgebeuteten in Lateinamerika? Kuschen und für das Seelenheil beten, aber nur nicht für das Paradies auf Erden eintreten…

Natürlich sprach er auch die Frage der „sozialen Gerechtigkeit“ in diesem Zusammenhang an. Die Kirche müsse ihre Stimmer erheben, wenn die Reichen immer reicher würden und die Armen immer ärmer. Nicht die Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums sei aber der Schlüssel zur Lösung sondern eine Rückbesinnung an die „Prinzipien der Ethik“. Amen und vergelt’s Gott! Diese Aussagen des Papstes gaben der Rechten in ganz Lateinamerika Auftrieb und wurden von Augusto Pinochet, dem chilenischen Militärdiktator, der 1988 ebenfalls vom Papst einen freundlichen Besuch erhielt, ausdrücklich gelobt. In der Folge legitimierte der Papst auch mit einer seiner Reisen die Militärjunta in Brasilien. Zwar wolle er an der Spitze „der Kirche der Armen“ stehen, das könne aber nicht bedeuten, dass die Kirche dazu dient „dass Spannungen verursacht werden und der Kampf zwischen den Menschen ausbricht.“ Soziale Veränderung könne nur von den Mächtigen kommen, die Armen sollten gefälligst die Fingern vom Klassenkampf lassen. Befreiung, so der Papst, könne nur jeder Mensch für sich durch den Glauben an Gott erlangen. Befreiung habe aber nichts mit einer Veränderung der Gesellschaft zu tun.

Wo Katholiken als Teil der Linken auftraten, wurden sie von Johannes Paul II. kräftig in die Schranken gewiesen, wie die Basisgemeinden in Nicaragua, welche die Sandinisten unterstützten. Der vor ihm kniende Befreiungstheologe und Kulturminister der revolutionären Regierung Nicaraguas Ernesto Cardenal wurde von Johannes Paul II. mit erhobenem Zeigefinger öffentlich abgemahnt. Bischof Romero, der die Rolle des US-Imperialismus in El Salvador offen anprangerte, wurde vom Papst nach Rom zitiert und scharf kritisiert. Als Romero einem politisch motivierten Mord zum Opfer fiel, ermahnte der Papst mehr oder weniger offen die Anhänger der Befreiungsbewegung in den Reihen der katholischen Kirche zu politischer Enthaltsamkeit. In Osteuropa hingegen wurden politisch aktive Kleriker schnell in den Rang seliger Märtyrer erhoben.

Ein weiterer Stein seiner Marxismus-Destructions-Tour war sein mehrtägiger Kuba-Aufenthalt im Jahr 1998. Obwohl dieser Auftritt aus konterrevolutionärer Sicht ein Fehlschlag war, wird er heute wiederholt als Glanztat in Erinnerung gerufen. Dazu folgende Bemerkungen: Der kubanische Klerus ist traditionell so rechts, dass er keinen Massenanhang hat, obwohl das Land auf dem Papier katholisch dominiert ist. Dennoch kamen zur Papstmesse 500.000 Menschen und die Stimmung war, so ein deutscher Bischof, „elektrisierend“. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da die Mobilisierung zur Messe über die Strukturen der Kommunistischen Partei erfolgte, die katholische Kirche hätte nicht ein Zehntel der Menschen für dieses absurde Spektakel in Havanna mobilisieren können. Die Brandmarkung der systematischen „Todeskultur“ auf Kuba, wo gratis Verhütungsmittel und Schwangerschaftsabbrüche (ab 16 auch ohne Zustimmung der Eltern) zur Normalität gehören, fiel hier klarerweise auf unfruchtbaren Boden. Die päpstliche Forderung nach der Öffnung des Landes und der Öffnung der Welt gegenüber Kuba entsprach der politischen Orientierung Kubas in den ausgehenden 1990er Jahren, die auf Investitionen und das Durchbrechen der politischen und ökonomischen Blockade ausgerichtet war. So blieb dieser Schachzug in den ersten Zügen stecken. Zwar bescheinigt der Vatikan, dass es mit der Religionsfreiheit seither besser geworden sei, was aber angesichts leerer Kirchen als Pyrrhussieg gewertet werden muss. Der Versuch der ideologischen Konterrevolution auch materiell etwas nachzuliefern setzte die konservative Regierung Spaniens unter Aznar. Sie wollte Hilfslieferungen über die kubanische Caritas verteilen lassen, um der katholischen Kirche auf Kuba bessere Argumente für ihre antirevolutionäre Arbeit in die Hand zu geben. Dies wurde von der Regierung abgelehnt und führte zu ernsthaften diplomatischern Konflikten, die die jetzige Eiszeit zwischen der EU und Kuba einleiteten. Ein Bonmot noch: In einem abschließenden Gespräch mit Castro brachte der Weihbischof aus Boston dann noch der Unterschied zwischen dem Kommunismus und der Kirche auf den Punkt: „Sie jagen einer Utopie nach (dass es dem Menschen auf Erden besser gehen könne, Anm.), wir aber agieren im Wissen, dass unser Erlöser nach dem Tode auferstanden ist.“ Na dann...

Bei all seinen Lateinamerikaauftritten gab es im Vorfeld Gespräche mit hochrangigen US-Politikern, wo offensichtlich das öffentliche Auftreten des Papstes geplant und abgestimmt wurde. Die Kirche spielte unter Johannes Paul II. auf alle Fälle eine wichtige Rolle als Verteidigerin der herrschenden Ordnung und der Aufrechterhaltung von Ausbeutung und Unterdrückung. Und der Papst gab dabei zu verstehen, dass er sich bewusst ist, dass der Marxismus der wichtigste Gegner ist.



Der Papst des Friedens

Immer wieder sprach sich der Papst in seinen öffentlichen Auftritten für den Frieden aus. Gerade vor dem Hintergrund des Kalten Krieges waren die Ansichten des Papstes aber gleichzeitig eindeutige Parteinahmen für den Westen, wo er den Hort der Freiheit sah, den es gegen den totalitären Osten zu verteidigen gilt. Sein Motto lautete: „Schütze die Freiheit, dann schützt du den Frieden!“ Artikel in der Zeitung des Vatikans zeigen, dass sich daraus leicht eine Unterstützung für die Rüstungspolitik des Imperialismus gegen die Sowjetunion ablesen ließ. Auch in diversen Reden vor NATO-Soldaten legitimierte er die Politik des Westens. Die Abschreckung mit Atomwaffen hat Johannes Paul II. sogar als moralisch vertretbar bezeichnet, womit natürlich nur die „guten“ Atomwaffen des Westens gemeint waren.

Sein „Pazifismus“ bekam ebenfalls spürbare Risse, als er im Zuge der nationalistischen Konflikte in den 1990ern eindeutig Partei zugunsten der (katholischen) Kroaten bezog, und damit neben dem deutschen und österreichischen Imperialismus eine wichtige außenpolitische Stütze des kroatischen Nationalismus abgab, was einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Auseinanderbrechen Jugoslawiens und der Welle an kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan darstellte. Im Vorfeld des Irakkriegs hat der Papst aber eindeutig gegen den Krieg Stellung bezogen, so werden seine Verteidiger einwenden. Abgesehen davon, dass der Vatikan aufgrund der katholischen Minderheit im Irak ein gewisses Eigeninteresse verfolgte und hoffte durch eine pazifistische Position im arabischen Raum seinen Einfluss ausbauen zu können (was ihm insofern gelang, als dass die Taliban sein Ableben bedauerten), so muss ganz klar gesagt werden, dass die Kriegsgegnerschaft des Papstes außer ein paar Gebeten nicht viel konkretes aufzubieten hatte. Die wahren Ursachen des Krieges, nämlich handfeste imperialistische Interessen, nannte er wohlweislich nicht beim Namen. Alles wird auf eine Frage der Ethik, die jeder für sich individuell zu beantworten habe, reduziert. Dem Papst wurde dabei in den bürgerlichen Medien mehr Bedeutung zugeschrieben als er hatte, um einer Radikalisierung der Antikriegsbewegung entgegenzuwirken und das Kräfteverhältnis zugunsten sehr moderater, pazifistischer Kräfte zu verschieben.



Wider die „Fleischeslust“

So unverbindlich Johannes Paul II. in den Fragen des Friedens und der Abrüstung blieb, so deutlich wurde er dann wenn es um sein Lieblingsthema ging. Von Beginn seiner Amtszeit an stand ein Thema immer im Mittelpunkt des päpstlichen Interesses: die Sexualität. Gar nicht so sehr die eigene (zumindest wissen wir darüber nichts genaueres), aber die seiner Schäflein, die in diesen unheiligen Zeiten ständig dem Teufel auf den Leim gehen und in sexuellen Angelegenheiten sündigen. Die Welt des ausgehenden 20. Jahrhunderts ein einziges Sodom und Gomorra. Im Mittelpunkt seines Feldzuges für eine katholische Sexualmoral steht sein Kampf gegen „die Geißel der Abtreibung, der künstlichen Empfängnisverhütung und der vorehelichen Beziehungen“ (Peru, 1984). Die „sexuelle Permissivität“ zerstöre genauso wie die Drogensucht das Leben von Millionen Menschen (London, 1982). So die Worte des „Heiligen Vaters“.

Und so bleibt dem „Papst der Jugend“ nichts als der Ruf nach Keuschheit und „unberührter Reinheit“. Er wird zum Vorbeter und Schutzpatron all jener Kreuzritter gegen die „Schamlosigkeit“, die jegliche Form der Sexualität ins eheliche Schlafzimmer verbannen wollen, und dabei auch vor Zensur und gewaltsamen Übergriffen gegen Kinos, FKK-Anlagen usw. nicht zurückschrecken. Keusch sollen wir leben, erst in der Ehe soll dann der Fruchtbarkeit freiem Lauf gelassen werden. Sex, der nicht darauf hinausläuft, Kinder zu zeugen, höre auf ein „Akt der Liebe“ zu sein, ist somit Teufelswerk. Wer sich dran hält wird selig…

Das Recht auf Abtreibung war ihm bis zum Schluss ein schmerzender Dorn im Auge. Vom „Heiligen Stuhl“ aus führte er über mehr als 25 Jahre den Kampf der reaktionären AbtreibungsgegnerInnen weltweit. „Das erste Recht des Menschen ist das Recht auf Leben.“ (sic!) – und das vom Oberhaupt einer Kirche, die seit Jahrhunderten die Todesstrafe akzeptierte und nicht zu selten selbst praktizierte. Einer Kirche, die seit Jahrhunderten dem Massenmord auf den Schlachtfeldern den Segen erteilt. Dabei war es dem Papst noch nicht einmal zu blöd, Abtreibungen, „dieses unaussprechliche Verbrechen gegen das menschliche Leben“, mit der Bedrohung der Menschheit durch „die Macht der Atomwaffen“ gleichzusetzen (Vancouver, 1984). In der Abtreibungsfrage geht der Vatikan unter Wojtyla damit Hand in Hand mit rechtskonservativen Politikern vom Schlage eines Ronald Reagan.

Karol Wojtyla war ein extrem politischer Papst, der wusste auf welcher Seite er zu stehen hat. In seinem Wirken kommt klar zu Tage, welch reaktionäre Rolle die Kirche, im konkreten Fall die katholische, in dieser Gesellschaft spielt. Sein Welt- und Menschenbild lehnt jede Veränderung kategorisch ab, außer sie beruht auf dem religiösen Sittengesetz. In der Praxis werden damit die herrschenden Verhältnisse einzementiert, weil den Herrschenden die Aufrechterhaltung ihrer Machtposition und ihrer Privilegien immer wichtiger sein werden als das ewige Seelenheil. Die Bilanz des Papstes ist aus der Sicht der herrschenden Klasse zweifelsohne eine erfolgreiche. Deshalb wird er auch in ihre Geschichtsbücher Eingang finden. All jene, die für ein Paradies auf Erden eintreten, werden diesem Papst aber keine Träne nachweinen.


http://www.derfunke.de/rubrik/geschichte/der_papst_ist_tot.html


[editiert: 05.04.05, 22:16 von bjk]
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