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bjk

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New PostErstellt: 24.04.04, 09:28     Betreff:  Moraldebatte unter israelischen Philosophen

http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~EB1C6FA16848A482EB11DB5ECCF525618~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Nach Liquidierung Scheich Jassins

Moraldebatte unter israelischen Philosophen


Von Joseph Croitoru

24. März 2004 Über die Liquidierungen palästinensischer Terroristen wird derzeit unter Israels Intellektuellen heftig debattiert. Dabei geht es um die Frage, ob die staatlich angeordnete Tötung der Feinde, bei der nach aller Erfahrung oft auch Unschuldige zu Tode kommen, moralisch zu rechtfertigen ist. Für das Militär ist das Problem, zumindest sprachlich, längst gelöst. Hatte man vor einiger Zeit noch von Liquidierungen gesprochen, so schreibt neuerdings die Sprachregelung der Armee die Verwendung des Begriffs "sikul memukad" vor, was im Hebräischen soviel bedeutet wie "gezielte Vereitelung" - eines Terroranschlags nämlich. Vom Töten ist keine Rede mehr: Das Wort wurde im Namen einer national fast schon geheiligten brutalen Präventivstrategie aus dem Bewußtsein getilgt.

Für die ethische Legitimierung dieser Strategie hat das israelische Militär den Tel Aviver Philosophen Assa Kasher gewonnen, der kürzlich in einer Militärzeitschrift eine Ethik des israelischen Antiterrorkriegs formulierte. Dort war von einem bei israelischen Aktionen eventuell zu Schaden kommenden "menschlichen Umfeld" der Terroristen die Rede. Die "gezielte Vereitelung", also die Liquidierung, sei, so der Philosoph, auch dann moralisch zu rechtfertigen, wenn dabei palästinensische Zivilisten ums Leben kämen: Nur so sei den Drahtziehern der Selbstmordanschläge zu begegnen, die sich unter die Zivilisten mischten.


„Luxus“ einer moralischen Position

Die Kritik an der neuen Rolle des angesehenen Philosophen Kasher ließ nicht lange auf sich warten. Der Politologe Reuven Pedahzur warf ihm in der Zeitung "Haaretz" vor, sich in den "Hausphilosophen" der Armee verwandelt zu haben. Der von Kasher geprägte Ausdruck "menschliches Umfeld" - zumal noch als Ziel von Präventivschlägen legitimiert - stelle eine weitere Enthumanisierung der palästinensischen Seite dar. Denn hier werde nicht einmal mehr von konkreten Personen gesprochen, geschweige denn von unbeteiligten Zivilisten, deren Tod man bewußt in Kauf nehme.

Auch die schwammige Definition des organisatorischen Netzwerks der Terroristen, die Kasher vornehme, sei bedenklich, weil sie keine klare Grenze mehr ziehe zwischen den eigentlichen Tätern und deren sozialem Umfeld. Damit werde, so glaubt Pedahzur, einer inhumanen Kollektivstrafe Tür und Tor geöffnet, die niemals moralisch gerechtfertigt werden könne. Die Antwort Kashers an seinen Kritiker kam denn auch prompt. Pedahzurs Haltung, konterte er ebenfalls in "Haaretz", sei "moralisierend"; ein Luxus, den sich Israel im Dauerkampf gegen den Terrorismus nicht leisten könne.


Wird die Debatte philosophisch entschärft?

Aus dem Streit ist inzwischen eine Debatte geworden. Die Publizistin und Politikwissenschaftlerin Orit Shochat lehnt Kashers kategorische Unterscheidung zwischen einer regulären Armee und einer terroristischen Organisation ab: Israelische Soldaten schössen doch seit langem schon auch auf unbeteiligte Personen, beklagt Orit Shochat, selbst dann, wenn sich die Soldaten nicht in unmittelbarer Lebensgefahr befänden. Josef Agassi, wie Kasher Philosoph in Tel Aviv, wirft diesem vor, eine politische Debatte in eine philosophische umwandeln zu wollen, um sie so politisch zu entschärfen.

Natürlich glaubt auch Agassi, daß Israel geschützt werden muß. Doch die Politik der Liquidierungen habe bislang nur zu weiterem Blutvergießen und in eine politische Sackgasse geführt. Die Tel Aviver Philosophin Ruth Manor sieht in Kasher einen Propagandisten des Militärs: Er, der den Krieg gegen Zivilisten zu einem moralischen erkläre, entlaste nicht nur die Militärführung, sondern enthemme vor allem den einzelnen Soldaten bei seinem Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung.
Die Debatte hat bislang kaum politisch-praktische Wirkung gezeitigt. Die Tötung von Scheich Jassin macht deutlich, daß der Kreis der sogenannten moralisch legitimen Ziele mittlerweile eher noch erweitert worden ist. Über diesen qualitativen Wandel, in dem manch ein Kritiker der Regierung Scharon einen schleichenden Übergang zum "Staatsterrorismus" sehen mag, können Parolen aus dem populistischen Arsenal des Kampfes gegen den internationalen Terrorismus nicht hinwegtäuschen: Der israelische Verteidigungsminister Mofaz nämlich erklärte Jassin nach dessen Tötung schlichtweg zum "Bin Ladin der Palästinenser".

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004, Nr. 71 / Seite 43

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